Was ist aus dem Prinzip „Primum non nocere“ (Vor allem: Nicht schaden!) geworden?

Was heißt: „Vor allem: Nicht schaden“?

Es gab es mal eine Zeit (ich denke, meistens ist es auch heute noch so), da galt für ÄrztInnen das Prinzip „Vor allem nicht schaden“, „primum non nocere“: Es soll nichts unternommen werden, was noch größeren Schaden verursacht als die bestehende Krankheit.

Für einen Patienten, eine Patientin bedeutet das konkret: Es muss abgewogen werden zum Beispiel zwischen dem zu erwarteten Nutzen einer Operation und deren möglichen Risiken und Folgeschäden. Es muss bedacht werden, dass ein Medikament nicht zum Magendurchbruch oder dauernder Leberschädigung führt. Jeder Beipackzettel ist ein Dokument des Prinzips: Kosten und Nutzen müssen gegeneinander abgewogen werden. Der ganze Mensch ist im Blick zu haben! Entscheidend ist die zu vermutenden Gesamtbilanz einer Behandlung. Wer nur isoliert den Blick auf die akute Erkrankung richtet, begeht einen Kunstfehler!

 

Denken VirologInnnen und IntensivmedizinerInnen an diesen Grundsatz?

Nach meinem Eindruck sind aber vor allem viele VirologInnen oder IntensivmedizinerInnen so fixiert auf die Bekämpfung von Corona, dass sie nichts anderes mehr wahrnehmen und das Prinzip vergessen, dem sie eigentlich verpflichtet sind.

Ziemlich anders erlebe ich es bei anderen ärztlichen Fachrichtungen, hier wird viel mehr im Gesamtzusammenhang gedacht: Angefangen von den Konsequenzen, die verschobene Operationen, Kontroll- und Vorsorgeuntersuchungen haben, dem Zusammenhang zwischen Existenzgefährdung und körperlicher Gesundheit. Die krankmachenden – und durchaus auch manchmal tödlichen Folgen von Isolation (z.B. in Pflegeheimen) werden bedacht, die katastrophalen „Folgekosten“ für Kinder und Jugendliche, insbesondere bei jenen, die ohnehin benachteiligt sind. 

 

Das übergeordnete Ziel: Die ganze Gesellschaft, wir alle sollen die Pandemie möglichst gut überstehen

Für „die Politik“ gilt dasselbe wie das, was ich über den Tunnelblick jener VirologInnen und IntensivmedizinerInnen sagte. Gut, es ist seit dem Sommer etwas besser geworden. Etwas. Aber nach wie vor scheint das Prinzip zu sein:

„Unsere Hauptaufgabe ist der Kampf gegen die Pandemie.“

Falsch!

Unsere Hauptaufgabe ist, dass unsere ganze Gesellschaft, dass wir alle möglichst gut aus der Pandemie herauskommen.

Das ist das übergeordnete Ziel. Der Kampf gegen Corona ist dabei ein wichtiger Aspekt. Kein vernünftiger Mensch wird das bestreiten! Aber es ist eben nur einer! Es gibt viele andere Aspekte – wenn die nicht beachtet werden, wird es womöglich genau nach dem Spruch gehen: „Operation gelungen, Patient tot!“ 

  • Da ist zum Beispiel der Aspekt „Wirtschaft“. „Interessen der Wirtschaft“ – das wird oft mit Naserümpfen gesagt, wofür es auch gute Gründe gibt. Aber dieses generelle Naserümpfen à la „hier geht es um Menschenleben und ihr redet von Umsatzeinbruch!“ – das ist einfach nur dumm. Verkürzt gesagt: Woher soll das Geld für die Intensivbetten kommen, wenn keine Steuern mehr erwirtschaftet werden? Wer pleite ist, bietet keine Ausbildungsplätze an…
  • Beispiel „Bildung“. Wenn Kindergärten, Schulen, Universitäten nicht das für die Gesellschaft leisten können, was sie leisten müssen, dann hat das langfristige Folgen. Diese Defizite lassen sich nicht im Schnellverfahren aufholen. Wie denn auch, wenn sowieso auf Kante genäht wurde! Weniger Bildung bedeutet für den Einzelnen weniger Zukunftsaussichten, weniger Einkommen und geringere Lebenserwartung. Für die Gesellschaft bedeutet es: Es gibt mehr Arme, die Unterstützung brauchen. Es gibt weniger Innovation – einschließlich der Gefahr einer Abwärtsspirale.
  • Stichwort „Spaltung der Gesellschaft“: es geht nicht nur um Spaltung zwischen arm und reich, sondern nicht minder darum, dass sich niemand auf Dauer dem „Gemeinsinn“ verpflichtet fühlt, wenn er/siw permanent das Gefühl hat, die eigenen Interessen zählten nicht:, sondern er/sie habe nur zu zahlen, sei es mit persönlichen oder finanziellen Einschränkungen. Das hat Konsequenzen für die Demokratie.
  • Kunst – überflüssig? Von wegen! Museen, Theater, Konzerte – das ist nicht nur was fürs Bildungsbürgertum, nicht nur was fürs Herz oder so (wobei auch diese Seite der Kunst nicht nur ein „Sahnehäubchen“ ist). Sondern Kunst spiegelt die Gesellschaft und bringt sie weiter. Der Beitrag von Beaumarchais „Der tolle Tag“ zur französischen Revolution, der Satz „Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire“ in Schillers Don Carlos“, Delacroix‘s Gemälde „die Freiheit führt das Volk“, Beethovens neunte Sinfonie…
  • Schließlich „Gesundheit“: Es wird auch an anderem gestorben als an Corona. 900 000mal im Jahr in unserem Land. Wenn das meiste Geld in die Bekämpfung von Corona fließt (ich will gar nicht von so aparten Geschichten wie den 2.5 Milliarden Euro  für die Maskenbeschaffung reden), dann ist nichts mehr da für anderes, was in der Dringlichkeit nicht drunter steht. Zum Beispiel ließen sich die jährlichen bis 20 000 Toten aufgrund von Krankenhauskeimen auf 2000 reduzieren – einfach durch die Einstellung von mehr Reinigungspersonal. Gesundheit bedeutet auch das Recht auf seelische Gesundheit, bedeutet auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit – das sage man mal denen, die aufgrund der Corona-Maßnahmen depressiv, verzweifelt, suizidal wurden, die im Lockdown in ihrer Wohnung verprügelt gequält werden.

 

Weiterdenken. Weiter denken  

Ich höre gerade (mal wieder) beim Spazierengehen von Gunther Schmidt  Kurse zum Coaching. Manchmal nervt er mich mit seiner penetranten Betonung, mit der er einem eintrichtert: Jede Person, die z.B. an einem Coaching, an einer Organisationberatung teilnimmt zubilligt, hat Interessen und Bedürfnisse, die berechtigt sind. Mindestens mal aus ihrer Sicht. Das gehört anerkannt und gewürdigt. Ich habe das inzwischen so internalisiert, dass ich überzeugt bin nur so geht’s. Nur so kann es funktionieren – im Kleinen wie im Großen 

Und genau so funktioniert es eben derzeit nicht: Nach wie vor werden Interessen, Bedürfnisse abgewertet, als unbeachtlich abgetan, ignoriert, wenn sie nicht zu der derzeit „herrschenden“ Praxis der Corona-Bekämpfung (über deren Sinnhaftigkeit und Erfolgsaussichten man by the way lange streiten könnten).

In Organisationen leuchtet das sofort ein, was die Konsequenz ist, wenn Beteiligten abgesprochen wird, dass ihre Bedürfnisse berechtigt sind: Ihre Kooperationsbereitschaft wird sich in Grenzen halten. Zum Schaden des Ganzen.

Sicher, man kann Menschen zwingen (mindestens bis zu einem gewissen Grad und für eine gewisse Zeit), sich wenigstens formal Beschlüssen zu unterwerfen, mit denen sie innerlich nichts zu tun haben, nichts zu tun haben wollen. Aber ein überzeugter Einsatz für das „höhere Ziel“ sieht anders aus. Nur wer sich gesehen und berücksichtigt fühlt, ist bereit zum Kompromiss, ist gewillt, zurückzustecken um eines höheren Zieles willen.

 

Schlussfolgerung?

VirologInnen, IntensivmedizinerInnen, Männer, Frauen, SchülerInnen, LehrerInnen, ErziehreInnen, Eltern, Wirtschaftsbosse und Minijobber, KünstlerInnen, Alte und Junge, Pflegekräfte und zu Pflegende und und und… gehören an einen Tisch. Jeder und jede kommt den anderen mit Achtung entgegen: Alle Interessen, alle Bedürfnisse haben eine Berechtigung. Die Sicht des anderen kann ein Gewinn werden – auch für mich. Sie mag mir fremd sein, aber sie ist weder dumm noch böse, selbst wenn es mir schon manchmal so vorkommt – und nicht auszuschließen ist, dass es auch manchmal so verhält. Ich höre zu, wenn mir andere sagen, welche Auswirkungen Maßnahmen (oder auch deren Aufhebung), die ich für gut halte, aus ihrer Sicht haben. Da kann ich was lernen!

Um diese Krise zu bewältigen, müssen wir aufeinander hören und aufeinander zugehen. Sonst klappt das nicht. Nicht bei uns – vielleicht in China.

 

 

 

 

 

 

 

 

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