Corona. Zwischenbilanz (Teil 2)

Moralische Fragen

Was mich in den letzten Wochen immer wieder erbost hat: Mit großem moralischem Gestus wird versucht, kritische Anfragen zur Angemessenheit der Corona-Einschränkungen zum Schweigen zu bringen. Ministerpräsident Söders raffiniert-dreiste Alternative: „Menschenleben vor Shoppingtouren“ (Tagesschau 7.4.20) ist dafür ein Musterbeispiel. Damit muss sich jede und jeder, der Sinnhaftigkeit und Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen in Frage stellt, erstmal aus der Schublade „gefühlloser Egoist“ herausarbeiten.

Das habe ich satt. Mein Gegenangriff, gegen all diejenigen, die da sagen, es verböte sich, eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufzumachen, wenn es um die Rettung von Menschenleben geht, halte ich nicht nur entgegen, dass wir (du und ich und er und sie) genau das alltäglich tun, ohne dass es groß stört (https://ursula-neumann.de/unsere-taegliche-triage/). Sondern ich hätte gern eine Antwort auf die Frage: Wieviel Kinder, die durch ihre Eltern ein Schütteltrauma, Knochenbrüche oder andere Traumata erleiden, sind als Folge eines Lockdowns zum Schutz vor Corona-Infektionen akzeptabel? Zehn? Hundert? Tausend?

Nicht ich stelle diese Frage, vielmehr: Diese Frage stellt sich. Viele andere auch: Wieviel einsames Sterben (nicht an Corona!), wie viele vernichtete Existenten, wie viele aus Angst vermiedene Arztbesuche, trotz gefährlicher Symptome, wie viel Prozent zusätzlicher Arbeitslosigkeit, wie viele Schülerinnen und Schüler, die durch „Homeschooling“ definitiv abgehängt werden, welche Steigerung von Depressionsraten, von Suiziden sind akzeptabel?    

Da hilft kein Sich-Rausreden: Es sei ja gar nicht sicher, ob häusliche Gewalt zunehme, ob auch nur ein Mensch an den Folgen eines verschleppten Schlaganfalls sterbe, ob jemand tatsächlich bankrott gehe und und und …   Klar, ist das nicht sicher. Vielmehr: es ist mit keiner größeren Unsicherheit behaftet wie der Glaube, dass die Schließung von Kitas und Schulen, dass Mundschutz und Reisebeschränkungen Leben retten.  

Moral ist nicht die glasklare Entscheidung zwischen gut und böse. Sondern es ist die mit Unsicherheiten behaftete Suche, nach der möglichst vielen Aspekten gerecht werdenden Lösung im Wissen um die eigene Fehlbarkeit.    

Und jetzt – man höre und staune – zitiere ich mit voller Zustimmung Jens Spahn:

Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“   (https://www.tagesspiegel.de/politik/wir-werden-einander-verzeihen-muessen-warum-jens-spahn-mit-diesen-ungewoehnlichen-worten-richtig-liegt/25772260.html)    

 

Die Sehnsucht nach Bestätigung der Richtigkeit unseres Handelns

Der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung hilft uns, damit wir uns überhaupt in der Welt zurechtfinden zu können. Blöderweise ist das aber damit verbunden, dass wir öfters der (vermeintlichen) Logik den Vorrang geben vor der Überprüfung, ob „meine Kausalität“ überhaupt korrekt ist. Die Frage der Jünger im Neuen Testament „Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?“ (Joh.9,1) ist ein solcher Klassiker, deren Denkweise uns heute nur zu vertraut ist: ‚Lungenkrebs – klar, er hat geraucht.‘ – ‚Brustkrebs – die Ehe war schlecht.‘ – ‚Arbeitslos geworden – kein Wunder, so unfreundlich, wie die immer war‘. (Nebenbei: mit diesen „logischen Erklärungen“ ist meist der Gewinn verbunden: ‚kann mir nicht passieren, ich rauche nicht, meine Ehe ist in Ordnung, ich bin freundlich‘).

Bei Corona spielt die Frage nach der Ursache eine eher untergeordnete Rolle, obwohl es ja Berichte gibt (ich meine jetzt nicht Trump), die über eine Zunahme von Diskriminierung fremdländisch (gar asiatisch!) aussehenden Menschen handeln. Sondern wir wollen bestätigt sehen, dass „unsere“ Maßnahmen die richtigen sind, der Erfolg belohnt uns, gibt uns recht.   

Es beweist schon einige Chupze, wenn Ministerpräsident Söder seine – im Vergleich zu anderen Bundesländern rigorosen Maßnahmen preist:  „Zugleich verweist er auf die guten Erfahrungen mit den restriktiven Maßnahmen in Bayern: ‚Bei den meisten Kennzahlen liegen wir jetzt im Bundesdurchschnitt und damit besser als manche Länder. Daher war unser bayerischer Weg konsequent und richtig. Unsere Experten sagen: Wir haben den Freistaat vor dem Schlimmsten bewahrt.‘“ https://www.merkur.de/politik/coronavirus-markus-soeder-bayern-mundschutz-lockerungen-maskenpflicht-merkel-zr-13716703.html Denn tatsächlich hat Bayern seit März – wenn ich es richtig sehe – durchgängig die höchste Infektionsrate aller Bundesländer und auch die höchste Zahl von Toten , die in Deutschland mit oder an Corona gestorben sind. O.k. da muss man zugutehalten, dass Ischgl und St. Anton näher an Bayern als an Niedersachsen liegen und sich deshalb bestimmt mehr Bayern als Niedersachsen in diesen Orten aufhielten. Aber wenn Bayern auch nach weit über zwei Monaten die Schlusslaterne nicht abgegeben hat, dann sollte eigentlich die Frage gestellt werden: Wenn unsere strengeren Maßnahmen keine größeren Erfolge zeitigen, müssen sie dann nicht überprüft werden?

Nichts dergleichen! Vielmehr bleibt man in der Logik „meine Maßnahmen sind die richtigen“ sonst wäre nämlich alles noch viel, viel schlimmer gekommen! Da kann niemand was dagegen sagen – und so bleibt einem erspart, auf Fehlersuche zu gehen und sich gar einzugestehen, dass man falsch lag.

Die Bayern lieben ihren Söder dafür! Naja – das ist nicht nur bei den Bayern so, sondern eine ziemlich weit verbreitete menschliche Eigenschaft.  

Und damit sind wir bei Schweden. Schweden, das ist der Stachel im Fleisch des coronageeinten Europas. Ganz klar: Der liberale Sonderweg ohne Lockdown – das muss schief gehen. Sonst stünden wir ja als Deppen da, die es sich völlig unnötig schwer gemacht hätten. Der Focus prophezeite eine Zeitlang quasi stündlich das Scheitern des schwedischen Weges. Fand aber nicht statt.

Nun, ich gebe zu, die schwedischen Zahlen der mit oder an Corona gestorbenen Menschen ist recht hoch. Dass es mir etwas Mühe gemacht hat, die schwedischen Zahlen herauszufinden (während die von der Schweiz so ziemlich in jeder Statistik auftauchen), halte ich genauso wenig für einen Zufall wie die Tatsache, dass kaum irgendwann der Blick auf Belgien fällt. Aber eins nach dem andern:  

Das John-Hopkins-Universität weist mit dem Datum von heute (31.5.20) für Schweden eine Todesrate von 43,16 Personen auf 100 000 Einwohner aus, für Frankreich 42.95, Italien 55.17, Spanien, 58,05 – und jetzt kommt es: Die entsprechende Zahl  für Belgien ist 82.76.  (Deutschland: 10,29) https://coronavirus.jhu.edu/data/mortality

Frankreich, Italien, Spanien und Belgien sind Länder mit einem (sehr) strikten Lockdown, Deutschland mit einem gemäßigten. Damit sollte die Frage erlaubt sein: Lockdown, Maskenpflicht, Schul- und Kita-Schließungen einerseits oder liberale Regelungen andererseits bieten offensichtlich keine ausreichende Erklärung für den Befund. Was für Schlussfolgerungen sind daraus zu ziehen, wenn nicht die: Genauer hingucken und mehr Faktoren einbeziehen, statt an dem Mantra festzuhalten „Unsere Maßnahmen sind die besten – und ohne sie, wäre alles viel schlimmer gekommen. Und bei den Schweden ist es ganz, ganz schlimm.“

Ach so – wie ich auf Belgien gekommen bin. Weil ich mich geärgert habe. Während allenthalben im deutschen Blätterwald verkündet wurde, die schwedischen Todeszahlen seien die Folge des laschen Sonderweges, stand der Spiegel bei den belgischen Zahlen vor einem „Rätsel“ (https://ursula-neumann.de/wider-die-monokausalitaet-es-koennte-auch-ganz-anders-sein-als-wir-denken/ ). So kann man es natürlich machen und so wird es derzeit nach meiner Wahrnehmung ständig gemacht. Bequem ist das und dient der Selbstbestätigung . Aber Korrektheit sieht anders aus.

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