Ziemlich alt und ziemlich aktuell: Wessenbergs Gedicht „Mein Glaube“

Wie man weiß, bin ich seit ein paar Jahren mit Konstanz mittels einer kleinen „Zweitwohnung“ eng verbunden. Der Lokalpatriotismus ist nicht nur ein gefühlter, sondern ich interessiere mich für die Geschichte von Konstanz und seiner schönen Umgebung.

Ignaz Heinrich von Wessenberg war im 19. Jahrhundert Koadjutor (das ist sowas wie ein Generalvikar) des Fürstbischofs Dalberg  im Bistum Konstanz und sollte eigentlich sein Nachfolger werden.  Aber es kam ziemlich anders: Wessenberg passte dem Vatikan nicht. Das kann man ja verstehen: Er war liberal, tolerant, sozial eingestellt. Ein ‚Kind der Aufklärung‘ eben. Mittels übler Fake News (wirklich keine Errungenschaft der jüngsten Zeit!) die insbesondere des Kardinalstaatssekretärs Consalvi verbreitete und dem Papst unterbreitete  wurde er „erledigt“. Und weil man schon mal dabei war, das Bistum Konstanz gleich mit. So schafft man Ruhe. Damals wie heute.

Immerhin gab das Wessenberg Zeit zu schreiben, Gemälde und Bücher zu sammeln (letztere las er auch, erstere dürfte er betrachtet haben) und soziale Stiftungen zu gründen.

Ein schönes Gedicht, das seinen Geist widerspiegelt und dessen Intention auch nach 150 Jahren durchaus auf der Höhe der Zeit ist:

Mein Glaube

Ich glaube, dass die schöne Welt regiere
Ein hoher, weiser, nie begriff‘ner Geist,
Ich glaube, dass Anbetung ihm gebühre,
Doch weiß ich nicht, wie man ihn würdig preist.

Nicht glaub‘ ich, dass der Dogmen blinder Glaube
Dem Höchsten würdige Verehrung sei,
Er bildet uns ja, das Geschöpf im Staube,
Vom Irrtum nicht und nicht von Fehlern frei.

D‘rum glaub‘ ich nicht, dass vor dem Gott der Welten
Des Talmud und des Alkoran
Bekenner weniger als Christen gelten;
Verschieden zwar, doch alle beten an!

Ich glaube nicht, wenn wir vom Irrwahn hören,
Der Christenglaube mache nur allein
Uns selig! wenn die Finsterlinge lehren:
“Verdammt muss jeder Andersdenker sein!”

Das hat der Weise, der einst seine Lehre
Mit dem Tod besiegelt, nie gelehrt;
Das hat fürwahr – dem Herrlichen sei Ehre –
Kein Jünger je aus seinem Mund gehört!

Er lehrte Schonung, Sanftmut, Duldung üben,
Verfolgung war des Hohen Lehre fern;
Er lehrt‘ ohn‘ Unterschied die Menschen lieben,
Verzieh dem Schwachen und dem Feinde gern.

Ich glaube an des Geistes Auferstehen,
Dass, wenn dereinst das matte Auge bricht,
Geläuterter wir dort uns wiedersehen,
Ich glaub‘ und hoff‘ es! doch ich weiß es nicht.

Dort, glaube ich, werd‘ ich die Sehnsucht stillen,
Die hier das Herz oft foltert und verzehrt,
Die Wahrheit, glaub‘ ich, wird sich dann enthüllen
Dem Geiste dort, dem hier ein Schleier wehrt. –

Ich glaube, dass für dieses Erdenleben,
Glaub‘s zuversichtlich, trotz der Deutlerzunft,
Zwei schöne Güter mir der Herr gegeben,
Das eine Herz, das andere heißt Vernunft.

Die letzt‘re lehrt mich prüfen und entscheiden,
Was ich für Recht und Pflicht erkennen soll,
Laut schlägt das Erst‘re bei des Bruders Freuden,
Nicht minder, wenn er leidet, warm und voll!

So will ich denn mit regem Eifer üben,
Was ich für Wahrheit und für Recht erkannt,
Will brüderlich die Menschen alle lieben,
Am Belt, am Hudson und am Ganges-Strand.

Ihr Leid zu mildern und ihr Wohl zu mehren
Sei jederzeit mein herzlichster Beruf,
Durch Taten glaub‘ ich würdig zu verehren
Den hohen Geist, der mich und sie erschuf.

Und tret‘ ich dann einst aus des Grabes Tiefen
Hin vor des Weltenrichters Angesicht,
So wird er meine Taten  strenge prüfen,
Doch meinen Glauben?  Nein, das glaub‘ ich nicht!

Ignaz Heinrich Freiherr von Wessenberg

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