Die Entdeckung: Vor Corona sind doch nicht alle gleich!

Seit über einem Jahr bekannt: der Zusammenhang von sozialem Status und Erkrankungsrisiko

„Vor Corona sind alle gleich“ – dafür sprach im Anfang manches: Die erste Erkrankte in Deutschland war (wenn ich mich recht entsinne) eine von einer Geschäftsreise nach China zurückgekehrte Frau. Kein Fall für die Sozialhilfe vermutlich. Ebenso wenig die zahlreichen Infizierten auf Kreuzfahrtschiffen.

Aber – wer wollte – konnte diesen Aberglauben sehr schnell korrigieren. Ich z.B. erstmals am 15. April 2020 (!) nachdem ich über die USA gelesen hatte („Vorerkrankung Armut“) ; es folgte am 3.5. 20  ein Artikel von Jan Paul Heisig, dann am 13 September 2020:  „Enery flows where attention goes…„. Und schließlich am 21.2.21: „Untersuchungen des RKI sind nicht immer seriös„. Man verzeihe mir die Ausführlichkeit der (im Übrigen nicht vollständigen) Aufzählung. Sie ist meiner Meinung nach nötig, um zu belegen: Man hätte den Zusammenhang zwischen Infektionen/Todesfällen durch Corona und sozialem Status früh wissen und entsprechend zielgerichtete Maßnahmen ergreifen können. Was ich im Ein-Frau-Betrieb nebenher recherchiere – da hatten andere ganz andere Möglichkeiten.

Gewolltes Ignorieren

Aber das war und ist nicht gewollt. Während ich sonst eine Verfechterin von Hanlon’s Rasiermesser bin („Schreibe niemals der Bösartigkeit zu, was durch Dummheit angemessen erklärt wird“), sage ich heute: Dummheit und Ignoranz sind Teil der Erklärung, aber sie reichen nicht mehr aus. Das ist gewolltes Wegschauen! Hier bedient die politische Kaste die Interessen der Klasse, von der sie gewählt werden – und zu der sie selbst gehört! Sozial Deprivierte wählen unterdurchschnittlich. Das gehört ins Kalkül.   

Vieles hätte hellhörig machen können, nicht erst seitdem die skandalösen Zustände, die seit ewigen Zeiten im sogenannten „fleischverarbeitenden Gewerbe“ herrschen, sich in Höchstzahlen bei den Infektionen niederschlugen. Das IGES-Institut vermerkte am…  die durchgängig erhöhte Inzidenz in Kreisen mit „fleischverarbeitendem Gewerbe“. Hat’s irgendjemanden gejuckt?

Stattdessen skandalisierte man lieber die 40 000 Leute, die über Ostern nach Mallorca fuhren – dazu kann man stehen wie man will. Aber auf alle Fälle trugen die nachweislich gegen alle moralischen Unkenrufe der von mir ach so sehr geschätzten „Experten“ nichts Merkbares zur Erhöhung der Inzidenz bei. Weder in Mallorca noch hierzulande. Es sei hier ausdrücklich daran erinnert, weil diese Dinge viel zu schnell und absolut folgenlos vergessen werden.

So wie – nebenbei ins Gedächtnis gerufen-  Lauterbachs Tipp in der Frühzeit der Pandemie, Masken aus Staubsaugerbeuteln zu machen, was den Drogeriemarkt DM zu einem Aufschrei führte: Da sei Gift drin!). 

Also zurück zu Mallorca am 16.3.21:  

Der Reiseforscher Jürgen Schmude befürchtet deshalb, dass Mallorca „ein zweites Ischgl“ nach sich ziehen könnten. „Grundsätzlich ist dieser Ansturm eine Katastrophe. Wir haben gesehen, was bei Reise-Großereignissen passieren kann – Stichwort Ischgl“, sagte der Professor für Tourismuswirtschaft und Nachhaltigkeit an der Universität München dem „RedaktionsNetzwerk Deutschland“.

Er habe große Sorge, dass der Mallorca-Ansturm ein erneutes Ansteigen der Fallzahlen verursachen werde, sagte Schmude. Es würde ihn nicht wundern, wenn die Insel in drei Wochen wieder in einen harten Lockdown müsse. Hotels und Airlines hätten zwar umfassende Hygienekonzepte umgesetzt, aber „wir wissen, dass sich Menschen im Urlaub anders als im Alltag verhalten“.“

Weder in Mallorca noch hierzulande gab es eine „Katastrophe“.   (Inzidenz Mallorca am 7.5. 21 bei 60 – seit April stabil deutlich unter 100)

Lieber Fehlverhalten des Einzelnen skandalisieren, als Ursachenforschung betreiben

Jugendliche, die an der Isar Party machen, Leute die nach Mallorca fliegen, Abstands- und Maskenverweigerer bei Demos eignen sich offensichtlich deutlich besser zum Skandalisieren als sich um das zu kümmern, was der eigentliche Skandal ist: dass Erkrankung, Tod und Zukunft gerade auch bei Corona davon abhängig sind, ob man im Villenviertel wohnt oder im Wohnsilo; abhängig davon, ob man ins Homeoffice gehen kann oder ob man mit dem öffentlichen Nahverkehr zu einer Arbeit fahren muss bei der Abstandsregeln gar nicht einzuhalten sind. Der Medizin-Statistiker, Prof. Antes bringt es auf den Punkt wenn er sagt: „ [es] wird die Schuld für die zu hohen Zahlen von morgens bis abends dem Fehlverhalten der Einzelnen zugerechnet, begleitet von markigen Sätzen, dass die Zügel deswegen noch mehr angezogen werden müssten. Diese Privatisierung der Verantwortung geht einher mit einem Auf-die-eigene-Schulter-Klopfen der Politik auf Landes- und Bundesebene.“

Homeschooling – wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht das Gleiche!

Es liegen Welten zwischen Homeschooling oder gar Quarantäne (Vgl. z.B. Generation Corona) im Akademikerhäuschen mit Garten oder auf 70 qm mit schlecht Deutsch sprechenden Eltern, die bestenfalls bei ihrer Putzstelle jemandem im Homoffice begegnen.  

Der folgende Bericht einer bayrischen Grundschullehrerin verdeutlicht die Grundproblematik eindrücklich. Frau Sabine Czerny berichtet auf deutsches-schulportal.de „Ich unterrichte derzeit auch sogenannte Sprachlernkinder der ersten und zweiten Klasse. Es ist sehr schwierig, überhaupt mit ihnen in Kontakt zu kommen – die Familien verstehen und sprechen kein Deutsch. Schon am Schuljahresanfang habe ich mich bemüht, für jede Familie einen Dolmetscher zu finden; über diese versuche ich nun, eine Kommunikation zu ermöglichen. Die Eltern sind jedoch meist nicht oder nur schwer erreichbar. E-Mail haben sie meistens nicht, abgesehen davon, dass die meisten auch in ihrer eigenen Sprache nicht lesen und schreiben können.“ 

Am 20.7.20 (!) fand sich ein Kommentar von Heike Schmoll auf der Internetseite des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (!): „Selten hat eine Krise die Unterschiede zwischen Schulen, Schülerinnen und Schülern so offenbart wie die Corona-Pandemie. Vor allem Brennpunktschulen, die täglich zum Improvisieren gezwungen sind, rüsteten digital auf, richteten ihre eigene Lernplattform ein, weil die des Landes schon vor der Schulschließung regelmäßig zusammenbrach und taten alles, um ihre Schülerinnen und Schüler nicht allein zu lassen: vom Notdienst mehrerer Lehrkräfte in den Schulen bis zu wöchentlichen Anrufen der Schulen zuhause. Denn die meisten ihrer Schülerinnen und Schüler hatten keine digitalen Endgeräte, nicht einmal einen Drucker. Schon unter Normalbedingungen machen sie ihre Hausaufgaben nicht selten in der Badewanne, um an einem Ort der viel zu kleinen Wohnung ohne Arbeitsplatz Ruhe zu haben. Nun mussten sie mit einem Smartphone allein Arbeitsblätter ausfüllen.“

 Ob Kinder Eltern haben, die auf die Barrikaden steigen, wenn „ihre“ Schule im bräsigen Corona-Halbschlaf verweilt (was leider so selten nicht vorkommt), oder ob eine solche Schule in einem Bezirk liegt, in dem Eltern keine Zeit für Beschwerden haben und noch nicht mal wissen, dass es ein Schulamt gibt – das ist ein himmelweiter Unterschied, der Folgen hat.

Zwei Milliarden Euro für unsere Kids  

Tja und wunderbar: Jetzt werden zwei Milliarden Euro locker gemacht, um die Folgen des Schul-Lockdowns für Kinder und Jugendliche zu mildern.

Zum Vergleich:

  • Die Rettung der Lufthansa, die coronabedingt in Turbulenzen geraten war, ist unserem Staat 9 Milliarden Euro wert.
  • Die Regionalflughäfen werden mit „weit mehr als einer Milliarde Euro unterstützt“  (Rheinische Post vom 12.2.21 )
  • Die Corona WarnApp – „Spielzeug für die digitalen Oberschicht“ brachte es – mit vorhersehbarem zweifelhaften Ergebnis – auf 69 Millionen Euro,  
  • die Verteilung kostenloser Masken im Dezember 2020 bringt es auf 2,5 Milliarden. (vgl. Wirtschaftswoche

Ich bin eine Dame. Deshalb sage ich: Bei diesen Zahlen wird mir übel!  Sehr übel!

Mit einem Mal: Huch, da gibt es ja gewaltige Unterschiede der Inzidenzen!

Seit wenigen Tagen ist der Zusammenhang zwischen Armut/sozialer Benachteiligung und Inzidenz-, Zahl schwerer Verläufe/Sterbezahlen immerhin Thema in den Medien. Dass es zum Beispiel Stadteile in Köln gibt, in denen die Inzidenz bei Null liegt und Stadteile, in denen sie 500 beträgt.

Und mit unglaublicher Geschwindigkeit werden mobile Impfteams auf den Weg geschickt. Und vorausgesetzt, sie bekommen auch Impfstoff, wird allenthalben festgestellt: Die Leute dort sind ja gar keine ImpfgegnerInnen, die kommen in Scharen, die sind froh und dankbar… Ich glaube nicht, dass diese Erfahrung groß dazu hilft das vorurteilsgetränkte Bild zu korrigieren. Da käme einfach zu viel ins Wanken.

Parallel dazu wird kräftig an der Aufhebung der Einschränkungen gewerkelt. „Von den Lockerungen profitieren vor allem Gutverdiener“ – die in Sommerurlaub wollen. So die wenig erbauliche, aber sehr hörenswerte These des Sozialforschers Prof. Dr. Stefan Sell im SWR

Kurzer Blick über den deutschen Tellerrand

Es tut mir oft leid, dass ich bei meinen Beiträgen und Recherchen so Deutschland- bzw. Europazentriert bin. Mehr kann ich nicht leisten – mein Gedankenhorizont ist aber weiter.

Im November 2020 brachte „Gute Pillen – Schlechte Pillen“ (Untertitel: Unabhängige Informationen ohne Einfluss der Pharmaindustrie & ohne Werbung) einen kleinen Artikel „Impfstoff-Imperialismus. Wer wird die Covid-Impfstoffe bekommen“: „…Die Deals mit den Herstellern sind völlig intransparent… Zwar geben die EU und Deutschland auch Geld für die Beschaffung von Impfstoffen für ärmere Länder. Aber am Patentpool der Weltgesundheitsorganisation beteiligen sie sich nicht. Deshalb besteht die akute Gefahr, dass am Ende des Tages die Firmen viel reicher sind und global nicht genügend Impfdosen zur Verfügung stehen.“   

Am 7.5.2021 brachte die Süddeutsche Zeitung ein Schaubild:   

Ein Kommentar erübrigt sich. Oder?

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