Bis zum Schluss – über die Konsequenz im Leben meiner Mutter

Die Abschiedsfeier für meine Mutter liegt nun anderthalb Monate zurück – so lange hatte ich mir nicht Zeit nehmen lassen wollen, bis ich auf der Webseite von Ursula Neumann ein paar Eindrücke, Bilder und vor allem die dort gehaltenen Reden teilen wollte. Nun ist es aber soweit, und ich beginne mit meiner Ansprache. Nicht, um mich in den Vordergrund zu stellen, sondern weil sie die erste von insgesamt fünf Reden war. Den Auftakt für die Feier bildete allerdings der zweite Satz aus dem Klavier-Trio Nr. 2., Opus 66 von Felix Mendelssohn Bartholdy, gespielt von Thomas Strauß (Klavier), Michael Klett (Violine) und Anne Schmidt-Heinrich (Cello).

Joachim David Neumann in der Alten Kirche Fautenbach am 26. November 2022 anlässlich der Abschiedsfeier für Ursula Neumann

 


Erinnerungen haben Geduld mit uns

Liebe Gäste,
ich heiße Sie – auch im Namen meiner Schwester – herzlich zur Abschiedsfeier für unsere Mutter Ursula Neumann willkommen. Schön, dass Sie da sind.

Im Frühsommer habe ich mal wieder Erich Kästner gelesen: „Als ich ein kleiner Junge war.“
„Während ich am Fenster saß, und an meinem Buch schrieb“, heißt es dort, „gingen die Jahreszeiten und die Monate durch den Garten. Manchmal klopften sie an die Scheibe, dann trat ich hinaus und unterhielt mich mit ihnen. Gesprächsstoff gab es immer. Gestern klopfte der August ans Fenster. Er war vergnügt, schimpfte ein bisschen über den Juli, das tut er fast jedes Jahr und hatte es eilig.“

Auch der August 2022 hatte es eilig. Aber auch wenn er es eilig hatte – wir haben ihn zu nutzen gewusst. Wir saßen zusammen, mal zu zweit, mal zu dritt, mal zu viert, zu fünft oder zu sechst. Meistens auf der Terrasse, denn über vieles könnte sich der August 2022 beschweren, aber nicht darüber, dass es zu kühl war, oder zu wenig sonnig. Wir aßen Tomaten aus dem eigenen Garten, und zuckersüßen Muskatellertrauben von einem kleinen Rebstock, den Andreas letztes Jahr gepflanzt hatte. Wir unterhielten uns über die Gegenwart, über die Vergangenheit und über die Zukunft. Wir haben dem Bächlein hinterm Haus gelauscht, die Vögel beobachtet, unserem wählerischen Kater mal Huhn in Gelee oder Kalb in Aspik serviert.
Wir haben viel Zeit miteinander verbracht. Was für ein Geschenk! Wir konnten Dinge besprechen, Ungeklärtes klären, Fragen stellen und Antworten geben, wir konnten uns an Gemeinsames erinnern und dem Anderen Neues mitteilen. Wir haben in diesen letzten Wochen noch einiges Neues von meiner Mutter erfahren – und sie auch von uns.

„Die Monate“, schreibt Erich Kästner weiter, „haben es eilig. Die Jahre haben es noch eiliger. Und die Jahrzehnte haben es am eiligsten. Nur die Erinnerungen haben Geduld mit uns. Besonders dann, wenn wir mit ihnen Geduld haben.“
Wir haben viele Erinnerungen, nicht nur an die letzten gemeinsamen Tage im August! Und neben all den vielen gemeinsamen Erlebnissen, gibt es auch etliche Dinge, die mich in Zukunft an meine Mutter erinnern werden, obwohl wir sie gar nicht gemeinsam erlebt haben: Diesen Sommer bin ich mit der Bahn von Amsterdam nach Stuttgart gefahren. Irgendwo in Nordrhein-Westphalen sauste der Zug an einem abgeernteten Getreidefeld vorbei. Die Hochsommersonne schien von einem blauen Himmel, von Gewitterstimmung jedoch keine Spur – und dennoch musste ich sofort an dieses eine Kalenderbild von vor ein paar Jahren denken, mit den großen goldenen Strohballen vor schwarzblau-düsterem Himmel. Ihre jährlichen Kalender! Mit ihnen hat sie viele an ihren Erlebnissen teilhaben lassen und mit auf ihre Reisen genommen.
Aber, wie ich jetzt weiß, nicht nur das: Sie hat auch Erinnerungen geschaffen. Nicht nur Erinnerungen für sich selbst, sondern auch Erinnerungen an sie!

Ich werde immer beim Anblick solcher Strohballen an einem heißen Augustsommertag an sie denken. Und wenn die Schwalben fliegen. Und der Klatschmohn blüht. Und wenn ich irgendwann einmal wieder den Rheinfall in Schaffhausen besuche, oder oberhalb des Bodensees die Birnau zur Apfelblüte sehe.
Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu pathetisch werde! Und ich muss aufpassen, dass ich den Titel meiner Ansprache nicht aus dem Blick verliere.
Ich habe mir vorgenommen über die Konsequenz im Leben meiner Mutter zu sprechen: Bis zum Schluss! Was ich damit meine, will ich an drei Themen beispielhaft verdeutlichen.


Sie hat GEARBEITET bis zum Schluss

Am Freitag, den 29. Juli 2022 war es so weit: Um 12 Uhr kam meine Mutter die Treppe hoch. Ihre letzte Therapiestunde lag hinter ihr. Gerda und ich begrüßten Sie mit einem Gläschen Sekt und einem Gmeiner-Küchlein um auf circa 40 Jahre als Therapeutin zurückzublicken und anzustoßen. Wie viele Jahre sie tatsächlich gearbeitet hatte, konnte sie selbst gar nicht sagen. Im Dezember 1986 hatte sie ihre Prüfung als Psychoanalytikerin bestanden, aber schon davor hatte sie gearbeitet: Therapeutin in Ausbildung gewissermaßen. Ich habe sie jedenfalls nie anders gekannt, höchstens in den Ferien: Am Montagmorgen ging es um 8 Uhr los und am Freitagabend um 20:50 Uhr hörte es auf. Und irgendwie stand gegen 13 Uhr, wenn Hannah und ich aus der Schule nach Hause kamen immer Essen auf dem Tisch. Immer frisch gekocht und jeden Tag etwas anderes – auch da war sie konsequent. Nicht weil sie es sein musste, sondern weil sie gerne kochte.

Irgendwann wurde sie 60 – und sie arbeite weiter. Irgendwann wurde sie 65 – und sie arbeitete weiter. Irgendwann wurde sie 70 – und sie reduzierte ein wenig: Nicht mehr 9 Stunden am Tag, sondern „nur“ noch 5 oder 6. Und irgendwann kam die Diagnose ALS – und sie arbeitete weiter. Nicht weil sie musste. Sondern weil sie es gerne tat. Die Arbeit gab ihr Kraft, hielt sie in Kontakt mit ihrer Umwelt. Sie war ihr Hobby, ihre Leidenschaft, ihre Berufung, ein Taktgeber und eine Stütze.


Sie hat GESCHRIEBEN bis zum Schluss

Ich erinnere mich noch daran, wie sie uns Kindern Anfang der 90ern sagte, dass sie zwei Bücher schreiben würde. Es war so eine typische „Wenn-sich-eine-Tür-schließt-öffnet-sich-eine-andere-Geschichte“: Ein ursprünglich geplantes Buch-Projekt war aus irgendwelchen Gründen vom Verlag verworfen worden, aber die Lektoren waren so von meiner Mutter angetan, dass sie ihr stattdessen gleich zwei Aufträge übertrugen. Ich war unheimlich stolz, die Bücher meiner Mutter in der Buchhandlung Grimmelshausen liegen zu sehen. Und sie ganz sicher auch – zurecht.

Sie war gemeinsam mit ihrer Kollegin und Freundin Ursula Stahlbuch jahrelang Redakteurin des Mitgliedermagazins ihres Berufsverbands Bvvp. Sie veröffentlichte mal gemeinsam mit meinem Vater, mal allein diverse Schriften mit kirchenkritischem und humanistischem Hintergrund.
Sie schrieb im Autorennetzwerk Ortenau. Letzten Dezember noch wurde in der Mittelbadischen Presse ihre Erinnerungen „Mein 75. Weihnachtsfest“ abgedruckt. Sie blickte in ihrem Roman „Der Kirchenrechtsprofessor nimmt Vernunft an, wird mit mir glücklich und stirbt“ auf turbulente Zeiten gemeinsam mit meinem Vater zurück – durchaus schonungslos und damit wiederum auch konsequent.

Sie war Bloggerin bevor es diese Bezeichnung überhaupt gegeben hat: Schon unheimlich früh, irgendwann in den frühen 2000ern hat sie sich eine eigene Webseite zugelegt und dort Bilder und Beiträge geteilt. Gerade während der letzten drei Jahre war sie dort enorm produktiv. Sie recherchierte akribisch, kommentierte, ordnete ein und legte sich an. Fast jeden Tag konnten wir etwas Neues lesen. Als „wir Kinder“ vor einem guten Jahr zu ihrem 75. Geburtstag ein Best-of ihrer Artikel in einem Buch zusammenfassten, hatten wir ganz schön viel Auswahl – und Arbeit.
Vor ziemlich genau 2 Jahren erhielt sie dann – zum Schluss – ihre erste literarische Auszeichnung: Den Martha-Schanzenbach-Literaturpreis für ihren Essay „Flüchtling trifft Gutmensch“.

Als ihr im Frühjahr 2022 das Schreiben mit der Tastatur aufgrund ihrer Krankheit zunehmend schwerfiel, fackelte sie nicht lange, sondern installierte sich ein Sprachprogramm auf ihrem Computer und diktierte fortan ihre Briefe, Emails und Beiträge für Ihre Webseite. Ihr letzter Blogartikel erschien drei Tage vor ihrem Tod. Ihre letzte E-Mail verschickte sie 3 Stunden nach ihrem Tod, bewusst zeitverzögert, ein allerletzter Gruß an eine ihr sehr wichtige Person.
Nur ihre Doktorarbeit hat sie nicht fertig geschrieben. Da war sie möglicherweise nicht konsequent. Wobei das genau genommen auch nicht stimmt. Denn sie hat sie fertig geschrieben. Sie hat sie nur nicht abgegeben. Ich habe das nie so richtig verstanden und auch insgeheim gehofft, sie würde sie noch mal aus dem Schrank holen, überarbeiten und einreichen…, aber es ist sicherlich auch wiederum einfach nur konsequent von ihr gewesen: Wozu brauche ich einen Doktor in katholischer Theologie, wenn ich dem Laden endgültig den Rücken kehre? 


Sie war SELBSTBESTIMMT bis zum Schluss

„Ein nicht geringes Glück ist auch, dass ich die Krankheit ALS mit ziemlicher Gelassenheit zwar nicht annehmen, aber hinnehmen kann“, schreibt meine Mutter im Begleitblatt zu ihrem letzten Kalender – einen Kalender mit selbst fotografierten Bildern, den sie seit vielen Jahren konsequent jedes Weihnachten an Freunde, Nachbarn, Weggefährten und Bekannte verschenkte. „Ich hätte mir anderes vorstellen können“, fährt sie fort, „aber es ist in Ordnung so. In Ordnung ist allerdings auch: ich lasse nicht die Krankheit über meinen Todestag bestimmen, sondern den bestimme ich!“

Den genauen Tag kannte auch sie lange Zeit nicht. Als sich vor ungefähr einem Jahr die Diagnose mehr und mehr herauskristallisierte, ging sie ganz sicher davon aus, noch ein 76. Weihnachtsfest zu feiern. Aber ihr Weg lag klar und deutlich vor ihr: Zuerst wurde um den Jahreswechsel herum das Testament nochmal kritisch geprüft, dann leitete sie die Praxisübergabe in die Wege. Ich muss gestehen, dass ich das damals im Januar oder Februar 2022 ziemlich voreilig fand. Schon bald musste ich jedoch feststellen: Sie hatte den richtigen Riecher gehabt. Nicht nur, aber auch, weil die Krankheit deutlich schneller voranschritt als gedacht und erhofft.
Sie hätte auch einfach sagen können: Nach mir die Sintflut. Um das und vieles andere dürfen sich meine Kinder kümmern. Aber das Gegenteil war der Fall: Sie wollte einen aufgeräumten Schreibtisch hinterlassen. Wenn jetzt jemand von Ihnen ihren Schreibtisch je gesehen hat, dann weiß er oder sie, dass ein aufgeräumter Schreibtisch im wortwörtlichen Sinne nicht ihre große Stärke war. Aber im übertragenen Sinne sehr wohl. Ich glaube, es gab am Ende nichts Wichtiges, das noch offen war.
Und als dann alles erledigt war, war es für sie noch einmal Zeit, etwas ganz Neues zu erlernen: Einfach mal nur daliegen, den Wolken zuzuschauen, dem Bächlein zu lauschen, die Sonne zu spüren.

Ihr Weg war ihr klar: Selbstbestimmt und in Würde.
„Jeden Tag werde ich schwächer“, schreibt meine Mutter im August 2022, „jeden Tag geht eine Fähigkeit verloren und es wird etwas mühseliger. Noch ist das keine Qual, sondern etwas, was mir den Abschied leicht macht. Ja, es gibt die Momente der Wehmut, die Momente des traurig-endgültigen „Nie wieder!“ – Aber ich spüre keine Empörung, kein ‚Das darf doch nicht sein!‘“

Und so schritt sie am 8. September gegen halb zwei ein letztes Mal die Treppe ins obere Stockwerk hinauf. Langsam und uns Kinder vor und hinter sich, aber aus eigener Kraft und auf den eigenen Beinen. Ein letztes Mal nahm sie auf dem Sofa Platz, auf dem sie so oft gesessen hatte und blickte über das Tal in Richtung Schwarzwald, wie sie es so oft getan hatte. Wir unterhielten uns, fast so als stünde nichts bevor. Und dann tat sie mit einer Leichtigkeit, was andere sich nicht einmal vorzustellen trauen. „Wir haben dich lieb“ flüsterte meine Schwester noch und sie erwiderte: „Wie schön ist es, wenn dies das letzte ist, was man hört.“
Und dann war es vorbei.


Dank an alle Mitwirkenden

Aber meine Mutter wäre nicht meine Mutter, wenn sie nicht an die Momente danach gedacht hätte. Zum Beispiel an diese Feier hier. Über wessen Redebeiträge sie sich freuen würde. Welche Musik sie gerne hören möchte. Und so haben wir bereits im August einiges gemeinsam geplant.
Wir danken euch, lieber Gunnar Schedel, liebe Regine Simon, lieber Uli Clever und liebe Helga Schindler, dass ihr uns gleich in euren Beiträgen an weiteren Facetten aus dem Leben meiner Mutter werdet teilhaben lassen.
Danke auch Ihnen, liebe Frau Bold, dass wir heute hier sein dürfen in der Alten Kirche Fautenbach und so eine Parallele schaffen können zur Abschiedsfeier meines Vaters vor fast 10 Jahren. Und auch Danke an Sie, lieber Herr Busam, dass Sie auch bei dieser Feier mit so viel Liebe und Symbolkraft für das Blumenambiente gesorgt haben: rote Amaryllis – eine von vielen Lieblingsblumen meiner Mutter, Schneeglöckchen, wie sie sie so oft fotografiert hatte, zum Beispiel bei Müllen, – auch als Symbol dafür, dass anderes Leben wieder von neuem beginnt. Einige Birkenzweige sind aus unserem Garten. Von meiner Birke, die ich im Alter von 6 oder 7 Jahren gepflanzt hatte und die meine Mutter in den letzten Sommern konsequent vor dem Verdursten bewahrt hat.
Und natürlich danken wir auch euch vieren die ihr hier neben mir sitzet: Melanie Klett, Michael Klett, Anne Schmidt-Heinrich, Thomas Strauß… nicht nur dafür, dass ihr heute hier seid, nicht nur dafür, dass ihr die Musik für heute einstudiert habt. Sondern ganz besonders auch, dass ihr im Vorfeld so viel Geduld mit uns und der Auswahl der Stücke hattet. Das vorhin gehörte Klaviertrio von Felix Mendelssohn Bartholdy hatte ich bis vor wenigen Monaten noch gar nicht gekannt, und das, obwohl ich mir einbilde, von Mendelssohn fast alles zu kennen – woran, nebenbei bemerkt, auch meine Mutter einen großen Anteil hat. Als ich ihr dieses Stück auf Spotify vorspielte, sagte meine Mutter gleich: Das wird das Eröffnungsstück sein. Wir waren uns einer Meinung. Genauso war ihr schon seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten klar, dass der zweite Satz aus dem Winter von Vivaldi, ihre Feier beschießen würde. Vielen Dank euch vieren, dass ihr diese Wünsche realisiert.


Als wär sie nie gewesen? Wohl kaum!

Ich gehe langsam aus der Zeit heraus
In eine Zukunft jenseits aller Sterne,
und was ich war und bin und immer bleiben werde
geht mit mir ohne Ungeduld und Eile
als wär ich nie gewesen oder kaum.

Diese Zeilen von Hans Sahl hat sich meine Mutter für ihre Trauerkarte ausgesucht. Kurz bevor sie am 8. September gegen halb zwei ein letzten Mal die Treppe ins obere Stockwerk hochging, stellte ich klar – und ich bin mir sicher, dass ich für sehr viele gesprochen habe: „Als wäre ich nie gewesen oder kaum?“ – für mich ganz sicher nicht! Sie hat etwas bewirkt. Sie hat etwas hinterlassen.

Sie war und ist und wird immer bei uns sein.

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