Gleichgültigkeit gegenüber 26 Millionen im Lockdown?

Shanghai hat so viele EinwohnerInnen wie Baden-Württemberg, Bayern und das Saarland zusammen. Wenn ich mir vorstelle, dass alle Baden-WürttembergerInnen, alle Leute aus Bayern und alle SaarländerInnen (samt ihrer Wauwaus) ihre Wohnung nur verlassen dürften, wenn sie zu einem Coronatest aufgefordert wurden, wenn positiv Getestete von Leuten in weißen Schutzanzügen abgeholt und in Massenlager verbracht würden, wo sie mit mehreren hundert Leuten zusammen ein ungewisses Leben (?) zu fristen hätten, Bett an Bett, mit miserablen hygienischen Bedingungen – oder um es weniger zart auszudrücken: mit all den Folgen die es eben hat, wenn es kaum Toiletten gibt) – also, wenn ich mir all das vorstelle.. dann stelle ich es mir lieber nicht vor.

Ich wünsche höchstens alle jene begeisterten Null-Covid- AnhängerInnen dorthin (o. k.: es sind inzwischen deutlich weniger geworden), die ach so begeistert waren von der asiatischen Konsequenz, Disziplin, Kompromisslosigkeit. Da war ich immer schon skeptisch – keineswegs nur was China betraf (vgl.  z.B Suizid in Südkorea und Japan und ebenfalls Kritisches zu Japan. und zur Corona-App in China)

Regierungen als Amokläufer

Es kommt mir vor, als verhalte sich die chinesische Regierung wie ein Amokläufer „ohne Rücksicht auf Verluste“, gefangen in einer fixen Idee, unfähig auch nur eine einzige Frage nach der Verhältnismäßigkeit oder Folgekosten zuzulassen.

Sicher: man kann auch einen Amokläufer wegen seiner durch keine Zweifel angekränkelten Konsequenz bewundern und das für Stärke halten. Ich habe den Eindruck, dass das für nicht wenige anziehend ist. So nach dem Motto „die eiern wenigstens nicht rum – die hat endlich mal einer Arsch in der Hose“. Dass autoritäre Regierungen für solche Amokläufe anfälliger sind, als solide demokratische Gesellschaften, ist auch gerade anderweitig zu besichtigen.

Es wurde dafür gesorgt: Niemand ist da, der solchen Regierungen in den Arm fallen kann, kein Korrektiv – nirgends.

26 Millionen ohne Zahnschmerzen?

Wenn ich an die Folgen dieses Amoklaufes denke, fallen mir zunächst ganz banale Sachen ein: hat denn in Shanghai nie jemand Zahnschmerzen? Fällt da niemand vom Stuhl und bricht sich den Fuß? Ist da nie ein Klo verstopft, der Herd gibt seinen Geist auf? Gibt es da niemand, der pflegebedürftig ist? Ein Wasserrohrbruch ist unbekannt genauso wie ein Zimmerbrand? Dass bereits Dialysepflichtige, Menschen mit Asthma und Schwangere während des Lockdowns gestorben sind, wird in sozialen Medien berichtet, aber diese Toten zählen nicht. Und Zahnweh schon mal gleich gar nicht.

Ein bisschen Information zur Wohnsituation in Shanghai

Über die wirtschaftlichen, sozialen und psychischen Langzeitfolgen mag ich jetzt nicht sprechen. Allerdings will ich schon daran erinnern: in Shanghai lebt man anders als etwa im Schwabenländle : „Die durchschnittliche Pro-Kopf-Wohnfläche in China ist in den letzten 10 Jahren kontinuierlich gewachsen. In Städten und Gemeinden erhöhte sie sich von 6,7 auf über 10 qm, pro Einwohner, [….]“ Mama, Papa und Kind über Wochen auf 30 qm eingepfercht – es ist wert, sich das doch ein bisschen konkreter vorzustellen. Und für Leute, die sich ein noch genaueres Bild über Shanghaier Wohnungen machen wollen, habe ich noch den folgenden Link zu bieten – mit hübschen Bildchen.

Mein Erstaunen: Gleichgültigkeit „der“ Chinesen gegenüber ihren Mitmenschen in Shanghai

Jetzt muss ich aber erklären, warum ich diesen Blogeintrag überhaupt gemacht habe. Auslöser war ein Interview im SWR2 Tagesgespräch vor ein paar Tagen (wie ziemlich alle Tagesgespräche, die mich interessieren, fehlt es natürlich in derPodcast-Sammlung Nachdem ich in der Vergangenheit zwei, dreimal an den Hörerservice geschrieben habe und wenig hilfreiche Antworten erhielt, habe ich mich damit abgefunden). Bei dem fraglichen Tagesgespräch berichtete ein Korrespondent des Schweizer Rundfunks (ich denke, es war Martin Aldrovandi) aus Shanghai. Unter anderem auch, dass es Proteste gäbe, allerdings sehr bescheidene für meinen Geschmack.

Und er erklärte, dass die Chinesen, die nicht direkt, oder nicht so sehr betroffen sind oder nicht so sehr betroffen sind, gleichgültig reagierten. Das hat mich verwundert, befremdet. Verstehen konnte ich, dass aufgrund unterdrückter Informationen sehr viele gar nicht wissen können was läuft. Verstehen kann ich auch, dass man es sich in einer Diktatur gut überlegt, ob man sich mausig macht. Verstehen kann ich auch, dass es für die meisten unmöglich wird, noch Mitgefühl zu leisten, wenn ihnen selbst das Wasser am Hals steht. Aber Gleichgültigkeit? Gerade wo man doch allenthalben hört und liest (wie gesagt: da war ich schon vorher etwas skeptisch) wie groß die Solidarität und der Zusammenhalt in asiatischen Ländern ist – das Individuum stehe hinter der Gemeinschaft zurück – im Unterschied zu unserem gepflegten westlichen Egoismus.

Vielleicht sollten wir unseren westlichen Individualismus mehr schätzen?

Ich habe länger darüber nachgedacht und, ehrlich gesagt – ich habe zu wenig Wissen.

Trotzdem habe ich eine Theorie: vielleicht verstehen wir unter Solidarität und Zusammenhalt gerade aufgrund unseres „Individualismus“ etwas anderes. Vielleicht kann nur jemand, der die Erfahrung macht, gemacht hat, dass er/sie als Individuum, als Person einen Wert hat und sich als solche gesehen, respektiert fühlt, Solidarität gegenüber einem anderen Individuum empfinden. Dass also Einfühlungsvermögen in andere zwingend voraussetzt, sich selbst als wertvoll zu empfinden. Umgekehrt: wenn ich überzeugt bin, dass ich ein Nichts bin, dann liegt nahe, dass ein anderer Mensch in Not nichts in mir auslöst. Das heißt: womöglich ist das, was uns bei Asiatinnen und Asiaten wie Solidarität und Zusammenhalt vorkommt, tatsächlich nur die gemeinsame Unterwerfung unter irgendwas „Größeres“, bei der es auf den einzelnen Menschen nicht ankommt, er nicht zählt. A la: „Du bist nichts, Dein Volk ist alles“ – kennen wir ja!

Diese Botschaft wird den Menschen in Shanghai gerade sehr gründlich beigebracht. Egal, ob das beabsichtigt geschieht oder nicht: Auch das wird Langzeitfolgen haben!

Ich glaube, es ist an der Zeit, einen Toast auszubringen: „Ein Hoch auf unseren westlichen Individualismus! Ein Hoch auf unseren Egoismus! Vivat! Cresceat! Floreat!“

 

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Nun habe ich für diesen kleinen Beitrag ziemlich recherchiert und ein paar besonders informative Links möchte ich den geneigten Leserinnen und Lesern hier mitteilen:

https://www.srf.ch/news/international/schanghai-im-lockdown-24-stunden-ohne-toilette-wie-china-null-covid-durchzieht

https://www.blick.ch/ausland/shanghai-im-lockdown-srf-korrespondent-sitzt-seit-wochen-in-wohnung-fest-id17401723.html

https://www.ardaudiothek.de/episode/interview-deutschlandfunk/lockdown-in-shanghai-angespannte-lage-und-veraergerte-menschen/deutschlandfunk/10432729/

https://www.tagesschau.de/ausland/asien/shanghai-corona-109.html

https://www.ardaudiothek.de/episode/swr2-impuls/so-laeuft-shanghais-brutaler-lockdown-ab/swr2/10418285/

https://www.persoenlich.com/medien/die-liste-der-tabuthemen-nimmt-standig-zu

 

 

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