Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen.

Über diesen Satz Hannah Arendts denke ich oft nach. Er meint natürlich nicht, dass es nicht in vielen Situationen notwendig ist, sich einzuordnen, auch sich unterzuordnen. Gemeint ist: Ich kann meine Verantwortung nicht delegieren. An niemanden. An keine ‚Obrigkeit‘. 

Ich weiß nicht, ob die „Idealisierung des Gehorsams“ – wie Hannah Arendt – meint „spezifisch deutsch“ ist, ich glaube eher nicht. Wenn ich so an das Schreiben des argentinischen Papstes an den deutschen Kardinal Marx denke – da wird Gehorsam auch fraglos als Tugend gehandelt…   Jedoch hier in Deutschland: wenn ich in den letzten Monaten Augen und Ohren offen gehalten habe, dann stellte ich viel Lust an Unterwerfung fest, viel Identifizierung mit der „Obrigkeit“, bis hin zur Blockwartmentalität und zum Denunziantentum. Nicht nur bei einzelnen Menschen sondern auch „die“ Medien (nein, natürlich wäre zu differenzieren) unterschieden sehr deutlich zwischen dem braven Untertan und dem bösen Abweichler.     

Ganz korrekt lautet der Satz von Hannah Arendt – er stammt aus einem Interview das Joachim Fest im Jahr 1964 führte:

„Kants ganze Moral läuft doch darauf hinaus, dass jeder Mensch bei jeder Handlung sich selbst überlegen muss, ob die Maxime seines Handelns zum allgemeinen Gesetz werden kann. Das heißt … Es ist ja gerade sozusagen das extrem Umgekehrte des Gehorsams! Jeder ist Gesetzgeber. Kein Mensch hat bei Kant das Recht zu gehorchen.“

In dem Interview geht es um den Eichmann-Prozess in Jerusalem. Hannah Arendt war dort als Beobachterin und schrieb 1963 „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Ich möchte jedem ans Herz legen, sich den ganzen Text durchzulesen.

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