Was ich aus einer aserbeidschanische Zeitung über Widerstand in Nazi-Deutschland erfuhr

Marina Owsjannikowa war vergangene Woche in aller Munde: Die Frau, die während der Nachrichtensendung des russischen Staatsfernsehens ein Schild hochgehalten hat: „Kein Krieg!“. Zunächst dachte ich, es handele sich um eine einfache Mitarbeiterin, vielleicht sogar eine Reinigungskraft. Aber diese Frau ist eine bekannte Redakteurin, die auch schon Putin mehrmals interviewt hat.

Ich danke ihr für ihren Mut und hoffe, dass die erlangte Berühmtheit ihr hilft, nicht gnadenlos verfolgt zu werden. Anderen, die weniger Berühmtheit erlangen, geht es schlechter. Daran denke ich mit viel Trauer.

In der Presseschau des Deutschlandfunks wurde am 16. März an einen Deutschen erinnert, der in Hitler-Deutschland eine Geste des Widerstands geleistet hat: der Arbeiter August Landmesser, der den Hitlergruß verweigerte. 

MÜSAVAT aus dem aserbeidschanischen Baku schrieb: „Marina Owsjannikowa erinnert an den deutschen Arbeiter August Landmesser, der 1936 auf einem Foto als einziger den Hitlergruß verweigerte. Erst 1991 wurde das Foto auf Drängen von Historikern in einer Hamburger Zeitung veröffentlicht. Damit ging der Name Landmesser als Symbol für Mut und Furchtlosigkeit in die Geschichte ein. Owsjannikowas mutiger Protest wird ebenfalls in die Lehrbücher aufgenommen werden. Es sind solche Menschen, die es nicht zulassen, dass die Ehre und die Würde der Menschheit nicht vollständig verloren gehen.

Da braucht es eine aserbaidschanische Zeitung, damit ich etwas aus der deutschen Widerstandsgeschichte erfahre!

Das ist wahr: unsere Ehre und Würde hängt von solchen Menschen ab. Wobei die Frage bleibt, was wir für die Ehre und Würde der Menschheit tun? Hier und jetzt?

August Landmesser – vom kleinen und vom großen Widerstand

Ich habe ein klein wenig recherchiert. Es ist nicht ganz sicher, ob es sich auf dem Foto tatsächlich um August Landmesser handelt. Aber sicher ist, dass er für seine aufrechte Haltung in seinem Leben einen hohen Preis bezahlt hat.

Ich denke, das ist nicht jedem von uns abzuverlangen. Aber ich bin mir sicher, Widerstand ist mehr möglich, als unsere Angst uns glauben machen will. Ja, ich weiß, ich sitze hier in friedlicher Umgebung und habe leicht reden. Aber es muss beim Widerstand nicht immer um Heldentum gehen, sondern es reicht die alltägliche Zivilcourage. Nur wenn wir die üben, haben wir die Kraft zum großen Widerstand, wenn es nötig ist.

Oscar Wilde: Ich hatte einen gewaltigen psychologischen Irrtum begangen. Ich hatte die ganze Zeit geglaubt, mein Nachgeben in unwichtigen Dingen hätte nichts zu bedeuten: ich könne im entscheidenden Augenblick meiner Willenskraft wieder zu ihrer natürlichen Überlegenheit verhelfen. Das stimmte nicht. Im entscheidenden Augenblick ließ mich meine Willenskraft im Stich.“ (Oscar Wilde, De Profundis, Brief aus dem Zuchthaus zu Reading)

Was ich uns allen wünsche – dass „großer Widerstand“ für uns nie eine notwendige Gewissensfrage wird, aber dass wir uns jeden Tag in alltägliche Zivilcourage üben. Das würde einen nicht geringen Beitrag dazu leisten, unsere Welt besser zu machen. Und – nebenbei – uns im Spiegel anschauen zu können.

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Buchtipp dazu: Heribert Prantl, Vom kleinen und vom großen Widerstand. Gedanken zu Zeit und Unzeit

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