Corona: Wer verharmlost hier eigentlich?

Gibt man bei Google „verharmlosen“ und „Corona“ ein, landet man eine sagenhafte Menge von Treffern. O.K.: Meldungen über solche Spinner/Kriminelle wie Trump oder Bolsonaro sind auch dabei. Aber in der Mehrzahl handelt es sich (milde gesagt) um vorwurfsvolle Kritik an Menschen, die nicht einfach strammstehen, wenn von der Gefährlichkeit des Corona-Virus die Rede ist, Menschen, die die Sinnhaftigkeit von Maßnahmen bezweifeln und nicht unbesehen jede „Expertenäußerung“ als geoffenbarte Wahrheit schlucken.

In normalen Zeiten würde man solche Menschen eher mit dem Etikett „mündige(e) BürgerIn“ versehen. Aber dies sind keine normalen Zeiten und da funktioniert die Assoziationskette so: „Verharmloser“- „Leugner“- „Verschwörungstheoretiker“.

Mir braucht man nicht zu sagen, dass es (siehe oben) Spinner und Kriminelle gibt, genauso wie ich sehr wohl weiß, dass nicht gerade wenig Leute den abstrusesten Ideen mit religiöser Inbrunst anhängen (gerade im Gesundheitsbereich), Leute, mit denen kaum zu reden ist.

Aber es ist etwas ganz anderes, und es ist alles andere als harmlos, ausgrenzend alle zu diffamieren, die nicht mainstreammäßig unterwegs ist. Vielmehr ist es gefährlich:

  • Wer ausgegrenzt wird, identifiziert sich nicht mehr mit dem „Ganzen“ mit dem „Gemeinwohl“ – wieso sollte er auch? Die Folgen sind in einschlägigen sozialpsychologischen Büchern nachzulesen… oder einfacher: bei SozialarbeiterInnen zu erfragen.
  • Wer ausgegrenzt wird, kann keinen Beitrag zur Meinungsbildung mehr leisten – oder will es nicht mehr, weil man nur begrenzt Lust hat, blöd angemacht zu werden. Wie aber soll in einem Einparteienstaat am Ende etwas Gescheites herauskommen? Wer ausgrenzt, wird einäugig, bestenfalls. Ist es das, was wir wollen?

Ich gehe einen Schritt weiter und frage: Wer verharmlost hier eigentlich? Wo sind die „terribles simplificateurs“ (der Begriff des Historikers Jacob Burckhardt passt hier wirklich!) tatsächlich zu finden? Sind tatsächlichen diejenigen die großen Verharmloser, die dem Coronavirus nur eine beschränkte Gefährlichkeit zuschreiben und stattdessen die Folgekosten von „Schutztmaßnahmen“ ins Spiel bringen. Keineswegs nur die „banalen“ finanziellen Folgekosten, wo ach so leicht zu kontern ist, was denn wichtiger sei „Geld oder Leben“. Sondern ich meine die Folgekosten an menschlichem Leid und an Menschenleben, die ein nicht dem Gebot der Verhältnismäßigkeit orientierter „Kampf gegen Corona“ bedeutet.1

Diese von Anfang an voraussehbaren  Folgen der „Schutzmaßnahmen“ werden in unanständiger Weise verharmlost. Als quantité negligeable behandelt, verschwiegen, augeblendet.  Zugegeben: inzwischen etwas weniger. Aber angesichts der Tatsache, dass das statistische Bundesamt (nicht nur NRW) weit und breit keine erhöhte Sterblichkeit in den letzten Monaten erkennen kann (vgl. https://ursula-neumann.de/keine-erhoehte-sterblichkeit-in-nrw-im-mai-und-juni-2020-nimmt-das-vielleicht-mal-jemand-zur-kenntnis/) wäre die ansonsten auf die Fahnen geschriebene „Transparenz“ doch angebracht: Warum wird nicht mit derselben Intensität gegen die maßlose Überschätzung einer möglichen Erkrankung an Corona gekämpft? Wäre doch der Mühe wert, angesichts der Tatsache, dass dieses Risiko  vierzigmal (!) höher eingeschätzt wird, als es tatsächlich ist.2

Gut, jetzt kann man sagen: für Deutschland mag das ja alles zutreffen. Aber was ist mit den Vereinigten Staaten, mit Brasilien und anderen Entwicklungsländern? (Ich merke gerade, dass ich die USA aktuell auch unter „Entwicklungsländer“ rubriziere). Da gilt, was ich am 15.4.20 (https://ursula-neumann.de/vorerkrankung-armut/) geschrieben habe. Oder unter der Überschrift „Corona tötet! Wirklich?“ bereits am 21.3. (man beachte!) (https://ursula-neumann.de/corona-die-wahrgebungsgesellschaft/).

Oder nochmal zusammengefasst: Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das Corona-Virus in Deutschland weniger gefährlich ist als in Spanien, Island, den USA oder Brasilien oder im Kongo. Sondern die verheerenden, die tödlichen Folgen haben mit was anderem zu tun: Armut (wenn man es sich gar nicht leisten kann, nicht zur Arbeit zu gehen, wenn man auf engstem Raum leben muss), miserables Gesundheitswesen, Korruption (wenn z.B. die getestet werden, die zahlen können und nicht die, die getestet werden müssten – siehe Afghanistan) , mangelnde Bildung und und und… Aber all das lässt sich ja so gut verharmlosen. So ein Virus ist einfach praktisch!     

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1) Um den Text lesbarer zu machen, bringe ich diese keineswegs vollständige Liste als Anmerkung:

  1. Ich warte immer noch auf eine Entschuldigung von RKI-Chef Wieler, der am 18.3. posaunte: „Wenn es nicht gelinge, die Infektionsfälle zu reduzieren, könne es in zwei oder drei Monaten bis zu zehn Millionen Infizierte in Deutschland geben“.https://www.welt.de/vermischtes/article206627359/Corona-waechst-exponentiell-RKI-warnt-vor-10-Millionen-Infizierten-bis-Juni.html     (Stand heute laut RKI: 223 453 Infizierte)
       

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