Julian Reichelt und der Einzug US-amerikanischer Moralvorstellungen

Sind wir auf dem Weg zu einem frauendiskriminierenden Paternalismus der anderen Art?

Also Leute, jetzt mal halblang!

Ist ja vermutlich richtig, dass BILD-Chef  Julian Reichelt schließlich seinen Hut nehmen musste, weil er seine Stellung übel und andauernd ausgenützt zu haben scheint, um mit vermutlich jungen und vermutlich vielen Frauen ins Bett zu gehen. Und vermutlich hätte der Rausschmiss schon viel früher passieren müssen und Herr Döpfner (vermutlich weder verwandt noch verschwägert mit einem ehemaligen Münchner Kardinal gleichen Namens) hat getan was die Boygroups halt so zu tun pflegen.

Und ja: Es ist nach wie vor skandalös, was sich Frauen oft im Beruf bieten lassen müssen oder vielleicht auch nur meinen, dass sie keine andere Wahl haben, als es sich bieten lassen zu müssen oder (gar nicht so selten) den Mann‘ auch noch in Schutz nehmen ‚der meint es nicht so‘, ‚so sind halt die Männer‘, ‚aber sonst ist er o.k.‘, ja sich vielleicht sogar dümmlilch geschmeichelt fühlen. 

Aber der Furor, der sich jetzt austobt lässt sich in meinen Augen nur als letztlich frauendiskriminierender Paternalismus deklarieren. Der Himmel schütze uns vor US-amerikanischen Verhältnissen, wie sie jetzt als zivilisatorische Segnungen gepriesen werden und nichts anderes sind als ein Durchbruch alten oder neuen prüden Puritanismus.

 

Sexuelle Beziehungen am Arbeitsplatz: Die US-amerikanischen Moralvorstellungen

Die NZZ  zitiert den US-amerikanischen Medienjournalisten Ben Smith, dass bei ihm zuhause ein Manager nur schon «wegen fünf Prozent der Vorwürfe», wie sie nun Reichelt betreffen, gefeuert worden wäre.“ Die NZZ kommentiert: „Wow. Wollen wir, dass sich solche amerikanischen Moralvorstellungen auch bei uns durchsetzen?“

Wie sehen diese Moralvorstellungen aus? Zum Beispiel bei Microsoft: Da verlangen Richtlinien seit 2006 „Liebesbeziehungen mit Kolleginnen und Kollegen und insbesondere mit Untergebenen offenzulegen.

Man muss sich das mal vorstellen – und zwar so konkret wie möglich. Erinnert ein wenig an das Institut der Beichte ‚hiermit bekenne ich meine Sünden‘. Aber in diesem Fall gibt es keinen Schutz durch das Beichtgeheimniss, und keine  Garantie auf Absolution oder ein faires Verfahren. Vielmehr: Der Beichtvater-Vorgesetzte hält das Schicksal des Beichtkindes in Händen. Wobei es ja nicht nur um Affären zwischen Vorgesetztem und Sekretärin oder so geht sondern zwischen den Azubi Fritz und Frieda.

So allmählich begreife ich, dass das neue texanische Abtreibungsrecht nicht aus der US-Kultur gefallen ist. Das verspricht dem Taxifahrer eine staatliche Belohnung, falls er die Frau anzeigt, die er zu einer Abtreibungsklinik fährt. Vermutlich ist es in Betrieben nicht anders, wenn ein Kollege das Techtelmechtel von zwei MitarbeiterInnen verpfeift. Wollen wir ein solches Betriebsklima? Selbstkritik und Denunziation als Programm. Kenne ich irgendwie von woanders her.  

 

„Einvernehmlich ist nicht gleich einvernehmlich“

Die Süddeutsche  berichtet weiter: „Die meisten Unternehmen ahnden aber nicht nur Fälle von offensichtlichen sexuellen Übergriffen oder von Belästigung, auch allem Anschein nach einvernehmliche Liebschaften zwischen Menschen auf unterschiedlichen Führungsebenen werden nicht geduldet.“ Weil nämlich: „Einvernehmlich ist nicht gleich einvernehmlich“.

Ich stehe #MeToo nach wie vor freundlich gegenüber, halte es für wichtig, dass möglichst viele Frauen sich outen. So wie es in meinem frühen Erwachsenenalter, nämlich 1971 ein wichtiger Schritt war, als der STERN das Bekenntnis von mehreren hundert prominenten Frauen veröffentlichte „Wir haben abgetrieben“ veröffentlichte. So etwas ist notwendig, damit sich was verändern kann.

Aber wenn ich dann die Worte von Debra Katz „die gefürchtete Anwältin der #MeToo-Ära“ lese, dann sage ich nur: Der Himmel schütze uns Frauen vor solchen Beschützerinnen.     

Unternehmen haben nach #MeToo wirklich verstanden, dass es ein inhärentes Machtgefälle gibt, und dass das, was in den Augen der Führungskraft als einvernehmlich wahrgenommen wird, für den Untergebenen möglicherweise nicht gilt“, sagt Debra Katz, eine Arbeitsrechtsanwältin, die sich so intensiv mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz befasst hat… Einvernehmlichkeit ist schwer sicherzustellen, wenn der eine über die Zukunft des anderen entscheidet…“

Aber Frau Katz weiß offensichtlich genau, was einvernehmlich ist und was nicht einvernehmlich ist! Ich weiß nicht, ob hier China oder die heilige Inquisition näher ist. Es wird eine Instanz installiert, die sich nicht damit begnügt, Schwächere zu schützen, sondern die für sich in Anspruch nimmt, besser zu wissen als die Betroffenen, ob diese etwas aus freiem Willen tun oder nicht.

Würde mich interessieren, wie das Frau Katz in meinem Fall sehen würde: Auch ich war mal heftig in meinen Chef verliebt. Und dass wir nichts miteinander hatten, solange er mein Chef war, lag gewiss nicht an mir, sondern erbitterte mich sehr. Naja… wir haben es dann danach nachgeholt und ich habe ihm verziehen.

Da hätte ich aber noch eine Anregung zur Ausweitung dieses Sendungsauftrags: Ich könnte so manches Liedlein aus meiner Praxis singen betreffend Pseudoeinvernehmlichkeiten. Sie haben keineswegs mit dem Arbeitsplatz zu tun, sondern kommen in jedem Lebenszusammenhang vor. Angefangen bei der jungen selbstunsicheren Frau, die beeindruckt von dem Macho-Gebaren eines Mannes fügsam wird wie eine ordentliche saudiarabische Ehefrau. Der konfliktscheue Mann, der aus lauter Angst vor der Verurteilung durch seine Familie nicht den Mut zur Scheidung hat. Die nicht gerade seltenen Fälle, in denen es gar keine körperliche Gewalt braucht (die durchaus auch nicht so selten isst)  sondern es reicht der Wink mit dem in besseren Zeiten leichtsinnigerweise abgeschlossenen Ehevertrag, um wieder ‚Einvernehmen‘ herzustellen.

Man sieht: Es bleibt noch viel zu tun – packen wir es an!

 

Wohin soll das führen?

Am Ende werden wir uns womöglich wieder da befinden, wo wir schon mal waren und einer sagen musste „habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, weil es wirklich Mut braucht, sich der ach so wohlwollenden Bevormundung entgegenzustellen. Vielleicht hat Immanuel Kant mit seinem Seitenhieb gegen Frauen doch nicht so ganz unrecht: „Dass der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit… auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.“ (Immanuel Kant, 1783)          

 

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