Späte Erkenntnis der Süddeutschen Zeitung: Das Virus bleibt!

Am 13. Februar 2021 war der Leitartikel der Süddeutschen Zeitung überschrieben:

Gekommen, um zu bleiben

Geht alles gut, erreicht Deutschland im Spätherbst Herdenimmunität. Doch Corona ist deshalb nicht aus der Welt. Alles deutet auf eine dauerhafte Koexistenz von Mensch und Virus hin

„… Doch selbst wenn der Massenschutz [gemeint: durch Impfung] in Deutschland Wirkung zeigt, das Viru ist nicht aus der Welt. Die letzten Wochen haben gezeigt, dass es Wege findet, der geschulten Immunabwehr ehemals Infizierter zu entgehen. Auch die bisherigen Impfstoffe wirken gegen diese Virusvarianten nicht so gut wie gegen den ursprünglichen Erreger. Noch ist das kein Grund zur Sorge doch das kann sich ändern.“ Der Autor vermutet, dass es künftig regelmäßige Impfkampagnen geben wird „So wie man auch gegen Influenza jährlich neue Impfstoffe produziert, weil auch diese Erreger sich stetig verändern. . „In jedem Fall werde es auf eine Koexistenz zwischen Mensch und Virus hinauslaufen, sagt der Infektionsepidemologe Hajo Grundmann…“

Ich schwanke zwischen Wut, Erbitterung und ein bisschen rechthaberischem Triumph.

Wut auf all die PolitikerInnen, Medienleute (ja, gerade auch die von der Süddeutschen, aber auch von Spiegel, TAZ, ARD… mir fällt keine Zeitung, kein Rundfunksender ein, die nicht in das Horn tutete „je strenger, je besser“), Wut auf jene „ExpertInnen“ die den Aberglauben erst möglich machen, man könne – ach was – man müsse und werde  das Virus ausrotten. Wut auf die NoCovid – und ZeroCovid“-AnhängerInnen, die Selbstüberschätzung mit wissenschaftlichem Programm verwechseln. Das Papier von zero-covid „Für einen solidarischen europäischen Shutdown“  kann einem das Fürchten lehren. Das Verständnis von „Solidarität“ ist wohl bei der chinesischen Regierung abgekupfert worden.

Erbitterung, wenn ich an die kurz- und langfristigen Opfer der Strategie denke, die seit Monaten gefahren wird. Die Liste ist lang, aber ich will mich nicht wiederholen. Hier nur eine aktuelle Meldung vom 15.2.21 zu den rein medizinischen Folgen der Coronamaßnahmen für Kinder:“….Mediziner erwarteten … einen Anstieg von schweren Verläufen bei chronischen Erkrankungen von Kindern… Laut DAK-Report fiel im Vergleich zum Vorjahreszeitraum fast jede zweite Operation von Kindern und Jugendlichen aus <minus rund 46 Prozent>“  (siehe auch der Spiegel)

 Rechthaberischer Triumph – ich gönne ihn mir. Ein bisschen wenigstens. Die Position einer kleinen Minderheit zu vertreten, ist nie besonders lustig. Da tröstet auch Friedrich Schiller nur bedingt (zumal er hier nicht als lupenreiner Demokrat argumentiert und außerdem nicht sicher ist, dass ich zu den „wenigen“ gehöre, bei denen Verstand zu finden ist):

„Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn.
Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen….
Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen.
Der Staat muss untergehn, früh oder spät,
wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.“

(Friedrich Schiller, Demetrius I)   

Im Falle von Corona kam zur Minderheitenposition die moralische Diffamierung dazu. Nach Art „Sie wollen wohl Ihre Großmutter sterben lassen“. Da hilft es nichts, wenn man selber Oma ist.

Und jetzt gerade beginnt (beginnt!) sich der Wind zu drehen: Plötzlich wird (ein bisschen!) nach der Sinnhaftigkeit der seitherigen Corona-Maßnahmen gefragt und plötzlich müssen die sich rechtfertigen, die bislang einen langjährigen Pachtvertrag auf Unfehlbarkeit, „Alternativlosigkeit“ und Moral zu haben glaubten.  

 

Der Wind dreht sich – selbst in der CSU:

„‘Lebensfremd‘ und ‚erklärungsbedürftig‘“: Mit diesen Wortmeldungen kritisierten bayerische Politiker die jüngste Lockdown-Verlängerung von Bund und Ländern. Bemerkenswert: Sie alle sind Mandatsträger der CSU…Das Papier der Mittelstands-Union beinhaltet grundlegende Kritik an Söders Corona-Kurs: ‚Gerade harte Lockdowns entfalten kaum die erhoffte Wirkung‘, schreibt Pschierer, der 2018 ein gutes halbes Jahr bayerischer Wirtschaftsminister war.“   (siehe auch: www.merkur.de)

 

 Vor vier Monaten: „Überlegungen zu einem Strategiewechsel“

 18.10.20 habe ich ein Blog-Beitrag geschrieben – Inspiriert durch Professor Vernazza / : Corona. Überlegungen zu einem Strategiewechsel
Damals schrieb ich: Im letzten Artikel habe ich ausführlich Professor Vernazza aus der Schweiz zitiert, der einen Strategiewechsel anmahnt. Ich war zunächst durch die Formulierung der Überschrift „Überschätzten wir uns selbst?“ irritiert, bis ich begriff, was er meinte: Manche „Kriege“ sind nicht durch komplette Vernichtung oder Vertreibung des Gegners zu gewinnen. Es war eine Illusion, eben eine Selbstüberschätzung, man könne den Invasor „Corona“ aus dem Land jagen. Vielleicht ist es so ähnlich, wie man bei vielen Krankheiten Abschied nehmen muss von der Illusion einer vollständigen Heilung. Vielmehr kann das Ziel bei Diabetes, COPD, Colitis ulcerosa usw. usw. nur sein, ein möglichst gutes Leben mit der Krankheit zu haben.
Mag sein, dass irgendwann einmal im einen wie im andern Fall komplette Heilung möglich ist. Aber bis das so weit ist, verschwenden wir unsere Kraft durch nutzlose Versuche, das Virus „auszurotten“ und die Ansteckungszahlen auf Null zu drücken. Kraft, die wir anderweitig besser nutzen können, nutzen müssen. Jetzt weiter nach dem Motto „viel hilft viel“ und wenn das nicht geholfen hat, erhöhen wir eben die Dosis – das ist offensichtlich Schwachsinn. Das Ergebnis kennen wir beispielsweise von Schmerzmitteln: Wenn Ibuprofen 600 nicht reicht, nehmen wir eben noch eine und dann noch eine… wenn notwendig bis zum Magendurchbruch. Nun, den „Magendurchbruch“ im übertragenen Sinn scheint man vermeiden zu wollen.“
Ich war mit den Überlegungen zum „Strategiewechsel“ übrigens nicht allein. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung formulierte am 28. Oktober ein Positionspapier, das zwar viele ärztliche und psychotherapeutische Gesellschaften unterschrieben. Aber hauptsächlich erinnerlich sind mir die Prügel, die der Chef der KBV, Dr. Andreas Gassen dafür bekam.

 „Machen Sie’s doch besser!“

Wenn man etwas kritisiert, kommt so sicher wie das Amen in der Kirche: „Machen Sie’s doch besser“. Und darauf kommt von mir ebenso sicher wie das Amen in der Kirche der Satz: „Um zu erkennen, dass ein Ei faul ist, muss ich keins gelegt haben.“ Ich glaube, das ist von George Bernard Shaw…
Man darf kritisieren, ohne gleich eine bessere Lösung präsentieren zu können. Wenn ich im Handelsblatt vom 25.10.2020 lese: „Bundesregierung hat im ersten Halbjahr 186 Millionen für Berater ausgegeben“ – und 16,3 Millionen Euro davon hat das Gesundheitsministerium verbraten und dabei handelt es sich nur um die externen Berater. So ein paar Leute mit Sachverstand müssten ja auch in den Ministerien selbst zu finden sein… Also: wenn ich das lese, dann sage ich: „Gebt mir vier Millionen Euro und vier Wochen Zeit und ich liefere Euch Vorschläge, die mindestens so diskussionswürdig sind, wie das, was Ihr bislang an Corona-Einfällen fabriziert habt. So sicher wie das Amen in der Kirche!“
_______________________________________________________________________
Ein paar ältere und ganz alte  Blog-Artikel zum Thema:
https://ursula-neumann.de/corona-die-wahrgebungsgesellschaft/
https://ursula-neumann.de/unsere-taegliche-triage/
https://ursula-neumann.de/corona-zwischenbilanz-teil-1/
https://ursula-neumann.de/corona-wer-verharmlost-hier-eigentlich/
https://ursula-neumann.de/warum-haben-wir-uns-an-diese-zahlen-gewoehnt/
 
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nach oben scrollen
%d Bloggern gefällt das: