Corona: Die Wahrgebungsgesellschaft

Schon wieder eine Kolumne, die ich nicht schreiben wollte

Deutschlandfunk, 21.3. 20, die 12 Uhr- Nachrichten. Ich zähle die Meldungen. Es sind vierzehn. Bei den ersten neun geht es um Corona. Dann Meldung Nummer 10: Etwas zur AFD.  Das Wort „Corona“ taucht aber auch da auf – Absage eines Treffens der Partei wegen Corona.  Meldung Nr. 11 ist komplett Corona-frei. Eine ICE- Strecke ist wieder befahrbar. In Nr. 12 taucht „Corona“ wieder auf: In der Corona-Krise zeige Europa den Flüchtlingen sein hässliches Gesicht. Nr.13 handelt von Bukina Faso mit geschätzten 780 000 Menschen auf der Flucht. „Die Krise werde nicht wahrgenommen“ beklage die UN. Das Wort „Corona“ taucht nicht auf.  Abschließend Nr. 14: Ein Sänger ist mit 81 Jahren gestorben. Offensichtlich nicht an Corona, sonst wäre das gesagt worden.

Was hat das für Auswirkungen? Eine rhetorische Frage, gewiss: Die Aufmerksamkeit wird auf „Corona“ zentriert, eingeengt. Idlib oder der Klimawandel oder die Deutsche Bank oder Trumps Strafzölle oder die Folgen des Brexit  – aus den Ohren, aus dem Sinn.

Jetzt gibt es zwei Interpretationsmöglichkeiten: Entweder fördern hier Leute mit Tunnelblick einen flächendeckenden Tunnelblick her oder es handelt sich um einen angemessenen Umgang mit einer Angelegenheit von allerhöchster Bedeutung. Ich weiß es nicht, auch wenn ich der Tunnelblick-Variante entschieden den Vorzug gebe. Aber selbstverständlich komme auch ich (hin und wieder) ins Zweifeln, ob ich angesichts der vielen (Experten-) Stimmen verkehrt liege, „den Ernst der Lage immer noch nicht begriffen habe“, wie man allenthalben hört. Die alten Mechanismen greifen: „die da oben haben gewiss ihre guten Gründe, von denen ich kleines Licht keine Ahnung habe“. Oder – naja, das kennen wir aus der Sozialpsychologie: Wenn „alle andern“ eine Sache anders sehen als ich, dann bin wahrscheinlich ich schief gewickelt.

An dieser Stelle regen sich die Reste meiner 68-er Vergangenheit: „Millionen Fliegen können sich nicht irren! Fresst Scheiße!“   

Moral- und andere Keulen

In einer Mailingliste von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten leitete eine Kollegin den Link zu der kritischen Stellungnahme von Dr. Wordag weiter. (Ich kann nicht entscheiden, wo er recht hat und wo er sich irrt. Aber wie er inzwischen medial geballt in der Luft zerrissen wird, lässt mich die Ohren spitzen. https://www.wodarg.com/) Darauf reagierte ein Kollege empört: Sie solle umgehend die Weiterverbreitung des Links einstellen, das sei unverantwortlich angesichts der sterbenden Menschen in Italien. Ich meldete mich zu Wort und meinte, ich wisse genauso wenig was wahr sei, wie der Herr Kollege, aber ich hätte den Wunsch, mich möglichst umfassend zu informieren und ich fände das, was Herr Wodarg schriebe, durchaus bedenkenswert. Darauf bekam ich von einem andern Kollegen eins aufs Haupt: 97% aller Wissenschaftler seien vom Klimawandel überzeugt, aber es gäbe eben da wie überall ein paar Doofe, die die Fakten leugnen. Naja, ganz so hat er es nicht gesagt. Aber dem Sinn nach. Kurze Zeit später empörte sich eine andere Kollegin: Da gäbe es doch Leute, die angesichts dieser furchtbaren Krise noch über die Gefahr von Einschränkungen von Grundrechten mäkelten. Oder – das jetzt ein Leserbriefschreiber zum selben Thema: Hier würde angesichts einer „humanitäre[n] Katastrophe“ [!] „der Individualismus zum unfehlbaren Dogma und das solidarische Miteinander… zur Belanglosigkeit erklärt.“ (SZ 20.3.20 S.9 „Individualismus als Dogma“).

Aus Dialog wird Glaubenskampf. Abweichler sind unmoralisch, gefühllos. Es wird bei mir fast zum Reflex, meinen vom Mainstream abweichenden Überlegungen das Selbstverständliche vorauszuschicken: „Doch, wirklich, Sie können mir glauben: Ich finde es schlimm, dass Leute schwer erkranken und sterben. Doch, bestimmt:  ich verhalte mich vorsichtig, bin rücksichtsvoll gegenüber meinen Mitmenschen und ich gehe nicht Corona-Party feiern.“ Wieso gerate ich unter diesen Rechtfertigungsdruck?

Bei der Bewertung von Stellungnahmen fällt mir auf, dass abweichende Meinungen als „Einzelmeinung eines Spinners“, „exotisch“, „gefährlich“ diffamiert werden. „Die richtigen Experten“ das sind diejenigen, die der Angst neue Nahrung geben (so nehme ich es wenigstens im Moment wahr).  Nebenbei ein Steckenpferd von mir: Das Sammeln von „Expertenmeinungen“, von „gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen“, bei denen sich in recht kurzer Zeit herausstellt, dass sie hanebüchener Quatsch sind. Da muss man keineswegs – ich bleibe bei der Medizin – bis zum „physiologischen Schwachsinn des Weibes“ (1900) oder zur Giftigkeit des Menstruationsblutes (medizinische Dissertationen darüber bis in die 1970er Jahre) zurückgehen.

Diese Kenntnisse um die Vergänglichkeit stärkt die Immunabwehr gegenüber „Gewissheiten“ – man sollte aber sich selbst miteinbeziehen: Auch meine Gewissheiten können Unsinn sein.        

Die Botschaft bestimmt der Empfänger

Wenn der Deutschlandfunk den überwiegenden Teil seiner Nachrichten „Corona“ widmet, dann kann die Absicht dahinter „Beruhigung durch Information“ sein. Aber was die Empfänger der Botschaft draus machen – da hat der Deutschlandfunk wenig Einfluss drauf. Da wo ich wütend werde, wird ein anderer panisch. Aber manchmal staune ich über die Gedankenlosigkeit, mit der Dinge herausposaunt werden, ohne mögliche Auswirkungen im Blick zu haben.

„RKI warnt vor 10 Millionen Infizierten in weniger als 100 Tagen“ hieß es am 18.3.20   

Da kann man zum Beispiel drauf reagieren

  • Das ist der Beweis: es handelt sich um ein im (wahlweise chinesischen,russischen, Us-amerikanischen) Militärlabor entwickeltes Virus. Sonst ginge das nicht so schnell mit der Verbreitung.  
  •   Das ist ja noch nicht mal jeder achte in Deutschland, das heißt: 70 Millionen wären nicht angesteckt.
  •    Na, gut, dann wäre ein Gutteil immunisiert und der Spuk hat ein Ende.
  •   Wir alle werden sterben!
  •  Mir kann das nichts anhaben, ich esse täglich Ingwer.
  •   Ich gehe nicht mehr aus dem Haus.
  •    Hätte ich doch nur rechtzeitig Vorräte angelegt! Morgen löse ich mein Sparbuch auf und decke ich mich mit allem ein, wenn es überhaupt noch was gibt.
  •  Dann bricht die Wirtschaft zusammen, da kann ich gleich einen Strick nehmen.
  •  Das glaub ich im Leben nicht, da will sich einer wichtig machen.

Eine sachliche Information, was 10 Millionen Infizierte konkret für Folgen haben könnte, fehlte in diesem Fall vollständig – das halte ich für absolut unverantwortlich. Aber selbst wenn sie gegeben worden wäre, wird sie von jemandem, der sich zwanzigmal am Tag die Hände desinfiziert, obwohl er keinerlei „Sozialkontakt“ hatte, anders verwendet als von jemandem der sagt „meine Immunabwehr ist top, ist mir doch wurscht“. Und ein misstrauischer Mensch sagt: „Die sagen zehn Millionen! Ha! Die wollen uns nur beruhigen. In Wirklichkeit sind es sicher 50 Millionen und die lullen uns nur ein von wegen ‚meist milder Verlauf‘.“     

 

Corona tötet! Wirklich?

Am 20.3. brachte die Süddeutsche Zeitung (Oliver Meiler, Dem Tod auf der Spur) einen Bericht über Italien, dem in Europa am stärksten vom Corona-Virus infizierten Land mit über 3000 Toten. Angereichert mit Grafiken des Instituto Superiore die Sanita. Kann man natürlich auch anzweifeln, wenn’s nicht ins eigene Bild passt. Ich zitiere trotzdem: „Das durchschnittliche Alter der Verstorbenen liegt bei 79,5 Jahren. Die deutlich am stärksten betroffene Altersgruppe sind die 80-89Jährigen. Nur fünf Menschen waren unter 40 Jahre, alle waren krank, ehe sie sich mit dem Virus infizierten. 70% der Opfer sind Männer. Drei Personen (0,8%) starben offensichtlich ausschließlich ‚am‘ Coronavirus… Die anderen litten an mindestens einer schweren Vorerkrankung. Die Hälfte hatte drei oder mehr Krankheiten, die häufigsten waren: Bluthochdruck, Diabetes, Krebs, Herz- und Atembeschwerden.“

Nebenbei: 70% Männer… das erinnert mich daran, dass mir eine Ärztin etwas boshaft sagte: „Das ist eine Krankheit von älteren Männern. Politiker sind meist ältere Männer. Glauben Sie, die getroffenen Maßnahmen wären genauso ausgefallen, wenn die Mehrzahl der Opfer weiblich wären?“

Aber ernsthaft: Egal, woran man stirbt – Sterben ist schlimm. Jedoch: warum wird hierzulande so wenig über diese Fakten kommuniziert, warum erfahren wir so wenig Genaues über Alter der Verstorbenen und wie es sich mit den Vorerkrankungen verhält. Es macht doch einen Unterschied, ob das Corona-Virus „nur“ die Rolle hatte, den letzten Stoß zu versetzen, oder ob ein zuvor kerngesunder Mensch an einer Coronainfektion stirbt.    

Das ist das eine. Dass der Autor des Artikels feststellt, dass „nirgendwo in Europa die Luftverschmutzung größer“ ist, erwähne ich nur am Rande. Aber es sollte doch die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass sich nicht nur hinsichtlich der Berücksichtigung von Vorerkrankungen monokausales Denken verbietet. Andere Faktoren verdienen es, ins Blickfeld genommen zu werden.

Wichtiger aber: Das Gesundheitswesen Italiens „wurde in der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise radikal zusammengespart.“ Und da kommen wir zu deutschen Verhältnissen. Wir sind keineswegs in einer Wirtschaftskrise, im Gegenteil. Aber nach Meinung der „Experten“ haben wir entschieden zu viele Krankenhäuser und Wirtschaftlichkeit sieht anders aus. Der Gesundheitsökonom Professor Sell führte in SWR 2 am 18.3. aus (zum Nachhören: https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/jetzt-raecht-sich-der-abbau-von-personal-und-kapazitaeten-unser-gesundheitssystem-im-corona-stress-1832020-100.html): „‘Wir hatten im vergangenen Jahr, also schon vor dem Ausbruch der Corona-Krise, die Situation, dass in Deutschland 37 % aller Krankenhäuser zeitweise ihre Intensivstation abgemeldet haben, weil sie – und zwar ausdrücklich – zwar Intensivbetten hatten, aber kein entsprechend geeignetes Pflegepersonal. Es klemmt vor allem beim Pflegepersonal. Das heißt, jeden Tag schon hatten wir schon unter Normalauslastungsbedienung die Situation, dass 1/3 der Betten quasi aus der Versorgung heraus abgemeldet wurden,‘ sagt Prof. Stefan Sell, Gesundheitsökonom an der Hochschule Koblenz, Campus Remagen, in SWR2 am Morgen. In ihrem neuen Notfallplan spräche die Bundesregierung von einer Verdoppelung der Intensivpflegeplätze, was ja bedeuten würde, dass die derzeitige Anzahl nicht ausreiche. In der Coronavirus-Krise wirkt die Gesundheitspolitik der letzten Jahre wie ein Bumerang. Auch wenn die Politik ein Aufstocken der Bettenzahl in der Intensivpflege verspricht – es fehlt das Fachpersonal, das Kranke betreut und die Geräte bedient. Bestenfalls bietet die derzeitige Situation Anlass zu fragen, ob die strategischen Entscheidungen zur Spezialisierung der Krankenhäuser und der Ausdünnung auf dem Land überdacht werden sollte.“  

Prof. Sell brachte dann noch ein bezeichnendes Beispiel dafür, wohin der Primat der „Wirtschaftlichkeit“ führt: In Krankenhäusern wurde in den vergangenen Jahren Servicepersonal abgebaut, also die Menschen, die z.B. das Essen servierten oder PatientInnen zum OP rollten. Warum? Weil Herr Spahn durchgesetzt hat, dass alle Pflegekräfte im Krankenhaus zu 100% refinanziert werden, nicht aber die Servicekräfte. Was machten die Verwaltungschefs – betriebswirtschaftlich vernünftigerweise: sie verringerten das Servicepersonal. Die Schwestern und Pfleger wurden zum Essen servieren eingesetzt.   

Tötet jetzt Corona? Ist die totale Überlastung des Krankenhauspersonals Corona geschuldet? Ist es  Corona das die Notwendigkeit der Triage herbeiführt?

 

Energy flows where attention goes oder: Corona und Tempo 130 auf Autobahnen

Dass Geschwindigkeitsbegrenzungen zu weniger Unfällen und zu weniger Abgasen führen, dürfte inzwischen zum Allgemeinwissen gehören. (Genaueres zum Nachlesen:

https://www.spiegel.de/auto/aktuell/tempolimit-mit-130-km-h-sinken-die-unfallzahlen-drastisch-a-1249595.html https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/publikation/long/3136.pdf

https://www.duh.de/fileadmin/user_upload/download/Projektinformation/Verkehr/2019_Tempolimit/BUND_Tempolimit_Kurzinfo_final.pdf)

Es bräuchte nicht mehr als ein Gesetz. Keine Zusatzkosten für das Aufstellen von Schildern und schon gar keine Ausgangssperre. Selbst, wenn man sich nicht so ganz sicher wäre, ob ein Tempolimit wirklich-wirklich was brächte – warum nicht fünf Jahre den Versuch machen?

Und was ist?

Verkehrsminister Scheuer, der ein Verkehrslimit auf Autobahnen ablehnt, weil das „gegen jeden gesunden Menschenverstand“ gerichtet sei (https://www.welt.de/politik/deutschland/article187341664/Gegen-jeden-Menschenverstand-Scheuer-lehnt-Tempolimit-und-hoehere-Dieselsteuer-strikt-ab.html), blieb weiter Minister, nachdem er verkündete „Wir haben weit herausragendere Aufgaben, als dieses hochemotionale Thema wieder und immer wieder ins Schaufenster zu stellen – für das es gar keine Mehrheiten gibt“. (https://www.welt.de/politik/deutschland/article204588516/Andreas-Scheuer-Verkehrsministerium-blamiert-sich-mit-Tempolimit-Tweet.html

Das würde ich gern wissen, was los wäre, wenn heute irgendein Politiker bei Corona sagen würde „wir haben herausragendere Aufgaben….“

Obwohl aller Wahrscheinlichkeit nach die Zahl der durch ein Tempolimit zu vermeidenden Todesfälle höher ist als die Zahl der durch das Virus zu Tode gekommenen und noch zu Tode kommenden Menschen.

Verstehen Sie das? Verstehen Sie sich?

Ähnliches gilt für Leute, die mit dem Fahrrad unterwegs sind:

Insgesamt verunglückten 88.850 Radfahrer 2018 auf deutschen Straßen. Das sind rund 11 Prozent mehr als im Jahr davor. Unter den Unfallopfern waren auch 10.225 Kinder, das entspricht einem Plus von fast vier Prozent. Von den 445 getöteten Radfahrern waren 21 Kinder..“ (https://www.spiegel.de/auto/aktuell/unfallstatistik-2018-zahl-getoeteten-radfahrer-deutlich-gestiegen-a-1276467.html) Ich höre keinen Aufschrei. Schon schlimm, jaja. Aber wo bleibt die Massenbewegung: „Da muss alles getan werden!!“?  

Zurück zum Medizinischen:

Im Winter 2017/18 hatten wir eine Grippewelle.

„Während der sehr heftigen Saison im Winter 2017/2018 starben hierzulande nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts 25 000 Menschen an der Grippe“ schreiben die Stuttgarter Nachrichten am 2.3.20. „Weltweit sterben jedes Jahr zwischen 290 000 bis 650 000 Menschen an Influenza“.

Ehrlich gesagt, ich habe nichts davon mitgekriegt. Nochmal: Ich habe nicht mitgekriegt, dass es vor zwei Jahren in Deutschland so viele Grippetote gab, wie die Stadt, in der ich lebe, Einwohner hat. Und Sie? Erinnern Sie sich?

Dieses Jahr – wohl eine recht milde Grippesaison –  waren es bisher 145 000 Grippefälle und 247 Tote (https://www.mdr.de/wissen/grippe-erkaeltung-ansteckung-fieber-arztbesuch-sachsen-anhalt-thueringen-100.html)

Und wenn wir gerade bei den Zahlen sind: Die Zahl der jährlichen Toten durch Suizid liegt seit langer Zeit irgendwo zwischen 9000 und 10000.  (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/583/umfrage/sterbefaelle-durch-vorsaetzliche-selbstbeschaedigung/)  Mir wäre nicht bekannt, dass das größere Aufregung hervorruft oder spürbare Anstrengungen getroffen worden wären, diese Zahl zu senken. „Das ist halt so.“

Warum? Wieso schaut ganz Deutschland wie das Kaninchen auf die Schlange auf die Pandemie und kann inzwischen fehlerfrei „exponentiell“ sagen? Wieso fügt man sich hier diszipliniert Einschränkungen, die die (zum Glück weniger werdenden) Vertreter der Lebenshaltung „freie Fahrt für freie Bürger“ zum Bürgerkrieg veranlasst hätten?  Ja, man fügt sich nicht nur murrend den Einschränkungen, sondern man begrüßt sie.  Endlich eine Regierung, die handelt! (Die Zustimmung zur italienischen Regierung ist aufgrund der drakonischen Maßnahmen auf 71% gestiegen „das gab es seit vielen Jahren nicht“. Oliver Meiler a.a.O.) Um nicht missverstanden zu werden: Ich füge mich auch. Aber ich stelle die Frage: Was ist warum notwendig, was ist purer Aktionismus und was ist langfristig ein Schuss ins Knie? Vor allem frage ich mich: Wieso funktioniert es hier und auf anderen Gebieten funktioniert es nicht, obwohl die es bestimmt nicht minder verdienten?   

 

Über Auswirkungen

Die Telefonseelsorge verzeichnet mehr Anrufe. Das wundert mich nicht.

(https://www.deutschlandfunk.de/covid-19-taeglich-mehr-anrufe-bei-der-telefonseelsorge.1939.de.html?drn:news_id=1112802)

Eher wundert mich, dass ein nicht ganz geringer Teil meiner Kolleginnen und Kollegen vor allem mit der Frage beschäftigt zu sein scheint, wie das mit Videosprechstunden sei und ob man die auch genauso bezahlt bekommt und wo man am besten eine Plexiglasscheibe herbekommt. Die Leute, deren täglich Brot ist oder sein sollte, Angstpatienten zu behandeln, neurotische Ängste von Realängsten zu unterscheiden – ich erlebe sie „angesteckt“. Und ich frage mich: Was für Auswirkungen hat es auf die Patientinnen und Patienten gerade in dieser Situation, wenn ihr Therapeut, ihre Therapeutin den Laden dicht macht und nur noch per Telefon oder Video zur Verfügung steht.

In meinen Therapien sind es jetzt meist noch halbwegs bewältigbare Sorgen, die ich zu hören bekomme:

  • Die Mutter, die berichtet, dass ihr Kind an einem einzigen Tag von der Schule 56 E-Mails mit Mitteilungen und Aufgaben bekommen habe. Man solle das ausdrucken. Sie habe keinen Drucker…. Hm…. Die Frau ist gestresst, das Kind nicht gerade begeistert, Hausaufgaben zu machen. Sie sagt, manches blicke sie bei den Aufgaben auch nicht. Sie muss arbeiten. „Ich bin wütend, dass ich so zum Hilfslehrer gemacht werde.“ Ich beruhige: „Sie machen es eben so gut Sie es können und bastsa.“ – „Nein, das geht nicht. Es ist angekündigt, dass gleich nach den Osterferien Tests über diesen Stoff geschrieben werden.“

  • Zweiter Akt (24.3.): Wieder hat ein Lehrer geschrieben, man solle die Sachen ausdrucken. Wieder E-Mail: Wir haben keinen Drucker. Der Lehrer schreibt zurück: dann solle sie einen kaufen. Da platzte meiner Patientin der Kragen: Sie habe zwei schlecht bezahlte Jobs und wisse nicht, wie lange sie die noch habe. Es sei unverschämt, einfach daherzukommen und ihr einen solchen Rat zu geben. Mit CC an den Rektor. Es folgte eine Entschuldigung. Immerhin (Ergänzung 23.3.: https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/coronavirus-kinder-aus-einkommensschwachen-familien-in-der-krise-a-8ba68f6d-8a12-4271-93e2-7f46127120a5
  • Der Mann, der auf Kurzarbeit gesetzt wurde, seine Frau auf 25%. Macht 800 Euro weniger im Monat. Bei einer ohnehin sehr angespannten finanziellen Situation. „Meine Frau hat sich so gefreut, wir hätten dieses Jahr zum ersten Mal wieder Urlaub machen können.“ –„Ach, und das geht jetzt nicht wegen des Geldes?“ –„Nein, bevor mir Kurzarbeitergeld zusteht, muss ich meinen gesamten Urlaub genommen haben.“ Gewiss – keine Katastrophe, aber auch keine Kleinigkeit.

  • (24.3.) Patient um die 50, Alleinverdiener, Haus gebaut, entsprechend Schulden. Sein Betrieb wurde komplett geschlossen für zwei Wochen. Danach ist Kurzarbeit angemeldet. Bis Ende des Jahres, wohlgemerkt. „Die Leute haben sich fast geprügelt, wer für den Notdienst eingeteilt wird. Da war nichts an Solidarität.“ Sechs Monate könne er finanziell durchhalten: „dann muss ich die Hütte verkaufen.“
  • Die depressive Frau, die zuhause bleiben muss, dabei hatte ihr Beruf ihr Halt gegeben. Sie schickt mir eine Mail: Ich komme überhaupt nicht mehr aus dem Bett raus, es hat alles keinen Sinn. Ich denke an Selbstmord.“

  • Von der Abteilungsleiterin, die sich empört: „Meine Angestellten werden ins Homeoffice geschickt und kriegen 100 % Lohn. Die Leute am Band müssen Kurzarbeit machen….“   

Dass die häusliche Gewalt – auch und gerade an Kindern – zunimmt, sagt einem nicht nur der gesunde Menschenverstand, sondern dafür gibt es auch Belege. Wie ist das: werden die Menschen, die durchdrehen, die Menschen die ihre Existenz vernichtet sehen und sich das Leben nehmen auch unter „Opfer von Corona“ gezählt werden?

Ich weiß keine Lösung. Es scheint mir ein Automatismus zu sein: Wenn eine Regierung rigide Maßnahmen beschließt, dann kann die Regierung des Nachbarlandes nicht oder fast nicht sagen: Wir machen es anders. Sondern das wirkt wie ein Sog, dem sich die Regierungen kaum entziehen können. Das Volk will es so. Mindestens heute.

Warum fällt mir jetzt gerade Graf Bobby ein?

Graf Bobby macht sich einen Spaß und ruft aufgeregt: „auf dem Marktplatz tanzt ein Karpfen, auf dem Marktplatz tanzt ein Karpfen, lauft schnell hin.“ Er lacht sich kringelig, wie er die Leute laufen sehen. Immer mehr Leute laufen zum Marktplatz. Schließlich fängt Graf Bobby auch an zu rennen. Sein Freund fragt: „Was machst du denn?“ „Nuja, es könnte ja immerhin sein, dass auf dem Marktplatz ein Karpfen tanzt.“

 

 

    

 

 

 

 

 

 

 

 

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  1. Ich höre jeden Morgen ein paar Minuten niederländisches Radio – mittlerweile ist das mehr als ich deutsches Radio höre, weil ich die einseitige Berichterstattung nicht mehr ertrage. Noch verstehe zwar nicht alles, trotz 6 Jahre Volkshochschulunterricht, aber ich höre dort jeden Morgen tatsächlich auch immer einen vernünftigen Menschen.

    Heute morgen hat beispielsweise ein Sprecher darauf hingewiesen, dass es einen statistischen Zusammenhang gibt zwischen „Rezession“ und Gesamtmortalität in einer Gesellschaft. Sprich: Während einer Rezession sterben mehr Menschen als (im vergleichbaren Zeitraum) bei gute wirtschaftlicher Entwicklung. Und zwar – das war ihm wichtig zu betonen – quer durch die Gesellschaft (also nicht „nur“ alte Menschen mit multiplen Vorerkrankungen). Über die Gründe äußerte er sich nicht. Aber seine Schlussfolgerung war klar:

    Wir erkaufen uns die geringere Anzahl von Toten in der Gegenwart mit einer erhöhten Anzahl von Toten in der Zukunft. Die irgendwann auch mal Gegenwart sein wird.

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