Unser Rentensystem: „Umverteilung von arm zu reich“

Am 29.10. 21 brachte der Deutschlandfunk ein ausgezeichnetes Interview mit dem Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher. Aus geheimnisvollen Gründen durfte es ein bisschen länger dauern als die sonstigen getakteten Interviews – und das war gut.

 

Kanzler Adenauer 1957: „Kinder bekommen die Leute immer“

„Kinder bekommen die Leute immer“ hat Kanzler Adenauer im Zusammenhang mit der Einführung der umlagefinanzierten Rentenreform 1957 gesagt. Der Gedanke war ein „Generationenvertrag“ von dem die Deutsche Rentenversicherung schreibt: „Keiner hat ihn eigenhändig unterzeichnet und dennoch gilt er für uns alle: der Generationenvertrag. Die Jüngeren zahlen ihre Beiträge in die Rentenversicherung ein, wovon die Renten der heute Älteren ausbezahlt werden…“

Hat lange geklappt, und Kinder bekommen „die Leute“ nach wie vor. Allerdings weniger: die Geburtenrate sank von ca. 2.4 auf 1,6 in den letzten 60 Jahren Gleichzeitig werden wir älter. Wieviel älter hat mich dann doch erstaunt: Wer 1925 geboren war (also zur Zeit der Rentenreform 1957 in den Dreißigern war) hatte ob Männlein oder Weiblein eine durchschnittliche Lebenserwartung von unter 60 Jahren, wer 1992 geboren wurde liegt über 70 Jahre.

 

„Et hätt noch immer jot jejange“ – Abwarten ist die Devise.

Es kann also nicht weitergehen. Das ist zwar offensichtlich und zwar schon seit Jahren. Aber hier wie auch sonst (Beispiel Klimakrise) verfahren „wir“, verfährt die Politik nach dem 3. Kölner Grundgesetz „Et hätt noch immer jot jejange“ – es ist noch immer gut gegangen: Abwarten ist die Devise. Ausnahmen davon stellt höchstens die rasche Verbreitung einer viralen Infektionskrankheit dar, die Gelegenheit gibt, wahlweise Tatkraft oder Aktionismus zu fordern und zu beweisen.

 

Unser Rentensystem ist eine „Umverteilung von unten nach oben, von arm zu reich“

Das war jetzt die Vorrede, denn ich möchte nicht über unterbrochene Erwerbsbiografien (vor allem der Frauen), die Unmöglichkeit, mit geringem Monatsverdienst die vielgepriesene „private Altersfürsorge“ zu finanzieren. Das geschieht in dem Interview sehr gut.

Sondern: Ich stutzte als Herr Fratzscher sagte „Mein größter Kritikpunkt an der deutschen Rente ist, dass das eine Umverteilung von unten nach oben, von arm zu reich ist.“

Wie was?

Fratzscher erläutert: „…Denn nicht nur sind Menschen, die wenig Rente nachher bekommen, die, die natürlich auch wenig Arbeitseinkommen haben, während sie arbeiten, und viel häufiger in Pflege fallen, gar nicht bis zum Renteneintrittsalter arbeiten können, sondern arbeitsunfähig werden. Sondern wenn die Menschen in Rente gehen, haben Menschen mit geringen Einkommen in Deutschland fünf bis sechs Jahre geringere Lebenserwartung. Das heißt: Die Menschen mit hohen Einkommen beziehen nicht nur höhere Renten, sondern beziehen sie auch noch für fünf, sechs Jahre länger, und das ist für mich einer der wirklich großen Schwachpunkte auch im internationalen Vergleich, dass unser Rentensystem nicht nur eine Belastung, eine zu hohe Belastung für junge Menschen ist – da geht es um Generationengerechtigkeit –, sondern auch eine Umverteilung von arm nach reich ist.“

Es handelt sich nicht um eine kleine Zahl von Betroffenen. Vielmehr: Mehr als die Hälfte aller RentnerInnen bekommen weniger als 1000 Euro. Ich hab das mal ausgerechnet: bei einer Monatsrente von 1000 Euro alimentieren fünf Jahre früher sterbende RentnerInnen die Rente der andern mit 60 000 Euro. Wer von den flotten, besser situierten SeniorInnen – zu denen ich mich zähle – macht sich das bewusst? Immerhin bin ich dem Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung dankbar, dass er mich darauf aufmerksam gemacht hat. Ist ja auch nicht selbstverständlich in diesen Kreisen. Oder?

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