Corona. Zum Beispiel in Afghanistan.

Zum Beispiel in Afghanistan… ich könnte auch schreiben: in Brasilien, in Peru, im Jemen, in Syrien, im Kongo.. 

Aber dieser Artikel in der Neuen Züricher Zeitung vom 3.6. 20 stammt von einem Menschen, den ich persönlich kenne: Taqi Akhlaqi. Ein bescheidener, außerordentlich höflicher junger Mann, dem ich in Kabul begegnete. Ich erinnere mich, wie er akkurat gekleidet mit einer Aktenmappe zu einem Gespräch kam. Erinnere mich, wie er davon erzählte, wie er als Kind und Jugendlicher mehrere Jahre als Flüchtling mit seinen Eltern im Iran lebte. Und Flüchtling sein ist nirgends schön… Er war nach Kabul zurückgekehrt, will dort in Frieden leben und arbeiten. Mit seiner Familie. Seinen Kindern.

Zu viel verlangt?

Sein Artikel (den ich hier aus rechtlichen Gründen leider nicht vollständig veröffentlichen darf. Ich bitte herzlich darum, das angegebene Link anzuklicken) relativiert das, was wir als Belastung durch Corona empfinden. Wohlgemerkt: Zurecht empfinden. Aber es ist eben wirklich nicht so weit von einem Luxusproblem.

Sein Artikel zeigt aber auch, was die Konsequenzen sind, wenn unsere Wahrnehmung so ausschließlich auf „unsere“ Situation gerichtet ist, gerichtet wird: Als ich vor etwa zwei Monaten etwa im Spiegel-Forum die eurozentristische Corona-Wahrnehmung etwas erweitern wollte und schrieb „Im Jahr 2017 gab es weltweit geschätzte 435.000 Todesfälle durch Malaria, Kinder unter 5 Jahren machten sie 61% (266.000) aller Malaria-Todesfälle weltweit aus“, bekam ich von einem Mitdiskutanten einen Rüffel: Wie viele Krankenhäuser sind in Europa durch Malaria (oder Influenza, oder Verkehrsunfälle, oder oder oder) im totalen Chaos versunken?“

C’est ca! Es geht nur um „unser“ totales Chaos!

  Nun zum Artikel von Taqi:  

Corona kommt – doch der Terror geht weiter: Ein Schriftsteller berichtet aus Kabul https://www.nzz.ch/feuilleton/afghanistan-corona-kommt-doch-der-terror-geht-weiter-ld.1557268

Kurz vor der Verhängung der Ausgangssperre besorgte ich Vorräte für sechs Monate: Reis, Bohnen, Öl, Spaghetti. Wer konnte, tat dasselbe, denn die Erfahrung hat uns gelehrt, dass Krisen hier lange dauern und dass niemand hilft….  die Tagelöhner, deren Ersparnisse bereits aufgezehrt sind, können sich das Essen nicht mehr leisten, in der Folge nimmt die Zahl der Raubüberfälle und anderer Verbrechen zu…  Ich wage es nicht mehr, mein Smartphone mitzunehmen, wenn ich das Haus verlasse.

Gewissensbisse sind Luxus

Die Regierung verteilt inzwischen Brot kostenlos an die Armen, Familien in Bedrängnis sollen bis zu zehn Brote pro Tag beziehen können. Aber infolge der Korruption gelangt nur ein Teil der Nothilfe zu den wirklich Bedürftigen. Den Rest verkaufen oder verschenken diejenigen, die in das Programm involviert sind, an ihre Freunde oder Bekannten.

…Brot zu kaufen und einigermassen ruhigen Gemüts heimzukehren, wird für mich zunehmend zur ethischen Herausforderung – wobei es unter den herrschenden Umständen schon ein Luxus und ein Zeichen von Wohlstand ist, sich überhaupt mit Gewissensfragen zu beschäftigen.

… Aus den ländlichen Regionen, wo die Lage noch schlimmer ist, hört man, dass manche Familien ein Kind verkaufen, um der Not zu wehren…  Das Gesundheitsministerium führt rund 1000 Tests pro Tag durch, aber die Dunkelziffer der Ansteckungen dürfte hoch sein. Zudem wird laut Aussage des Gesundheitsministers ein Teil der kostbaren Ressourcen schlicht verschwendet: Personen mit Macht und Einfluss zwingen das medizinische Personal, sie auf Sars-CoV-2 zu testen, auch wenn sie keinerlei Krankheitssymptome aufweisen…..

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