Ein Chefarzt der Infektiologie schreibt an seinen Sohn, der in Portugal Urlaub macht

www.infekt.ch ist für mich seit über einem Jahr eine „gute Adresse“. Verantwortlich für die Seite ist Prof. Dr. Pietro Vernazza, Chef der Infektiologie in St. Gallen. Am 29.6.21. schreibt er „Brief an einen Sohn“. Daraus möchte ich zitieren. Weil er das Virus entdämonisiert, indem nüchtern beschrieben wird, wie das läuft mit „Mutationen“ bei Viren und damit auch signalisiert „was soll diese hysterische Reaktion auf die Delta-Variante? Das ist der normale Lauf der Dinge.“  Ein bisschen ist das natürlich wie beim Wettlauf zwischen Hasen und Igel… Wenn dem Virus bei seiner Verbreitung von menschlicher Seite Steine in den Weg gelegt werden, dann überleben die Mutanten, die diesen „Steinen“ auweichen können. Aber der Unterschied zu dem  für den Hasen tödlich endenden Wettlauf mit dem Igel (die eben zu zweit waren): Auch unser menschliches Immunsystem kann sich anpassen, kann Strategien entwickeln, die das Virus zwar nicht ausrotten werden, aber zu einer harmlosen Sache machen. Das haben „wir“ schon so oft gemacht und das wird uns auch dieses Mal gelingen. (Vgl. auch den Artikel Von Dr. med. Karlheinz Bayer auf dieser Website)           

Aber nicht nur das Corona-Virus mutiert.  Sondern genauso die Berichterstattung. Darauf lenkt Prof. Vernazza auch die Aufmerksamkeit: „Früher zeigten sie Särge und berichteten über Mortalität, dann über Fallzahlen. Heute wird nur noch über Prozent-Zahlen gesprochen…“ Selektionsdruck wohin man schaut! Ich fände es spannend, die Geschichte der Berichtserstattungsmutationen zu schreiben. 

Brief an einen Sohn

„Heute lese ich in der NZZ, in Portugal treibe die „grassierende Delta-Variante“ die Touristen in die Flucht…. Ich hoffe sehr, dass du jetzt nicht gleich überstürzt die Koffer packst und dieses vom RKI deklarierte „Virusvariantengebiet“ nicht gleich verlässt.

….. Sicher ist dir aufgefallen, dass jetzt in den Medien eine ganz neue Berichterstattung herrscht. Früher zeigten sie Särge und berichteten über Mortalität, dann über Fallzahlen. Heute wird nur noch über Prozent-Zahlen gesprochen. Wie viele % der nachgewiesenen Viren.. sind … besonders „gefährliche“ Varianten, variant of concern (VOC)!

Selektionsdruck

Viele Virusmutationen sind lausig. Nur die besten machen das Rennen und vermehren sich weiter. Das ist der Moment, wo der Selektionsdruck einsetzt. Das Immunsystem ist ein möglicher Selektionsdruck. Fehlt es, wie damals in meinen Laborkulturen, vermehren sich „lausige“ Viren, die keine speziellen Tricks gegen Immunzellen intus haben müssen. Das Gegenteil gilt aber auch: wenn plötzlich eine Immunantwort dazu kommt, dann reagieren Viren auch. Die Covid-Impfung zum Beispiel, wird Immunzellen aufbauen, welche gewisse Vermehrungsschritte des Virus hemmen. Ein neuer Selektionsdruck entsteht. Doch wer jetzt glaubt – und im Moment scheinen viele so zu denken – dass damit „game over“ sei, kennt sich einfach nicht aus mit der Biologie. Das Virus wird auf jeden Selektionsdruck reagieren. …Viren sind durch ihre Adaptationsfähigkeit wahre Überlebenskünstler. Ich weiss, es gibt immer noch Leute die davon schreiben, dass das SARS-CoV-2 irgendeinmal weg sein wird.

Neue Varianten besser übertragbar

…… Im Mai sprachen alle von „neuen Varianten“, jetzt von Delta. Die neuen Varianten wurden als neue Gefahr aufgebauscht. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie besser von Mensch zu Mensch übertragen werden. ….nach allem was wir über Darwin und Selektionsmechanismen wissen: Haben wir etwas anderes erwartet? Sicher nicht: Wenn wir die Distanz unter den Menschen vergrössern, die Chancen für einen Kontakt reduzieren, dann verändern diese Massnahmen auch den Selektionsdruck. Und was ist die Folge dieses Selektionsdruckes? Natürlich, es werden vorwiegend Viren übertragen, die den weiteren Weg von Mensch zu Mensch auch wirklich schaffen. Dass diese Viren dann in wenigen Wochen 100% der übertragenen Virenstämme ausmachen, ist abzusehen. Denn das Virus wird sich den geänderten Umweltbedingungen laufend anpassen….

Du weisst gut, dass ich ein starker Verfechter von Impfungen bin. Sonst hätte ich mich auch nicht seit Weihnachten fast pausenlos für eine gut funktionierende Impfaktion im Kanton St. Gallen eingesetzt. Doch ich weiss sehr wohl, dass der Aufbau einer Immunantwort den Selektionsdruck auf das Virus ausübt. Die einzige Chance für das Virus ist, sich so anzupassen, dass es dem Immunsystem ausweicht. Das haben wir in den frühen Jahren der HIV-Epidemie beobachtet, das wird auch bei SARS-CoV-2 nicht anders sein. Das Delta Virus ist somit ein Lehrstück für das Studium der Immunologie: Adaptation auf einen Selektionsdruck. Nichts mehr.

Was empfehle ich dir jetzt im „Virusvariantengebiet“?

…Die Leute diskutieren jetzt, wie gut die Impfung vor einer Infektion schützt. Als gesunder junger Mensch machst du dir keine Sorgen… wegen einem Delta-Virus, das allenfalls doch noch zu einer milden Infektion führen könnte. Ich würde jetzt aber – vielleicht etwas provokativ – einen Schritt weiter gehen: Vielleicht würde dein Immunsystem sogar bei einem Kontakt mit einem Delta-Virus noch etwas dazu lernen, mit oder ohne Symptome einer Erkrankung. Es ist durchaus denkbar, dass das Immunsystem seine Immunantwort noch etwas verbreitern wird, und du in Zukunft noch mildere Symptome zeigen wirst, wie wir das von anderen Coronaviren jedes Jahr kennen.“

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