David Neumann: Corona auf Niederländisch

Nach dem Bericht von Josef Erdrich über Nepal, der einem niedergeschlagen zurücklässt, weil die Situation so verzweifelt ist und so wenig Hilfe und Hoffnung absehbar ist  (so, wie auch – um nur ein einziges weiteres Beispiel zu nennen – in Afghanistan  zurück zu den im Vergleich dazu glücklichen Zuständen in Europa, genauer zu unseren niederländischen Nachbarn. Sohn Joachim (der inzwischen seinen Zweitnamen David bevorzugt) war im August vier Wochen in Amsterdam. Er fand, sein Bericht sei zu lang, um ihn in der Homepage vollständig einzustellen. Da bin ich aber ganz anderer Meinung!  

 

Die Botschaft des Freien Geistes

Die Decken vier Meter hoch, die Fenster ebenso. Die rustikalen Holzbalken stehen in einem geschmackvollen Kontrast zur stilvoll-modernen Einrichtung.  Über der großen Eingangstür des herrschaftlichen roten Backsteinhaus an der Keizersgracht prangen zwei Büsten: Athena, die griechische Göttin der Weisheit und Mercur, der Gott des Handels. Ich befinde mich an einem Ort, den es möglicherweise nur in Amsterdam geben kann: The Embassy of the Free Mind. Der Botschaft des freien Geistes. Ein Museum, eine Bibliothek, ein Café, ein Begegnungszentrum – ein Ort der Inspiration und der richtige Platz um auf meine Erfahrungen, Begegnungen und Eindrücke der letzten Wochen in den Niederlanden zurückzublicken.

Die freundliche Mitarbeiterin des Cafés bringt mir meinen Koffie verkeerd und lächelt entschuldigend: „Könnten Sie sich an den anderen Tisch dort setzen, diesen hier müssen freihalten?“ Ich blicke mich um. Ich bin der einzige Gast. Dann geht mir ein Licht auf: „Ah! Vanwege Corona?“ stelle ich fest. Sie verdreht die Augen und grinst. Ich sitze nun direkt am Fenster und klappe mein Notebook auf. Wo soll ich beginnen?

 

Aus einer Laune heraus und ohne bestimmten Grund habe ich vor 7 Jahren begonnen Niederländisch zu lernen. Mittlerweile spreche ich fließend und kann mich, wenngleich ganz sicher nicht immer fehlerfrei, an Gesprächen zu allen möglichen Themen beteiligen und vor allem auch der Berichterstattung in Zeitung und Rundfunk folgen. Dass dem so ist verdanke ich in erster Linie verschiedenen mehrwöchigen Aufenthalten in Amsterdam; ansonsten wohne ich in Stuttgart. Vor vier Wochen, Mitte August bin ich hier angekommen, habe unheimlich viele Menschen getroffen, diverse Museen besucht, die Stadt erkundet, Zeitung gelesen und Radio gehört. Und mit Dankbarkeit festgestellt, dass ein alternativer Umgang mit Corona nicht nur möglich, sondern auch erfolgreich ist. Und genau davon will hier nun berichten.

 

Der niederländische Corona-Frühling

Wenn man sich die Infektions- und Todeszahlen anschaut, dann zeigt sich einem ein ähnliches Bild wie in Deutschland. Jeweils große Ausschläge im Frühjahr, dann eine rasche Beruhigung und seitdem dümpeln die Zahlen vor sich hin. Auch in den Niederlanden konnte seit Mitte Juli wieder ein leichter Anstieg der Infektionszahlen registriert werden, tatsächlich sind sie mit durchschnittlich 500 bei ca. 17 Mio. Einwohnern etwas höher als in Deutschland. Schaut man sich jedoch die Todesfälle an, bewegen wir uns auf dem gleichen Niveau : Mal sind es 0, mal sind es 4, mal ist es einer pro Tag. Sehr verschieden ist allerdings der Umgang der Politik und völlig anders die Stimmung in der Bevölkerung. Wobei beides ganz sicher miteinander zusammen hängt. „Ihr seid alle erwachsen“, sagte der Premierminister Rutter sinngemäß seinen Landsleuten. „Ich vertraue darauf, dass ihr euch verantwortungsvoll verhaltet.“

Tatsächlich wählten die Niederlande einen Weg, der irgendwo zwischen Schweden und dem Rest der Welt lag. Ohne allerdings offensiv darüber zu reden, im Gegenteil: Als sich die Welt im Frühjahr besorg darüber zeigte, die Niederlande könnten eine Strategie der Herdenimmunität verfolgen, wehrte Rutte erfolgreich ab und zerstreute ganz offensichtlich die Bedenken der Nachbarländer, die vermutlich auch deswegen nicht weiter nachfragten, weil die Zahlen relativ wenig Angriffsfläche boten. Der Lockdown fiel dementsprechend milder aus als in den meisten anderen Ländern. Geschäfte durften grundsätzlich offenbleiben und viele machten davon auch Gebrauch. Die Menschen durften unter Einhaltung der Kontaktbeschränkungen an die frische Luft und bevölkerten ausgiebig die Parks und die Strände. Der „anderhalve meter“ wurde zur übergeordneten Maxime ausgerufen und ist bis heute Kernstück der niederländischen Corona-Politik. Maskenpflicht führten die Niederlande nur im öffentlichen Personenverkehr ein – auf eine kleine Ausnahme komme ich später noch zu sprechen. Aber natürlich waren die Niederlande nicht Schweden: Restaurants mussten schließen, im berühmten Amsterdamer Rotlichtviertel gingen die roten Lichter aus, die Museen machten dicht, Sportvereine schlossen ihre Pforten. Dass auch die Schulen in den Niederlanden schlossen, war keine Idee der Regierung, sondern kam, wie meine Lieblingskolumnistin Marianne Zwagerman bereits am 17. März in ihrem Podcast beklagte, auf Druck der Medien zustande, die eine Armada von Experten, Ärzten, Virologen und Epidemiologen zusammen getrommelt hatten, die einseitig Stimmung machten. Heute weiß man, dass man es auch damals schon besser hätte wissen können.

 

Nach den anderthalb Metern

Natürlich gibt es Parallelen zwischen der Berichterstattung der Medien in Deutschland und in den Niederlanden: Auch in unserem Nachbarland geht es darum, Klicks zu generieren und mit reißerischen Überschriften die Einschaltquoten in die Höhe treiben. 

Was mir aber von Anfang an aufgefallen ist: Die Berichterstattung war stets viel ausgewogener. Kritische Stimmen kamen nicht nur zu Wort; die Presse untersuchte die Maßnahmen der Politik und ihre Auswirkungen in die eine, wie auch in die andere Richtung. Als Beispiel sei hier der Podcast „Voorbij de anderhalve meter“ genannt, in welchem der Journalist Maarten Bouwhuis zwischen Mai und Juli in Gesprächen mit Verantwortlichen und Betroffenen die Auswirkungen der Vorgaben und Verordnungen auf unterschiedlichste Branchen und Lebensbereiche untersuchte und gleichzeitig immer auch im Blick behielt, wie das Leben nach der Aufhebung wieder aussehen könnte – daher der Name des Podcasts: Nach den anderthalb Metern. So wie ich das überblicke, beginnt dieser Blick in die Zukunft in Deutschland erst jetzt allmählich (Beispiel Spiegel). In seiner abschließenden Zusammenfassung kommt Bouwhuis Anfang Juli zum Schluss: Der Anderthalbmeterabstand ist nicht normal – und wird es auch nicht werden. ‚De anderhalve meter‘ ist nicht menschlich, und er ist auch nicht ökonomisch.“

Corona-Live-Ticker gibt es auch hier. Und natürlich wird auch hier alles Mögliche und Unmögliche berichtet, dass es nicht mal auf die letzte Seite geschafft hätte, wenn es nicht – irgendwie – in Zusammenhang mit dem bösen C gebracht werden könnte. Aber: es wird einigermaßen ausgeglichen berichtet. Es wird kommuniziert, wenn die Infektionszahlen steigen; es wird erwähnt, wenn die Zahlen sinken. Schon sehr früh verschob sich auch in der Berichterstattung der Fokus weg von der reinen Betrachtung der Infektionszahlen; vielmehr wurde das in meinen Augen Entscheidendere berichtet: Wie viele Menschen sind heute an oder mit Corona gestorben, wie viele Menschen liegen aktuell mit (u.a.) Corona auf Intensivstationen. Und – noch relevanter: Wie hoch ist die Zahl derer, die ohne Corona-Infektion Intensivbetten belegen und wie viele freie Betten gibt es überhaupt noch (viele). Eine solche ausgewogen, nüchterne Berichterstattung findet sich weder in den Live-Tickern auf Spiegelonline.de, noch auf tagesschau.de.

Bereits im März hörte ich im niederländischen Radio den mahnenden Hinweis: Es besteht ein empirisch belegter, negativer Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Situation eines Landes und der Anzahl der Toten: Geht es der Wirtschaft schlecht, steht auch dem Gesundheitssystem weniger Geld zur Verfügung, können die Kranken weniger gut versorgt werden, sterben also mehr. Zeitgleich derweil im Deutschlandfunk: „Herr Bundesdatenschutzbeauftragter, Sie sind also der Meinung, dass ein Menschenleben weniger wert ist, als der Datenschutz (in Bezug auf eine mögliche Corona-App)?!“

 

Ein liberaler Premiermister

Natürlich findet man auch jede Menge journalistische Beiträge, denen die Maßnahmen zu lasch sind und die eine zweite Welle auf die niederländischen Deiche zurollen sehen. Gegen solche kritischen Rückfragen ist überhaupt nichts einzuwenden, denn: Es gibt eben auch die anderen Stimmen und gab sie von Anfang an. Und es gibt vor allem Politiker, die sich nicht von den Medien vor sich hertreiben lassen, wie man das in Deutschland allenthalben sehen kann (ein Beispiel von vielen und sicher nicht das beste: Steinmeier im Urlaub ohne Maske).

Während seiner (nach wie vor routinemäßig stattfinden) wöchentlichen Corona-Presskonferenz wurde der niederländische Premierminister Mitte August mit der Frage konfrontiert, was er denn jetzt zu tun gedenke, da sich ja nun immer weniger Menschen an die Vorgaben und Empfehlungen der Regierung halten würden. Da entgegnete er nicht etwa nach deutscher Manier: „Bußgelder hoch, Polizeikontrollen auch in Zügen, Alkoholverbot auf Plätzen“. Sondern er lächelte erst einmal freundlich und sagte sinngemäß: Also ich sehe das überhaupt so. Ich war erst heute in einem Café gewesen, überall standen die Tische mit notwendigem Abstand, überall saßen die Menschen und haben sich so verhalten wie sie es sollten. Alle Tische waren besetzt – aber das ist doch auch gut so. Wir brauchen das für unsere Wirtschaft!“ Auch wenn die Reporterin nach eigenen Angaben (nicht ganz zu Unrecht) nur deswegen nicht nachfragte „auf welchem Planeten lebst du eigentlich?“, weil das Mikrofon mittlerweile schon weiter gewandert war –  die Luft war erst mal raus und Rutte konnte einen – aus deutscher Sicht – bemerkenswerten Satz hinterher schieben: „Wenn die Menschen unsere Empfehlungen nicht so umsetzen, wie wir es für sinnvoll erachten, dann liegt es an uns, der Politik, noch besser zu begründen, warum sie es tun sollten.“

Allerdings wird das nach Einschätzung der Anthropologin Jiske Kramer immer schwerer: Jeder Change-Prozess braucht eine nachvollziehbare Begründung. In den Monaten März und April war das wie in Deutschland die Devise „Flatten the curve“ mit dem Ziel das Gesundheitssystem vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Die Story war schlüssig, wurde akzeptiert und führte zu einer bereitwilligen Umsetzung. Nun fehlt eine entsprechende schlüssige Story, dementsprechend schwer wird es auch sein, die Menschen nachhaltig für die Einhaltung von Maßnahmen begeistern zu können, die nicht in ihrer Natur liegen.

 

Maskenpflicht nun auch in Holland – Fragezeichen

Mein Amsterdam-Aufenthalt begann mit einem Schock: Anfang Augst zeigte mir mein guter Freund Jörn eine Meldung aus dem FAZ-Corona-Ticker: In Amsterdam würde zum 5.8. eine Maskenpflicht in Geschäften und sogar auf Einkaufsstraßen eingeführt. Aus dem Beitrag meinte ich eine Spur vor Triumph herauszulesen: Endlich kommen die fahrlässigen Niederländer auch zur Vernunft! Mein Tag war ruiniert, meine Stimmung im Keller: Ich hatte mich so auf entspannte Wochen, weitgehend ohne Maske gefreut. Das Ganze erwischte mich deswegen so eiskalt, weil ich erst am Vorabend im niederländischen Radio gehört hätte, dass das RIVM, das Rijksinstituut voor Volksgezondheid en Milieu, das niederländische Pendant zum RKI sich nach wie vor gegen eine Einführung einer Maskenpflicht ausgesprochen hatte. Begründung: Es gibt keine eindeutigen wissenschaftliche Belege, dass Alltagsmasken etwas bringen. Wenn man sich an die Basisregeln hielte (Abstand, Händewaschen, Zuhausebleiben bei Symptome), könne man unbesorgt auf die „Mondkapjes“ verzichten.

Erst nach ca. 2 Stunden kam ich auf die Idee, selbst einmal auf niederländischen Seiten nachzulesen. Es zeigte sich: Die FAZ-Meldung war nicht völlig falsch. Aber sie war auch alles andere als völlig richtig. Und in jedem Fall erweckte sie einen völlig falschen Eindruck. Wahr war: sowohl die Stadt Amsterdam als auch die Stadt Rotterdam hatten eine Maskenpflicht eingeführt. Diese galt jedoch lediglich auf einigen sehr wenigen ausgewählten Touristen- und Einkaufsstraßen, wo es aufgrund des großen Andrangs zunehmend schwierig wurde die anderhalve meter einzuhalten.
Aber in geschätzten 99,5% von Amsterdam galt die Maskenpflicht eben nicht. Interessant war vor allem die Begründung von offizieller Seite. Es wurde ausdrücklich hervorgeben, dass man nicht davon ausgehe, dass das Tragen der Masken selbst die Ausbreitung des Corona-Virus beeinflussen würde. Man versprach sich vielmehr einen indirekten Effekt: Durch das Tragen der Masken sollten vielmehr den Menschen an das Abstandsgebot erinnert werden oder gleich ganz weg bleiben, weil man davon ausging, dass Einkaufen mit Maske einfach weniger Spaß machte. Gleichzeitig wurde auch kommuniziert, dass Vorgabe nur stichprobenartig kontrolliert werden würde und erst mal bei Verstößen auf Bußgelder verzichtet würde.

Die FAZ präzisierte ihre Angabe später und passte sie somit den realen Gegebenheiten an, aber der erste Eindruck hatte sich gefestigt. Noch Tage später konnte ich einen anderen deutschen Freund nicht davon überzeugen, dass die Maskenpflicht bei weitem nicht in ganz Amsterdam galt: „Ich hab‘ das doch in der FAZ gelesen!“

 

Eine „slimme“ niederländische Kommunikationsstrategie?

„Ik vind dat slim,“ sagte ich einige Tage später zu Joost, einem befreundeten Psychiater aus Den Haag. Wir tranken uns durch meine niederländischen Bier-Favoriten und tauschten uns über unsere psychologischen Einschätzungen zu verschiedenen Corona-Phänomen aus. So kamen wir beispielsweise zum Schluss, dass sich unsere Gesellschaften in einer Art kollektiver Angststörung befanden, bei der ähnlich der Flugangst alle Gedanken auf das vermeintliche Unheil gerichtet waren und so ein Entkommen schier nicht möglich war. Nur halt mit dem Unterschied, dass sich so ziemlich jeder daran beteiligte: Man stelle sich ein Flugzeug voll mit hyperventilierenden Menschen vor, die alle rufen „Wir stürzen ab!“

„Ik vind dat slim,“ sagte ich also und bezog das auf die von mir unterstellte niederländische Corona-Kommunikation in Richtung Ausland. Man muss hierzu wissen, dass ‚slim‘ ein falscher Freund ist und nicht ‚schlimm‘, sondern ‚schlau‘ heißt. Meine Hypothese: Die Niederlande kommunizieren nach außen bewusst eine eher härtere Corona-Politik um gleichzeitig nach innen mehr oder weniger unbehelligt besonnen-entspannt vorzugehen. Im Ausland soll ruhig die Botschaft ankommen, dass man in den Niederlanden nun auch endlich „die Zeichen der Zeit“ erkannt hätte und nicht so unvernünftig, wie die fahrlässigen Schweden sei.

„Ik vind dat erg!“ entgegnete Joost und dieser Satz bedeutet nun wirklich „Ich finde das schlimm!“ Die Niederlande sollten offensiv ihre Position vertreten und so dazu beitragen, dass auch in anderen Ländern ein maßvollerer Umgang mit dem Virus stattfinden würde. Man dürfe die Schweden da nicht alleine lassen.

Wochen später holte mich mein Freund Taco – auch von ihm wird noch die Rede sein – wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Eine clevere Strategie dürfe ich dahinter nicht vermuten, die Masken-Maßnahmen seien auf regionaler Ebene erfolgt, die niederländisch Regierung habe hiermit nichts zu tun, es sein kaum anzunehmen, dass hier außenpolitische Effekte in Betracht gezogen würden. Höchstens vielleicht der, dass man Amsterdam beim europäischen Party-Volk unattraktiv machen wollte, dass in Ermangelung von Mallorca und Ibiza nun verstärkt die niederländische Hauptstadt ansteuerte.
Auch ich unterlag hier sehr also wahrscheinlich der irrigen Annahme, dass hinter politischen Entscheidungen eine nachgelagerte Strategie liegen könnte.

 

Eine Ente mit Maske

Anfang September, meine letzte Amsterdamwoche hatte gerade begonnen, erhielt ich einen hysterischen Anruf vom Kölner Hauptbahnhof. Mein guter Freund Christian wollte gerade in den Zug steigen und einem Wochenende in Amsterdam entgegenfahren, als er von einem Bekannten die Information erhielt: Amsterdam wird in diesen Stunden für Touristen komplett gesperrt! Niemand käme mehr rein. „Ich steig am besten gar nicht erst in den Zug!! Weißt du was davon?“ wollte er wissen.  

Wusste ich nicht. Konnte ich mir auch nicht vorstellen. „Das widerspricht allen Entwicklungen, die ich hier derzeit verfolge! Steig in deinen Zug, ich recherchiere kurz und melde mich. Frag du mal in der Zwischenzeit woher dein Freund diese Info hat.“ Das interessierte mich nämlich an dieser Geschichte am meisten! Fünf Minuten später konnte ich ihm mitteilen: „Ich finde nichts, was diese Nachricht bestätigt!“

Das einzige was ich an diesem Vormittag zum Thema Corona in der lokalen Amsterdamer Zeitung Het Parool finden konnte, war folgende Information: Die Maskenpflicht in den Einkaufsstraßen in Amsterdam wird wieder beendet. Sie wurde für nicht mehr notwendig erachtet.

Woher diese Ente kam bleibt ungeklärt. Aber das grundsätzliche Prinzip ist ja bekannt. Man schnappt etwas auf, was ins eigene Bild passt, man verifiziert es nicht ausreichend und verbreitet es weiter. Flüsterpost nennt man das in der Grundschule. Wir Erwachsenen praktizieren dieses Verwirrspiel offensichtlich tagtäglich, ohne es beim Namen zu nennen und zwar einfach deshalb, weil wir Informationen nur oberflächlich beachten, mit eigenen Vermutungen anreichern und dann unvollständig weitergeben. Das dies auch Niederländern passiert, zeigt das folgende Beispiel.

 

Mondkapjes – jetzt auch in den Schulen!

Es ist ein warmer Dienstagabend in der zweiten Augusthälfte, ich stehe neben einem Beachvolleyballfeld im Osten Amsterdams und warte darauf, dass ich wieder an die Reihe komme. Neben mir stehen Bernard und Simon und unterhalten sich über die Folgen von Corona fürs Hallentraining. Sie sind etwas unruhig. Ab Anfang September soll das Training wieder in der Halle weiter gehen, aber die Situation ist einigermaßen fragil und nicht wirklich berechenbar. Vor zwei Wochen wurde ein Teammitglied positiv auf Corona getestet. Die ganze Mannschaft ließ sich anschließend testen, was nicht so einfach war, wie zur selben Zeit in Deutschland. Denn im Gegensatz zu Deutschland folgen die niederländischen Verantwortlichen nämlich den Empfehlungen des RIVM und testen nur, wenn Symptome vorliegen. (Das RKI empfiehlt dies zwar ebenfalls, aber in diesem Fall wurde es von der Politik eiskalt ignoriert.) Also husteten die Volleyballer alle etwas und berichteten von erhöhter Temperatur am Vorabend. 24 Stunden nach dem Testen lagen die Ergebnisse vor: Keiner hatte sich angesteckt und so traf man sich erneut zum Training.

Während wir also auf unseren nächsten Einsatz im Sand warten, recherchierte Simon im Netz die aktuellsten Entwicklungen, die Einfluss auf den Trainingsbetrieb haben könnten. Richtig fündig wurde er zwar nicht, aber von einer verschärfenden Corona-Maßnahme konnte er dann doch berichten – kurz bevor es wieder aufs Spielfeld ging: Jetzt wird auch an Amsterdamer Schulen pünktlich zu Beginn des neuen Schuljahres eine Maskenpflicht eingeführt. Meine beiden Mitspieler schüttelten den Kopf und ich war etwas deprimiert. Dann wurde gespielt!

Am nächsten Tag wollte ich es etwas genauer wissen und las den entsprechenden Artikel vollständig. Es stellte sich heraus: Von den mehreren hundert Schulen in Amsterdam hatten drei (drei!) weiterführende Schulen entschieden, eine Maskenpflicht auf den Gängen einzuführen. Dies geschah auf Druck einiger besorgter Eltern, die es natürlich auch in den Niederlanden gibt. Aber das Verhältnis gibt ganz gut wieder, wie die niederländische Bevölkerung die Situation eingeschätzt und welche Maßnahmen für geboten gehalten werden. Ich habe in den folgenden Wochen als sich die Schulen wieder im Präsenz-Regelbetrieb befanden, nichts mehr über dieses Thema gehört. Kritisiert wurde lediglich, dass Lehrer (zunächst) beim Testen nicht bevorzugt behandelt würden: „Eine rotzende Lehrerin wartet auf ihren Test, während ihre Schüler*innen nicht betreut werden“, titelte Het Parool kürzlich.

 

Mondkapjes in der Gesellschaft

Interessant ist vor allem die Ablehnung der Masken in der niederländischen Gesellschaft. „Wat een onzin!“ rief Tineke, als ich das Masken-Thema anschnitt. Tineke ist die 73jährige Mutter meines niederländischen Gastgebers, eine lebensfrohe, waschechte Amsterdamerin, von der im folgenden Abschnitt noch mehr die Rede sein wird. Als ich ihr von meinem Vorhaben berichtete, mir zurück in Deutschland eine atemfreundliche Maske aus Seide oder etwas Vergleichbarem zu nähen, entgegnete sie sichtlich besorgt: Aber Seide geht doch beim Waschen so schnell kaputt. Auf meine trockene Erwiderung „Dann wasche ich sie halt nicht!“, gratulierte sie mir: Mit dieser pragmatischen Einstellung hätte ich mich als echter Amsterdamer qualifiziert!

Ich kann nicht sagen, welche Reaktion das deutsche Maskengebaren in den Niederlanden mehr hervorruft: ungläubiges Kopfschütteln oder herzhaftes Lachen: Maske auf im Fitnessstudio (à in Bayern wenn man nicht an einem Gerät zugange ist); mit Mund-Nasen-Bedeckung im Hamburger Bordell, auch bzw. gerade während des Akts; vermummte Bedienungen im Biergarten, während die Gäste unverhüllt vor ihr sitzen…

Ich habe in meinen vier Wochen nun wirklich mit vielen Niederländern gesprochen – zwischen 25 und 73 war alles dabei; niemand hat mir gesagt, dass er oder sie es befürworten würde, wenn die Mondkapjes-Pflicht beispielsweise auf Geschäfte ausgeweitet würde. In Deutschland sind mir sehr wohl Menschen begegnet, die sich eine Verschärfung der Vorgaben wünschten. Mehrfach.

Es passiert eher das umgekehrte: David ist Verkäufer bei Burberry, einer englischen Modemarke. Er ist einigermaßen angefressen, weil Burberry das Tragen der Maske zur Fimenpolicy gemacht hat. Obwohl sie es rechtlich in den Niederlanden nicht müssen, sind die Mitarbeiter*innen dazu angehalten eine Maske zu tragen. Dagegen könnten die Beschäftigten sicherlich rechtlich vorgehen (könnte ich mir vorstellen), aber mach das mal. Wer sich allerdings durchaus dagegen auflehnte, war das erste Kaufhaus am Platz „Bijenkorf“. Ähnlich wie der „Breuninger“ in Stuttgart vermietet es in seinem Gebäude einzelne Parzellen an Modefirmen, die dann dort eigenverantwortlich tätig sind. Dass nun plötzlich in den Räumen des altehrwürdigen Kaufhauses Masken getragen werden sollten, fand die Geschäftsführung alles andere als witzig und versuchte die Burberry-Vorgabe zunächst zu unterbinden. Schlussendlich knickten sie ein und ließ Burberry gewähren – aber es zeigt: In den Niederlanden findet man eine Maskenpflicht nicht nur einfach lästig, man sieht sie auch kritisch und geschäftsschädigend.

 

Das gute Virus

Mitte August war ich also mit Tineke verabredet. Viele meiner Insiderinformationen über Amsterdam habe ich von ihr. Und auch dieses Mal lotste sie mich an einen besonderen Ort. Micropia! Ich hatte das schier unmögliche geschafft und mir als Nicht-Amsterdamer eine Museumsjahreskarte für gerade mal 65 Euro organisiert. Diese galt es jetzt reichlich zu nutzen. Bevor wir auf Tuchfühlung mit Pilzen, Amöben, Bakterien, Viren und ähnlichem gingen, tranken wir zunächst einmal gemütlich einen Kaffee im nahe gelegenen De Plantage.

Tineke berichtete, wie schwer ihr es gefallen sei, in der Anfangszeit auf menschliche Nähe zu verzichten und wie sie statt Menschen Bäume umarmt hätte. „Wirst du dich impfen lassen?“ fragte sie rundheraus. „Ich halte sehr viel vom Impfen“, entgegnete ich, „und ich bin auch gegen sehr vieles geimpft. Aber bei einem möglichen Corona-Impfstoff werde ich mich definitiv nicht in die erste Reihe stellen!“ Tineke nickte heftig. Sie war zwar dem Impfen gegenüber insgesamt nicht so aufgeschlossen wie ich, aber von den gängigen Impfungen war sie überzeugt und als sie im Bekanntenkreis vor Jahren einen Fall von FSME mitbekommen hatte, liess sie sich und ihre Kinder umgehend dagegen impfen. Aber jetzt, im Falle von Covid-19 – da war sie doch sehr skeptisch: Das war ihr zu undurchsichtig und vor allem ging es ihr einfach auch zu schnell. „Wenn die wirklich Ende des Jahres einen Impfstoff auf den Markt bringen, kann der doch gar nicht ausreichend getestet sein!“ Die Niederländer sind insgesamt zurückhaltender was Medikamente und Impfungen anbelangt. Kerstin Schweighöfer, Autorin des unterhaltsamen Niederlande-Verstehbuchs „Auf Heineken könn‘ wir uns eineken“ schilderte ihren ersten Arztbesuch in den Niederlanden: Sie hatte die Arztpraxis mit der festen Erwartung betreten, der Arzt würde ihr gegen ihre Erkältungssymptome etwas verschreiben. Irgendetwas. Wenigstens was Schleimlösendes auf pflanzlicher Basis oder so. Aber er schickte sie nur zurück nach Hause ins Bett und blieb auch gegen ihr eindringliches Nachfragen resistent.

Als ich eine Woche später meinem Rotterdamer Freund Pim erklärte, dass ich mich jedes Jahr gegen Grippe impfen lasse, schaute er mich an als käme ich vom Mars: „Warum??“ Ich kramte spontan meine Argumente zusammen: Herdenimmunität, wenn es alle machen, Selbstschutz in der konkreten Situation und eine generell erhöhte Immunität gegenüber Grippeviren, wenn ich die Impfung (wegen jeweils leicht unterschiedlichen Erreger) regelmäßig durchführen lassen würde. Pim war nicht überzeugt: „Du wirst hier in Holland keinen einzigen Menschen ohne Vorerkrankungen in deinem Alter finden, der gegen Grippe geimpft ist“, versicherte er mir.

Zurück im Café Plantage: Dort hatten Tineke und ich unseren Kaffee ausgetrunken und machten uns auf zum Museum: Ein Museum über die Kleinstlebewesen in und um uns herum. Über 2 Kilo meiner Körperpasse bestehen aus Bakterien, Pilzen, Mikroben lernte ich. Die allerallermeisten erfüllen wichtige Aufgabe. Auf dem Boden wies ein Schriftzug „friendly virus“ den Weg zu einem interaktiven Informationsbereich, in dem wir erfuhren, wie mittels Viren Antibiotika generiert wurden. An anderen Stellen des Museums konnten wir uns Hefepilze unterm Mikroskop anschauen oder über Touch-Pads alles Mögliche über Amöben und Wasserflöhe erfahren. Viele der Exponate mussten stündlich ausgetauscht oder zumindest kontrolliert werden. Dies wurde von ausgebildeten Labormitarbeiter*innen vorgenommen. Mit einer von ihnen kamen wir ins Gespräch. Die wissbegierige Tineke löcherte sie mit allerlei Fragen und stellte ganz am Ende fest: „Was mir auffällt: Wir sind am Eingang gebeten worden, unsere Hände zu desinfizieren, aber ansonsten sehe ich hier kein Desinfektionsmittel. Und das obwohl wir alles anfassen dürfen.“ Dies war in der Tat interessant. In anderen Museen waren in der Regel sämtliche interaktiven Elemente (also Dinge, die man berühren konnte) deaktiviert oder abgesperrt, wobei sich ein negativer Zusammenhang erkennen ließ: Je touristischer das Museum, desto weniger war möglich.
In Manier ihres Premierministers antwortete die Laborantin: „Aber nein, schauen Sie: dort hinten steht noch eine Flasche mit Desinfektionsmittel!“ Und überhaupt würden ja ohnehin sämtliche lebendigen Exponate ständig kontrolliert bzw. ausgetauscht. Bei der Gelegenheit würden dann auch alle Oberflächen desinfiziert. Im Subtext konnten wir in dicken Lettern lesen: Und das reicht auch!
Tut es offensichtlich auch. Denn auch Micropia, das weltweit einzige Museum über Mikroben und ähnliches, ist bis heute nicht als Hotspot in Erscheinung getreten. Mir kam ein Verdacht: Je mehr die Leute von Fach sind, desto realistischer schätzen sie die Situation ein. Und in der momentanen Situation heißt dies: desto weniger überzogen reagieren sie.
Nunja, ich könnte jetzt vermutliche eine Liveschalte zum RKI oder zu vielen anderen Einrichtungen weltweit machen und würde vom Gegenteil überzeugt werden, wobei zwischen Reden und Handeln dann doch noch ein großer Unterschied ist, und es mich nicht wundern würde, wenn sich Herr Wieler deutlich weniger lang die Hände wäscht als sein Institut empfiehlt .

Den zuerst erwähnten Zusammenhang kann ich aber bestätigen: Je weniger touristisch ein Ort ist, desto weniger weitreichend sind die Maßnahmen. Und dies gilt natürlich nicht nur für die seit dem 1.6. wieder geöffneten Museen, sondern, mindestens genauso, für die Gastronomie:

 

In der Reguliersdwarsstraat

„Wenn ihr mehr als vier Leute seid, müsst ihr leider drinnen sitzen!“ Gleich an meinem ersten Wochenende in Amsterdam waren zufälligerweise meine beiden Stuttgarter Freunde Travis und Esteban vor Ort, hatten noch zwei weitere Jungs im Gepäck und bestanden darauf in der „gay street“ mit dem für Ausländer unaussprechlichen Namen „Reguliersdwarsstraat“ etwas zu trinken. All meine Überredungskünste fruchteten nichts: „Lasst uns doch irgendwo weniger Touristisches hingehen. Oder noch besser: Lasst uns ein Bier kaufen und uns irgendwo an eine Gracht sitzen.“ Keine Chance. Und so saßen wir dann, bei tollstem Sommerwetter im tristen Inneren einer Touribeiz und tranken maßlos überteuerten und miserabel schmeckenden Alkohol. Draußen an der frischen Luft bei sich schnell verflüchtigenden Aerosolen maximal vier Personen an einem Tisch und keiner mehr, aber drinnen: fünf, sechs, sieben kein Problem. Solange wir nicht aufstanden. Der Irrsinn war selbst dem Kellner klar, aber als Touri-Schuppen war man im Fokus und musste die Vorgaben eins-zu-eins umsetzen. Vielleicht war auch nur der Außenbereich im Fokus und im Innenbereich nahm man sich gewisse Freiheiten heraus, wer weiß. Es würde zum niederländischen Pragmatismus passen. Es zeigt aber unter anderem: auch in den Niederlanden geht es nicht immer rational zu.


Travis meinte genervt und verwundert: „Die sind hier in Holland ja strenger als in Deutschland.“ Ich entgegnete: „Die sind hier strenger, wo die Touristen sind. Lasst uns drei Straßen weiter gehen und wir werden kein Problem haben.“ Wir gingen drei Straßen weiter und wir hatten keine Probleme. Bis auf den später einsetzenden Regen der das Ende der heißen Tage einleitete.

 

Grapperhaus

Dass die Niederlande nicht Schweden sind und vor allem nicht waren, habe ich bereits erwähnt. Die Vorgaben während des Lockdowns waren zwar insgesamt weniger restriktiv als in Deutschland, die Kontrolle der Einhaltung jedoch streng und die Konsequenzen hoch: 390 Euro für die Nichteinhaltung des Mindestabstandes und ein Eintrag ins Vorstrafenregister. In gewisser Weise gab es in den Niederlanden eine Art „good cop – bad cop“-Spiel. Der Minister für Sicherheit und Justiz, Ferd Grapperhaus, war der bad cop! Die freiheitsliebenden Niederländen taten sich schwer mit seinem strengen Kurs, zumal die Bußgelder in der heißen Phase – für viele überraschend und ohne dezidierte Vorwarnung – auch tatsächlich zum Einsatz kamen. (Dies mag aus deutscher Sicht wenig überraschend sein, in den Niederlanden gibt es aber eine Reihe von Bereichen, wo ein Verstoß gegen das Gesetz einfach nicht mehr geahndet wird. Statt ein Gesetz entsprechend zu ändern, kontrolliert man einfach nicht mehr. Bestes Beispiel: Marihuana. Offiziell dürfen die Coffeeshops überhaupt kein Gras besitzen. Kontrolliert nur keiner. Ganz offiziell.)

Und dann das: Ende August tauchten Bilder auf. Herr Grapperhaus hatte geheiratet und auf dieser Hochzeitig ging es – naja, ich sollte sagen: – so zu wie immer. Hier ein Küsschen, dort eine Umarmung für die Schwiegermutter, ein herzliches Händeschütteln und sicher auch ein Schulterklopfer. „Sie standen die ganze Zeit dicht beieinander!“ und „Ich hab‘ noch hunderte solcher Bilder!“ so der Fotograf, der das Ganze ins Rollen brachte. Die Hochzeitsgesellschaft entwickelte sich mitnichten zum Corona-Hotspot. Wohl aber zum Fiasko für den harten Grapperhaus. Die Niederländer kamen sich – vorsichtig ausgedrückt – verschaukelt vor. Zwar zahlte der Minister schnell das fällige Bußgeld und spendete noch zusätzlich etliche hundert Euro an das Rote Kreuz. Und natürlich entschuldigte er sich wortreich. Mehrfach. Aber die Glaubwürdigkeit war dahin. Nicht nur seine ganz persönliche, sondern auch die der Vorgaben. „Das Verständnis für die Corona-Bußgelder sinkt“, konstatierte der Vorsitzende der Polizeigesellschaft und berichtet, dass Verfehlungen seitdem weniger streng kontrolliert und geahndet wurden. Und der niederländische Hotel- und Gaststättenverband äußerte offensiv die Erwartung, dass nun die Vorgaben weniger streng kontrolliert werden würden. Es gab aber auch verständnisvolle Stimmen: „Es hat doch auch etwas Menschliches, oder?“ wurde in der Sendung Newsroom Den Haag festgestellt: Uns gelingt es oft genug nicht, alle Corona-Vorgaben einzuhalten, und den Architekten des Ganzen offenbar auch nicht.

Premierminister Rutte war in einer Zwickmühle: Einerseits hätte mit einem Rücktritt die Situation schnell entschärft werden können. Andererseits ist Grapperhaus eine zentrale Figur im Kabinett und als solche nur schwer verzichtbar. Außerdem stehen im nächsten Frühjahr Parlamentswahlen an. Der Kompromiss, den man fand, machte es nicht besser mit der Glaubwürdigkeit: Das Bußgeld wurde Anfang September drastisch von 380 auf 100 Euro gesenkt und die Aufnahme ins Vorstraßenregister entfiel. Dafür durfte der Minister bleiben. Natürlich habe das eine mit dem anderen nichts zu tun, beeilte sich die Regierung schnell zu sagen, doch die Presse sah das anders.

 

Von Medienverschwörung und eskalierendem Commitment

Apropos Presse: „Differenzierte, ausgewogene Medien“ hatte ich weiter oben geschrieben und dies gleich eingeschränkt. Gerade in den ersten Monaten hatten auch hier die „Abweichler“ einen schweren Stand.

Auch die Niederlande kennen die Bakhdis und Wordags, früher hoch geachtete und gerne in Talkshows eingeladene Experten, die dann etwas gesagt haben, was sie nach Meinung maßgeblicher Leute besser nicht gesagt hätten und fortan nicht mehr in die Talkshows eingeladen, sondern in den Abgründen des Internets verbannt wurden um dort dann leicht mit Menschen in Verbindung gebracht zu werden, mit denen sie besser nicht in Verbindung gebracht werden sollten.

In den Niederlanden ist dieses Schicksal einem gewissen Martin Appelo widerfahren. „Appelo! Natürlich!! Er ist großartig!“ schwärmte mein Psychiater-Freund Joost, als ich vorsichtig fragte, ob er diesen Psychologen möglicherweise kennen könnte. Tatsächlich hatte Appelo in der Corona-Anfangsphase Hochkonjunktur. Da erklärte er dem wissbegierigen und Corona-verwirrten Radio- und Fernseh-Publikum alles über Hamstern und anderes menschliches Krisenverhalten. „Bis zum 21. April,“ erinnert sich meine Lieblingskolumnistin Marianne Zwagerman in ihrem Podcast am 11. August. „Dann erklärte er öffentlich, dass die Vorgaben des niederländischen Kabinetts das Dümmste waren, was man aus psychologischer Sicht in so einer Situation tun konnte. Er sagte voraus, dass sich die Menschen gegen den Lockdown auflehnen würden, sobald sie merken, dass sie sich selber nicht in akuter Gefahr befänden, da Corona schließlich nur für eine ganz bestimmte Gruppe ernsthafte Gefahren mit sich brächte. Am nächsten Tag wurde Herrn Appolo von verantwortlicher Seite des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mitgeteilt, dass es nicht Sinn und Zweck der ihm zur Verfügung gestellten Sendezeit sei, das Volk zum Aufstand aufzurufen. „Ist das Zensur?“ fragte Apello noch. „Nein, natürlich nicht“, bekam er zur Antwort. Aber er wurde – wie man neudeutsch sagt – un-friendet. Anfragen nach Interviews oder Analysen blieben fortan aus. Von vier Mal pro Woche auf Null.“

Mittlerweile ist er, laut Zwagerman, davon überzeugt, dass die Medien instruiert sind, abweichende Meinungen zu unterbinden. Dass auch in den Niederlanden keine ausgewogene Berichterstattung erfolgt und kritische Stimmen mitunter nicht zu Wort kommen, weiß auch Zwagerman selbst zu berichten und berichtet von so kleinen Details, wie dass plötzlich deutlich prägnanter als vor der Krise hervorgehoben wurde, dass der Inhalt ihrer Kolumne, ihre ganz persönliche Meinung sei und nicht zwangsläufig die des Senders widerspiegele. An eine Medienverschwörung glaubt sie allerdings weder im Fall Apello noch generell:
„Ich hätte so gerne, dass diese Verschwörungstheoretiker recht hätten. Wäre die Erklärung doch nur so simpel! Eine Instruktion von oben, etwas Schweigegeld: das würde doch eine gute journalistische Spürnase ganz sicher investigativ schnell aufdecken können. Als ehemalige Direktorin eines großen Medienunternehmens muss ich all jene leider aus ihren Träumen reißen: träge Dummheit, Gruppenzwang, Abhängigkeiten, Angst, schlechtes Management, Geltungssucht und ein Mangel an Reflektionsfähigkeit. Mehr ist es nicht.“

Marianne Zwagerman habe ich schon früher jeden Dienstagvormittag zugehört. Seit Beginn der Corona-Krise haben ihre wöchentlichen Kolumnen meinen Glauben an Vernunft und freie Meinungsäußerung am Leben gehalten, in einer Zeit, in der man beim reinen Konsum deutscher Medien leicht verzweifeln konnte.

Am 7.4. macht sie uns beispielsweise mit dem sozialpsychologischen Konstrukt „Commitment Bias“ vertraut. Meine Mutter hat dies aufgegriffen und das Phänomen noch am selben Tag in seiner deutschen Übersetzung „Eskalierendes Commitment“ in ihrem Blog vorgestellt. „Media, Politik und die Sachverständigen haben so viel in ihre [einseitigen und extremen] Position investiert, dass sie nicht mehr zurückkönnen, weil sie zu viel zu verlieren haben. Es ist Aufgabe der Medien, diesen Teufelskreis zu durchbrechen,“ so Zwagerman damals. 

Nach einem halben Jahr kann ich feststellen: Dies ist in den Niederlanden gelungen. Zumindest deutlich besser als in Deutschland. Das liegt daran, dass es Menschen wie Zwagerman gegeben hat, die von Anfang an deutlich und unerschrocken Position bezogen haben (diese Menschen gab es auch in Deutschland, wenngleich ich mir mehr und prominentere erwünscht hätte.) Dies liegt aber auch daran, dass die Medien selber diesen Stimmen Raum gegeben haben und diese wiederum von der Politik aufgegriffen oder sogar unterstützt wurden. Und dies liegt natürlich auch am Institut für Volkgesundheit und Umwelt (RIVM), welches sich nicht von quotengierigen Medien vor sich her treiben liess und auch nicht wie manche hier in Deutschland, der Meinung war man müsse die Gefahr überspitzt darstellen, weil einem ja sonst nicht zugehört würde.

 

Von Mardern und Flugzeugen

Es ist ein schöner Septembernachmittag, meine Amsterdamzeit neigt sich dem Ende entgegen. Ich sitze mit Frank zusammen, trinke Kaffee und esse Brownies. Wie jedes Mal wenn ich in Amsterdam bin, bekommen wir ein Treffen erst auf den letzten Drücker hin. Frank ist Flugbegleiter bei KLM und hatte in dieser Funktion in letzter Zeit eher wenig zu tun. Freundlich ausgedrückt. Er hat daher sein zweites Standbein gestärkt und verstärkt Yoga-Kurse gegeben. Außerdem hat er sich weitergebildet und sich mit der Kurzstreckenflotte der niederländischen Fluggesellschaft vertraut gemacht. Diese geht nämlich davon aus, dass Langstreckenflüge auch mittelfristig weniger nachgefragt werden, ganz im Gegensatz zu innereuropäischen Strecken, weshalb dieser Bereich nun tendenziell ausgebaut werden soll und dazu Personal von dem einen Gebiet in das andere verlagert wird. Ob das wohl ein gelungenes Beispiel dafür ist, dass Corona den Klimaschutz vorantreibt? „Wir werden früher oder später erfahrungsgemäß ohnehin auf dieses Thema kommen,“ kam ich unumwunden zur Sache und schenkte Kaffee nach. Ich hatte es mir zwischenzeitlich zur Gewohnheit gemacht, das C-Thema gezielt zur Sprache zu bringen und frage mittlerweile ganz direkt und ohne Vorwarnung: „Wie ist deine Meinung zum Thema Corona? Und wie beurteilst du insbesondere das Verhalten der niederländischen Regierung in diesem Kontext?“ Ich muss diese Frage nun zukünftig auch in Deutschland jedem stellen, dem ich über den Weg laufe. Denn hier in den Niederlanden scheint jeder eine differenzierte und reflektierte Meinung zu haben. Oder ich suche mir selektiv differenzierte und reflektierte Gesprächspartner raus, das kann natürlich auch sein.

„Ich denke, dies ist ein typischer Fall, in dem die Medizin schädlicher ist als die Krankheit“, antwortet Frank. Wenn ich gedacht hätte, dass er sich erst mal vorsichtig an die Thematik herantasten würde, um auszuloten, was eigentlich ich darüber dächte, hatte ich mich getäuscht. Tatsächlich konnte ich ihn kaum bremsen. Was ihm besonders sauer aufstößt, ist die Ungleichbehandlung: Die Gastronomie war wochenlang geschlossen, Clubs sind immer noch zu. Klar, bekommen die staatliche Unterstützung. Aber die deckt nun einmal nicht die Kosten, die entstehen. Die Miete müsse dennoch bezahlt werden. „Warum“, fragt Frank, „bleibt dies komplett bei denen hängen, die ohnehin schon Einnahmeausfälle haben?“ Warum haben Vermieter Anspruch auf 100% ihrer Miete, während den Mietern verwehrt wird, Einnahmen zu generieren!

„Hast du von den Nerz-Züchtereien gehört?“ Hatte ich, wenngleich ich mir verwundert die Augen gerieben hatte: In den Niederlanden gibt eine stattliche Anzahl von Pelzfarmen, in denen Marder herangezüchtet werden. Ich hatte bis dahin immer angenommen, dass so etwas nur unter grausigen Bedingungen in Ostasien passieren würde. Mitnichten. Aber in den Niederlanden sollte damit 2024 Schluss sein. So war es jedenfalls vor Corona zwischen der Regierung und den Zuchtbetrieben vereinbart worden. Dann aber kam das Virus und schlug in den Zuchtbetrieben ähnlich zu, wie in Deutschland in Schlachtereien. Also wurde entschieden, dass sämtliche Betriebe bereits Mitte 2021 dicht machen müssten. Dafür bekommen sie 180 Millionen Euro Entschädigung. „Ein Sektor, den man ohnehin schließen wollte, bekommt nun noch mal ordentlich Geld hinterhergeworfen“, empörte sich Frank. Während gleichzeitig Branchen, die auch in der Zukunft benötigt werden, vernachlässigt werden: „Das Pflegepersonal hat jetzt einen einmaligen Bonus bekommen!“ Keine Rede von einer nachhaltigen Lohnsteigerung. Vieles erscheint mir hier auch nicht grundlegend anders zu laufen, als in Deutschland, dachte ich mir. Und ergänzte still in Gedanken: Das 3,4 Milliarden schwere Darlehens-Rettungspaket, welches dein Arbeitgeber vom niederländischen Staat erhält, erwähnst du hier jetzt nicht, Frank….

 

Die meisten Menschen taugen was!

Dann setzte sich Frank plötzlich aufrecht hin, scheinbar um das Thema zu wechseln und blickte mich an. „Kennst du „De meeste mensen deugen?” Deugen, deugen…., was heißt nun wieder ‘deugen’? Wie so oft fasste ich mir an den Kopf, nachdem mir ein Blick ins Wörterbuch klar macht, dass ich nur zwei Buchstaben austauschen muss: taugen! (Klappt allerdings nicht immer: ‚overleden‘, heißt beispielsweise nicht etwa ‚überleben‘, sondern das Gegenheil: ‚sterben‘).

Die meisten Menschen taugen also was! Dieses 2019 erschienene Buch des Niederländers Rutger Bregman macht gerade in den Niederlanden mächtig Furore und hat es auch in Deutschland unter dem Titel „Im Grunde gut“ auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft. Kernaussage: Wir sollten mehr Zutrauen in die positiven Charakterzüge unserer Spezies haben; altruistisches und prosoziales Verhalten ist nämlich viel weiter verbreitet als wir denken und kommt gerade in Krisensituationen besonders zum Tragen. Im Gegensatz zu diesem vielfältig wissenschaftlich-empirisch bestätigten Umstand, dominiert in unseren Köpfen ein (Selbst-)Bild vom egoistisch-grausamen Ungetüm, das gerade in schwierigen Situationen zur Bestie wird. Und dieses falsche Selbstbild wirkt nun wie eine selbsterfüllende Prophezeiung: „Was wir glauben, bestimmt, was wir werden. Was wir suchen, bestimmt, was wir finden. Was wir vorhersagen, bestimmt, was tatsächlich eintritt“, so Bregman gleich zu Beginn.

Ein Verschwörungstheoretiker könnte leicht unterstellen, dass Bregman beim Schreiben des Buches schon wusste, was sich 2020 ereignen würde. Dabei sind viele seiner Aussagen schon lange bekannt: Dass Nachrichten nicht unbedingt unser Weltbild objektiv gestalten, sondern im Gegenteil äußerst negativ verzerren, weil eben vorzugsweise und einseitig sensationslüsterne Katastrophenmeldungen kommuniziert und mit Bildern untermauert werden, die bestenfalls einen kleinen Ausschnitt der wahren Begebenheiten abbilden.

Anderes aus seinem Buch kommt mir aus anderem Kontext bekannt vor: Wie das schlechte Menschenbild, gepaart mit fahrlässig-falscher, sensationsheischender Berichterstattung und unreflektierten Politikerentscheidungen massives Leid verursachen kann, hat kürzlich meine Mutter in ihrem Blogbeitrag Die konstruierte Realität berichtet und sich dabei auf eine Reportage im Deutschlandfunkt bezogen.

Bei genauerer Lektüre des DLF-Beitrags stelle ich fest, dass ein Großteil aus Bregmans Buch abgeschrieben ist. Ohne allerdings dezidiert darauf hinzuweisen; der Niederländer wird vielmehr nur an einer Stelle kurz zitiert. So sieht also Qualitätsjournalismus in Deutschland aus. Nicht alle taugen also was.

Ich überlege: Besteht ein Zusammenhang zwischen diesen von Bergman formulierten Gedanken und dem Umgang der Niederländer mit der Corona-Krise. Ist die Einstellung der Niederländer generell eine menschenfreundlichere? Oder haben die niederländischen Verantwortlichen dieses Buch einfach rechtzeitig vor Beginn der Krise in den Händen gehalten und beherzigt, während ihren deutschen Kolleg*innen einen veralteten Bericht über die Effektivität von Schulschließungen in Amerika in Zeiten der Spanischen Grippe vorgelegt bekamen?

Zweifelsohne sind die Niederländer freiheitsliebender, individueller und weniger autoritätsgläubig als wir Deutschen. Sie haben auch eine andere Einstellung zu Leben und Tod, wie sich beispielsweise in der gesetzlichen Regelung zur aktiven Sterbehilfe ablesen lässt. Aber dass sich die doch eigentlich feinen Mentalitäts- und Einstellungsunterschiede in der gegenwärtigen Situation so gravierend auswirken, finde ich sehr bemerkens- und bedenkenswert. In die eine wie in die andere Richtung. Denn grundsätzlich verschieden sind wir nicht. Welche kleinen Hebelchen müssen wir umlegen, welche Schräubchen müssen wir nachjustieren, damit es beim nächsten Mal bei uns anders, besser läuft?


Keine Krise – eine Zeit!

Hier in den Niederlanden läuft und lieft nicht alles gut. Beileibe nicht. Auch in den Niederlanden waren lange Zeit Demonstrationen untersagt, insbesondere wenn sie sich gegen die Corona-Politik der Regierung richteten. Die traurige Vorreiterrolle des niederländischen Premiers Rutte beim EU-Gipfel im Juli in Sachen finanzieller Unterstützung der wirtschaftlich besonders getroffenen Regionen finde ich schändlich, peinlich, unsolidarisch und uneuropäisch. Nicht zu Unrecht fragte der Spiegel den niederländischen Finanzminister: „Herr Hoekstra, sind Sie der neue Schäuble?“ Ich will nicht Eindruck erwecken, als würde ich die Farbe Orange glorifizieren! Dennoch bin ich der Meinung, dass hier vieles besser gelaufen ist und besser läuft als bei uns in Deutschland. Neben den fehlenden Mondkapjes merke ich das vor allem an der Einstellung der Menschen und ihrem Umgang mit der Situation: „Was heißt denn ‚Corona-Krise‘ auf Niederländisch?“ will ich von Vincent, einem Gemeinschaftskundelehrer wissen. Oft muss man ja das deutsche Wort einfach nur etwas kehliger aussprechen und schon ist es niederländisch und ein Blick ins Wörterbuch zeigt mir, dass es hier auch so ähnlich wäre: corona-crisis. Aber Vincent zuckt nur die Schultern und meint: ‚corona-tijd‘ – ‚Corona-Zeit‘.

Die Menschen hier machen sich sehr wohl Gedanken. Jorn befürchtet, dass es zu einem neuen Lockdown kommen könnte. Taco macht sich große Sorgen um seinen Partner, der schon einmal eine schwere Lungenerkrankung hat. Nach wie vor verabredet er sich weniger und meint entschuldigend zum Abschied, dass eine gedankliche Umarmung dieses Mal genügen müsse. Anders als Tineke (und ich) setzt Taco voll und ganz auf eine Impfung, die ganz sicher schon sehr, sehr bald kommen würde. So viele Wissenschaftler wie daran gerade arbeiteten… 

Und erinnern wir uns an Pim, der nicht glauben konnte, dass ich gegen Grippe geimpft bin: Am Ende eines langen Tages, an dem wir mit dem Fahrrad von Rotterdam nach Scheveningen und wieder zurück geradelt sind, sitzen wir draußen in einer Bar. Ich fülle das Kontaktformular aus und erkläre per Unterschrift, dass weder ich noch meine Begleitung irgendwelche Symptome haben, die auf Corona hindeuten könnten. Wir beobachten das bunte Treiben auf der Straße und genießen den milden Abend. Nach einer Weile sagt er: „Eine Freundin von mir, auch so Mitte/ Ende Vierzig, Mutter von zwei Kindern, ist an Corona gestorben. Ohne Vorerkrankungen. Einfach so.“ Ich bin betroffen, drücke mein Mitgefühl aus. Nach ein paar Momenten fährt er fort: „Das ist so unwahrscheinlich: keine Fünfzig, keine Vorerkrankungen – das dürfte eigentlich überhaupt nicht passieren. Warum muss diese eine Ausnahme gerade jemand aus meinem Freundeskreis sein?“ Zum Abschied umarmen wir uns. Pim ist mein längster niederländischer Freund.

Die Botschaft des Freien Geistes in der Amsterdamer Keizersgracht hat nicht unbegrenzt geöffnet: Um 17 Uhr schließen die Pforten (und sonntags hat sie ganz zu). Ich radle durch das frühherbstliche Amsterdam nach Hause um meine Koffer zu packen. Mir ist etwas mulmig. Ich bin hier wirklich runtergekommen! So viel ich mit den Menschen hier über Corona geredet habe, so wenig hat es mich doch belastet. Ich war hier nicht in dieser unterschwelligen Habacht-Stellung, in die ich mich in Deutschland, ob zu Recht oder zu Unrecht, ständig begeben habe. Ich habe mich auch nicht ständig über den von mir als so empfundenen Maskenunsinn aufregen müssen und über die Menschen, die es einfach, wie vieles andere auch, akzeptierten – oft ohne es überhaupt zu hinterfragen. Im Gegenteil, hier hatte ich Unterstützer im Geiste zuhauf. Aber vielleicht, dachte ich mir, wird mir die Erfahrung der letzten Wochen auch helfen, besser mit der Situation in der Heimat klar zu kommen: Ein bisschen sollten die hiesigen Erfahrungen mein Selbstbewusstsein stärken und mir Zuversicht geben. Ein bisschen sollte beides dazu führen, dass ich die niederländische Gelassenheit mit nach Deutschland nehme. Und ein bisschen sollte dies auch dazu führen, dass – auch – ich, etwas weniger auf das Negative fokussiere.
So gesehen bin ich nämlich ziemlich deutsch.

 

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