Corona. Zwischenbilanz (Teil 1)

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Am 21.3.20 schrieb ich die Kolumne „Corona: Die Wahrgebungsgesellschaft“. https://ursula-neumann.de/corona-die-wahrgebungsgesellschaft/ 

Ich habe sie heute wieder angeschaut und hatte immerhin die (dann doch gar nicht so) bescheidene Freude: Gute Einschätzung – ich muss nichts korrigieren. Was dagegen das RKI mit der zitierten Meldung vom 18.3. macht („RKI warnt vor 10 Millionen Infizierten in weniger als 100 Tagen“) ist seine Sache.1

  Ich wage die Vorhersage: Auf diese Meldung angesprochen, wird das RKI sagen: „Genauso wäre es mit Sicherheit gekommen. Nur Lockdown und Maskenpflicht haben uns davor bewahrt.“     

Mein „Blick zurück“ hatte zunächst mal den Grund: Nach exakt 10 Wochen habe ich die Meldungen der 12-Uhr-Nachrichten des Deutschlandfunks wieder auf „Coronahaltigkeit“ geprüft. Ich hatte nämlich den Eindruck, es wäre inzwischen wenigstens etwas Normalität wieder eingekehrt, der Fokus nicht mehr so ausschließlich auf Corona gerichtet (was – wie ich damals schrieb – eben auch Folgen, gravierende Folgen für die Wahrnehmung der Welt, der Realität hat). Mein subjektives Gefühl stimmte, aber leider nur bedingt. Vermutlich weil in der Zwischenzeit das Bombardement der Corona-Meldungen noch mal zugenommen hatte, was mir am 21.3. wirklich nicht vorstellbar war. Ergebnis heute: Diesmal waren es zehn Meldungen, und von denen hatten sieben direkten Bezug auf Corona oder die Folgen. Nur drei Meldungen waren komplett Corona-frei. Im März waren lediglich zwei von vierzehn Meldungen ohne jeden Corona-Bezug.       

Wenn ich oben mich selber lobend schrieb, ich hätte die Situation damals gut eingeschätzt, so bedarf das einer Korrektur: Nie hätte ich geglaubt, dass wir in Deutschland, in Europa voller Regierungen sind, die das Prinzip der Verhältnismäßigkeit so komplett außer Acht lassen. Meine Tochter hält mir bei jeder passenden und vor allem bei jeder unpassenden Gelegenheit vor, dass ich die Möglichkeit des Lockdowns im Gegensatz zu ihr in den Bereich der Fantasie verwiesen hatte.

Was ich auch falsch eingeschätzt habe: wie wenig es braucht, um bei der großen Mehrheit der Bevölkerung die alten Mechanismen des „autoritären Charakters“ wieder zum Vorschein kommen zu lassen. Diese Bereitschaft zur Unterwerfung – das finde ich bedrückend, das macht mir Angst. Heute Corona – und morgen welcher Feind, gegen den wir ein „einig Volk von Brüdern“ sein müssen?

Da muss nur einer geschickt eine Bedrohung, einen Feind konstruieren und schon sind wir so weit wie beim Kriegsausbruch 1914, als Kaiser Wilhelm II seinen innenpolitischen Gegnern (z.B. den Sozialdemokraten) generös „Vergebung“ für vorausgehende Unbotmäßigkeiten gewährte und „keine Parteien und auch keine Konfessionen mehr“ kennen wollte, sondern „wir [sind] heute alle deutsche Brüder und nur noch deutsche Brüder“.  HURRA! Auf geht’s: „Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos, jeder Tritt ein Britt, jeder Klapps ein Japs.“   Noch schlimmer sind die Feinde im Innern: Die Zersetzer, Aufrührer, Wühlmäuse, die Unvernünftigen, die nicht merken, was die Uhr geschlagen hat, die Unsolidarischen, die Bequemen. Da gilt nun wirklich: „Pardon wird nicht gegeben“.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass mir nur Zitate aus dem untergehenden Kaiserreich einfallen wollen. 1933ff. böte sich ja durchaus auch zur Assoziation an. Als Assoziation ja – aber um es ganz klar zu sagen: Ich erlebe derzeit keinen Faschismus. Diesen Vergleich halte ich für eine Beleidigung der Opfer des NS-Regimes. Und auch für eine Beleidigung unserer Regierungen (naja, bei Orban wäre ich mir nicht ganz sicher). Sondern mir geht es darum, wie wenig es braucht, um (von mir) sicher geglaubte demokratische Überzeugungen ins Wanken zu bringen. Gerade denke ich an einen Leserbriefschreiber in der Süddeutschen, der allen Ernstes denen riet, die gegen die Einschränkung von Grundrechten demonstrierten: sie sollten halt zum Gottesdienst gehen. Das dürfe man ja wieder und da Religionsfreiheit auch ein Grundrecht sei, wäre doch ihrem Anliegen Genüge getan.

Ich habe mich in den letzten Wochen öfters in der Position der Minderheit gefühlt. Das ist nicht schlecht, denn ich habe hinspüren können, wie man sich in der Minderheitenposition fühlt. Wie wütend und hilflos das macht. Aus diesem Gefühl heraus reagierte ich schärfer und unduldsamer, als es eigentlich angemessen gewesen wäre: Auch wenn ich nicht provoziert wurde – z.B. durch Bemerkungen mit moralisierendem Unterton, ich nähme die Angelegenheit auf die leichte Schulter – reagierte ich auf Verhalten von Menschen, die in meinen Augen übervorsichtig waren, indem ich verbal oder nonverbal die Augen verdrehte.  

Ängstlich war ich nie, denn dazu ist meine Position hierzulande zu komfortabel. Außer mit schiefen Blicken muss ich nicht mit Sanktionen rechnen. Das ist ein ganz wichtiger Unterschied zu Menschen, die es wirklich mit einer Diktatur zu tun haben. Aber dieses „ah… so fühlt sich das also an, wenn man hoffnungslos in der Minderheit ist“ – das finde ich wichtig, um mich in deren Position besser einfühlen zu können: Ich wusste zwar durchgängig, dass ich im Großen und Ganzen recht habe mit meiner Überzeugung, aber etwa das mediale Bombardement (gerade auch von den von mir hochgeschätzten Medien; was von anderen kommt, kann ich locker abtun), das tut schon seine Wirkung. Meistens zwar nur so, dass ich enttäuscht reagierte „was, von denen hätte ich das nicht geglaubt!“, teilweise auch, dass ich dachte (wie zum Beispiel bei jenem Spiegel-Artikel der zum Beweis der Wirksamkeit von Mundschutz ein Experiment mit 27 Goldhamstern anführte) „sind die noch ganz knusper?“. Aber es gab auch Momente, in denen ich verunsichert war: „Was, wenn ich jetzt doch komplett schief liege – die andern, die vielen andern, die überwältigend vielen andern sind ja auch keine Doofis? Wenigstens nicht nur.“ 

Ob ich allerdings tatsächlich so völlig  in einer Minderheitenposition war, wie es die Zustimmungsraten für die Regierungsmaßnahmen nahe legen und wie es eben die eindeutige Tendenz der liberalen und linken Medien (von der TAZ über die Süddeutsche bis zum Spiegel) vermuten lässt – so ganz sicher bin ich mir aber inzwischen doch nicht. Ich bekam auffallend häufig in zufälligen Begegnungen kritische Bemerkungen zu hören, die beträchtlich vom angeblichen Mainstream abwichen. Wobei wichtig ist, diese Menschen äußerten sich kritisch, ohne dass sie etwas von meiner Haltung wissen konnten. Das geschah schon ziemlich früh, also bevor der Frust aufgrund der Dauer der verordneten Maßnahmen gewachsen war.

Es wäre spannend, wenn mal untersucht würde, inwieweit die Umfrageergebnisse wenigstens partiell auch „soziale Erwünschtheit“ widerspiegeln würden. Nicht erst seit „Des Kaisers neue Kleider“ überlegt man sich zweimal, ob man sagt, was man sieht.

Aber darin liegt ja auch ein Problem: Wenn die Atmosphäre so ist, dass ich fürchten muss, exkommuniziert zu werden, falls ich mich mit meiner abweichenden Meinung oute, dann kann die geschmähte „schweigende Mehrheit“ Mehrheit sein, so viel sie will. Die Meinungsmacher haben das Sagen.

Vielleicht liegt hier der prinzipielle Webfehler im Umgang mit der Corona-Krise: Es wurde eine Virologenherrschaft ausgerufen und es gab nur noch ein einziges Ziel: Bekämpfung des Virus.

Wenn von Anfang an nicht – die vielleicht der Panik geschuldete? – Eindimensionalität geherrscht hätte, sondern ein toleranter, ja wertschätzender Diskurs nicht nur zwischen MedizinerInnen verschiedener Anschauungen, sondern zwischen verschiedenen Interessengruppen: den Menschen in Pflegeeinrichtungen, den JuristInnen, den Frauen, den Menschen der Wirtschaft, den Kindern und ihren LehrerInnen, Erzieherinnen,  den Berufstätigen – seien sie Eltern oder nicht, den Menschen in Beratungsstellen, denen, die im Bereich Touristik und Gastronomie tätig sind, denen, die was von Soziologie, von Psychologie verstehen – wie hätte da das Ergebnis ausgesehen? Und wie hätte sich das auf die Atmosphäre in unserem Land ausgewirkt?

Stattdessen: Alles und alle was nicht zur angeblich einzig richtigen Methode zur Corona-Bekämpfung passten, wurde aufs Übelste abgewertet, als unwissenschaftlich, dumm, profilierungssüchtig, egoistisch, rücksichtslos, unsolidarisch diffamiert. Wenn selbst eine so disziplinierte Frau wie unsere Kanzlerin sich im Ton vergreift und verächtlich von „Öffnungsdiskussionsorgien“ spricht – ja was erwartet man dann von Lieschen Müller und Max Mustermann?     

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1) Um ganz sicher zu gehen, habe ich nochmal überprüft, ob ich korrekt zitiert habe. Habe ich – und die Prognose galt keineswegs für die ganze Welt oder für Europa, sondern für Deutschland. RKI-Chef Wieler am 18.3.: „Wenn es nicht gelinge, die Infektionsfälle zu reduzieren, könne es in zwei oder drei Monaten bis zu zehn Millionen Infizierte in Deutschland geben“.https://www.welt.de/vermischtes/article206627359/Corona-waechst-exponentiell-RKI-warnt-vor-10-Millionen-Infizierten-bis-Juni.html 

Die aktuellen Zahlen  – ziemlich exakt 2.5 Monate später (31.5.20): Deutschland 181482 bestätigte Infektionen, Weltweit 6079614. Diese Zahlen sind natürlich mit großer Vorsicht zu genießen, da selbst da, wo nicht geschummelt wird, die Diskrepanz zwischen tatsächlichen und bestätigten Infektionen beträchtlich sein dürfte.   

„Ohne uns Wissenschaftler hätten wir 100 000 Tote mehr“ – so die Überschrift der Spiegel-Titelstory vom 29.5.20 https://www.spiegel.de/politik/deutschland/christian-drosten-in-der-corona-krise-der-suendendoc-a-00000000-0002-0001-0000-000171168291

Angeblich hat das Christian Drosten gesagt (der Satz findet sich aber im Artikel selbst nicht mehr). Eine Aussage, die im Vergleich zu der 10-Millionen-Aussage seines Chefs den unbestreitbaren Vorteil hat, dass sie nun wirklich nicht zu falsifizieren ist. Nicht ein bisschen. 

 

  

 

Kommentare

  1. David Neumann
    30. Mai 2020

    Vielen Dank für diesen gelungenen Artikel (den ich gerne selber geschrieben hätte).
    Ich könnte an vielen Stellen einhaken und deine Standpunkte mit eigenen Gedanken oder Erlebnissen ergänzen.

    Ich will es aber an dieser Stelle bei zwei Anmerkungen belassen.

    1. Meinungsumfragen
    Das Ergebnis einer Befragung wird ganz maßgeblich beeinflusst durch die Art wie ich frage:
    „Die Cornona-Maßnahmen dienen dazu unser aller Gesundheit zu schützen und Menschenleben zu schützen. Halten Sie die gegenwärtigen Maßnahmen für angemessen?“
    „Die Corona-Maßnahmen führen mit großer Wahrscheinlichkeit zu großen wirtschaftlichen und sozialen Problemen. Halten Sie die gegenwärtigen Maßnahmen für angemessen?“
    Je nachdem in welchen Kontext man die Frage einbettet wird man also ganz unterschiedliche Anworten bekommen.
    Es wäre interessant die tatsächlichen Fragekataloge zu kennen, die der repräsentativen Stichprobe vorgelegt wurde.

    2. Was die Menschen tatsächlich denken
    Natürlich sehe ich all die Menschen nicht, die sich ängstlich zuhause verschanzt haben und sich nicht getrauen auch nur einen Schritt vor die Tür zu setzen.
    Aber hier in Konstanz herrschte gestern am Seerhein schon fast Festival-Stimmung. In erster Linie jung Leute (zwischen 20 und 30), standen mit Wein, Bier und Musik zusammen. Der „Mindestabstand“ wurde genau so großzügig ausgelegt wie die Anzahl der Leute, die zusammenstehen dürfen (wobei ich gestehen muss, dass ich gar nicht weiß, wo wir da eigentlich stehen – 10?). In jedem Fall: sehr viele Leute, die sich exakt genauso vernünftig oder unvernünftig verhalten haben wie vor einem Jahr. Bemerkenswert: eine vorbeigehende Polizeistreife wies die Anwesenden lediglich darauf hin, dass sie nicht den Radweg blockieren sollten….

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