Was will uns das sagen? Rätselhafter Brief von Papst Franziskus an Kardinal Marx

Ich lese die (offizielle) deutsche Übersetzung des Briefes von Papst Franziskus an Kardinal Marx und denke: was will uns das sagen? Keine einfache Frage angesichts einer solchen Menge von Nichs-Sagendem.

Was immerhin klar ist: Der Papst nimmt das Rücktrittsgesuch des Kardinals nicht an. Ob das klug ist?

Ja. Wenn Kardinal Marx mit seinem Rücktrittsgesuch die Intention verfolgt hätte, die eigene Position zu stärken. So wie ein Ministerpräsident das (kalkulierte) Rücktrittsangebot eines Ministers nicht annimmt, um damit explizit auszudrücken: du hast meine Unterstützung, ich stehe hinter dir.

Wenn der Kardinal wirklich zurücktreten wollte, dann ist die Ablehnung eine Missachtung seiner Entscheidung. Einer Entscheidung – die nach seinen Worten – von ihm gründlich bedacht worden ist. Bei einer solchen Ablehnung geht es keineswegs nur darum, dass kein vernünftiger Arbeitgeber einem Arbeitnehmer Steine in den Weg legen wird, wenn dieser gehen will. Vielmehr: Es geht um Selbstbestimmung versus Gehorsam.

Selbstbestimmung versus Gehorsam. Franziskus positioniert sich klar

Mit seiner Entscheidung für „Gehorsam“ setzt Franziskus ein fatales – aber nicht allzu verwunderliches Zeichen. Fatal gerade weil dem Ersuchen des Kardinals die Frage des Umgangs der katholischen Kirche mit dem sexuellen Missbrauch durch ihre Amtsträger zugrunde liegt: Denn es ist genau die Erziehung zum „Gehorsam“ statt zur „Selbstbestimmung“, die sexuellen Missbrauch oft überhaupt erst möglich machte und macht. Es ist alles andere als zufällig, dass beim Thema „wie schütze ich Kinder vor sexuellem Missbrauch?“ die Befähigung und Ermutigung zum Nein-Sagen zentral ist. Es ist genauso wenig zufällig, dass auf Gehorsam ausgerichtete Organisationen (Sigmund Freud stellte Militär und Kirche nicht zufällig auf eine Stufe) gerade aufgrund ihrer Struktur zwangsläufig Opfer produzieren und Täter schützen. Die Geschichten von missbrauchten Kindern (innerhalb und außerhalb der Kirche) sind zahllos: sie konnten sich nicht wehren, weil „der Gehorsam“ es ihnen verbot, oder – wenn sie sich doch einem Erwachsenen anvertrauten –  fanden sie nicht nur kein Gehör fanden, sondern im Gegenteil, sie wurden bestraft, weil sie „solche Lügen“ über den hochwürdigen Herrn Pfarrer, den Onkel, den angesehenen Lehrer oder wen auch immer verbreiteten.

Die Interpretation von Franziskus: Kardinal Marx sucht den Willen Gottes zu ergründen und anzunehmen

Der Papst beginnt mit einem Dank für den Mut des Kardinals. So weit, so gut. Aber gleich fährt er fort „Es ist ein christlicher Mut, der sich nicht vor dem Kreuz fürchtet… “ Was ist an diesem Mut „christlich“? Die Dissidenten in Hongkong, in Russland, Belarus, Syrien, in so vielen Ländern dieser Welt, sie haben mit „Christentum“ wenig am Hut – was unterscheidet deren Mut von dem des Kardinals? Es ist eine gebräuchliche Vereinnahmung: Mitmenschlichkeit, wie sie weltweit vorkommt, wird mit dem Etikett „christliche  Mitmenschlichkeit“ versehen, als unterscheide diese sich qualitativ in irgendeiner Weise. Wie sich in bestimmten Zeitläufen die „deutsche Tapferkeit“ von der „britischen Tapferkeit“ unterschied, bzw. im UK gar nicht vorkam. Manchmal geht’s allerdings gründlich schief: die von den Hierarchen ins Spiel gebrachte „christliche Gleichberechtigung“ war ziemlich exakt das Gegenteil des Bezeichneten. Ich will das nicht weiter vertiefen, sonst käme ich auf solche Verdrehtheiten zu sprechen, dass wahre Freiheit im Gehorsam liegt oder so….1    

Und gleich geht’s weiter: „Es ist eine Gnade, die der Herr Dir geschenkt hat und ich sehe, dass Du sie annehmen und bewahren willst, damit sie Frucht bringt.“ Also: Die Idee des Rücktritts ist nicht auf dem Mist des Herrn Kardinal gewachsen, sondern sie wurde ihm von oben geschenkt und er nimmt sie an – in christlichem Gehorsam, versteht sich. Allerdings hat er den Willen Gottes nicht richtig ergründet, wie aus der Ablehnung des Gesuchs durch Franziskus abzuleiten ist…

Aber dazu später, zunächst etwas Exegese: 

Und was heißt das konkret? Die Antwort ds Papstes: Platitüden und Geschwafel

Als ich den päpstlichen Text zunüchst nur oberflächlich gelesen hatte, ging ich auf eine Forums-Seite und wunderte mich, dass gehäuft „Geschwurbel“, „verschwurbelt“ und ähnliche Zuschreibungen auftauchten. Aber die sind absolut zutreffend.

Um diese Kolumne nicht zu lang werden zu lassen, greife ich nur wenige Beispiele raus. Da ich den vollständigen Text unten angehängt habe, kann jeder und jede überprüfen, dass ich keine lieblose und willkürliche Auswahl von Schwachstellen getroffen habe.

Erstes Beispiel:

Die gesamte Kirche ist in der Krise wegen des Missbrauchs, ja mehr noch, die Kirche kann jetzt keinen Schritt nach vorn tun, ohne diese Krise anzunehmen. Die Vogel-Strauß-Politik hilft nicht weiter, und die Krise muss von unserem österlichen Glauben her angenommen werden. Soziologismen und Psychologismen helfen da nicht. Die Krise anzunehmen, als einzelner und als Gemeinschaft, das ist der einzige fruchtbringende Weg; denn aus einer Krise kommt man nur in Gemeinschaft heraus, und außerdem müssen wir uns klar machen, dass man aus der Krise als besserer oder als ein schlechterer Mensch hervorkommt, aber niemals unverändert.“

  • Was heißt konkret „Krise annehmen“ (an anderer Stelle „sich dieser Krise aussetzen“)?
  • Was heißt, die Krise „von unserem österlichen Glauben her“ annehmen?
  • Was ist mit „Soziologismen und Psychologismen“ konkret gemeint? Heißt die tendenziell abwertende Bezeichnung als „-ismen“, dass Soziologie und Psychologie nichts beitragen können?
  • Wieso kommt man aus einer Krise nur als Gemeinschaft heraus? Eine ebenso kühne wie unbelegbare Behauptung: Es gibt genügend Beispiele, in denen Krisen dadurch gelöst werden, dass einzelne sich aus der Gemeinschaft lösen (jede halbwegs gut gelaufene Ehescheidung beweist das) oder dass der ganze Verein seine Selbstauflösung beschließt.
  • Dass man aus einer Krise niemals unverändert herauskommt – Spruch fürs Poesialbum, ansonsten: Platitüde.

Zweites Beispiel

Das ‚mea culpa‘ angesichts so vieler Fehler in der Vergangenheit haben wir schon mehr als einmal ausgesprochen, in vielen Situation, auch wenn wir persönlich an dieser historischen Phase nicht beteiligt waren… Man verlangt von uns eine Reform, die – in diesem Fall – nicht in Worten besteht, sondern in Verhaltensweisen, die den Mut haben, sich dieser Krise auszusetzen, die Realität anzunehmen, wohin auch immer das führen wird. Und jede Reform beginnt bei sich selbst. Die Reform in der Kirche haben Männer und Frauen bewirkt, die keine Angst hatten, sich der Krise auszusetzen und sich selbst vom Herrn reformieren zu lassen…“   

  • Was ist mit „historischer Phase“ gemeint? Konkret: Was meint „historisch“ und was ist daran „Phase“? Dass das irgendwann mal war und vorbei ist?
  • Keine persönliche Beteiligung an dieser Phase? Damit konterkariert Papst Franziskus die Aussage von Kardinal Marx in seinem Rücktrittsgesuch, wo dieser klar von institutionellem und systemischem Versagen spricht.2
  • Nochmals: was heißt konkret, „sich dieser Krise auszusetzen“?
  • Jede Reform beginnt bei sich selbst“ – da ist ja was Wahre dran- wieder ein Spruch fürs Poesiealbum. Aber in diesem Zusammenhang wird wiederum die Verantwortung den Individuen aufgebürdet., Abgelenkt wird auf diese Weise vom „institutionellen“, „systemischen“ Versagen, wie es Kardinal Marx benennt.
  • Wieder greift der Gehorsamsgedanke: die „reformierenden“ Männer und Frauen reformierten nicht in eigener Verantwortung, sondern, sie haben sich vom Herrn reformieren lassen. Und wer entscheidet, ob wirklich-wirklich der Herr reformierte, oder ob sie ihre eigenen, falschen Wege gingen? Lassen Sie mich raten!

 

Nichts Neues im Vatikan: Die Opfer werden nicht gesehen

Eigentlich müsste man meinen, dass es sich auch im Vatikan inzwischen rumgesprochen hat, dass die Opfer die Opfer sind. Und was passiert:

  • Mal abgesehen von der Relativierung , dass „die geschichtlichen Vorkommnisse mit der Hermeneutik jener Zeit bewertet werden müssen, in der sie geschehen sind.“  „Geschichtlich“, „jene Zeit“, nun, es geht nicht um Vorkommnisse aus dem 17. Jahrhundert, sondern um Taten, die sich noch heute abspielen. Ich wiederhole mich (bzw. Goethe): „Was Ihr den Geist der Zeiten nennt, das ist der Herren eigner Geist“. („Päpstliches Eigentor“ Sowie auch: der putzige Herr Lützs) Wie steht es um die Verantwortung gerade der Institution für diesen Zeitgeist? Wer hatte die Macht, Gehorsam zu predigen und Gehorsam durchzusetzen? Wer hat die „Skelette“ (Papst Franziskus) denn in den Schrank gestellt, wo sie jetzt gefunden werden? Und zwar ganz sicher nicht aufgrund der Eigeninitiative der Institution Kirche!
  • „Die Hermeneutik jener Zeit“? Nach meiner Erinnerung nahm im Beichtunterricht das sechste Gebot einen beachtlichen Platz ein: Unkeusches in Gedanken, Worten und Werken. „Unkeusch“ (also Sünde) waren Doktorspiele, Masturbation, jeglicher nicht sofort bekämpfte Gedanke an sexuelle Handlungen „allein oder mit anderen“, das Betrachten stimulierender Bilder, sexuelle Handlungen vor/neben der Ehe und ohne Kinderwunsch und Homosexualität allemal. Ja, Leute, die Beichtspiegel und moraltheologischen Abhandlungen waren sowas von (lustvoll ausgefeilt) konkret und eindeutig:  Auf welche „Hermeneutik“, d.h. auf welche Interpretationshilfen wollt ihr noch warten?        
  • Kein Wort an die Opfer, sondern „Was uns retten wird, ist die Tür zu öffnen für den Einen, der allein uns retten kann, und unsere Nacktheit zu bekennen: ‘ich habe gesündigt‘, ‚wir haben gesündigt‘ – und zu weinen und zu stammeln so gut wir können… Dann werden wir jene heilsame Scham empfinden, die die Türen öffnen wird zu jenem Mitleid und jener Zärtlichkeit des Herrn, die uns immer nah sind….“ Das Ganze ist eine Angelegenheit zwischen den Tätern (ob sie durch Tun oder Unterlassen schuldig wurden) und „dem Einen“.  Na prima!   

 

Liebe Gläubigen: Die Schafe, das seid Ihr!

Weil der Papst der Chef und nebenbei (gelegentlich mindestens) unfehlbar ist, weiß er, besser was Gottes Wille ist. Da ist er unbestreitbar nähr dran. Und deshalb dekretiert er: Bruder Reinhard! Du bleibst! Und Kardinal Reinhard erhält auch einen klaren Auftrag „Weide meine Schafe“.

Die Schafe, das seid Ihr!

 

 

Am Ende des Papst-Briefes aus „Vatican News“ steht: „Dein Beitrag zu einer grossen Mission: Unterstütze uns dabei, das Wort des Papstes in jedes Haus zu tragen“.

Das habe ich hiermit getan. Mission accomplished!


  1. Bevor jemand meint, ich würde jetzt aber doch übertreiben: Kardinal Kurt Koch aus Basel meinte 2012 „Während Selbst-Verwirklichung oft genug zur Ich-Verwirklichum verkommt und damit um sich selbst kreist, ist Gehorsam immer dialogisch und bewährt sich in personalen Beziehungen. Solche gereinigte Freiheit tritt in Reingestalt vor unsere Augen in Jesus Christus, dessen radikaler Gehorsam zum Willen seines himmlischen Vaters ihn zum freiesten Menschen gemacht hat… In der Nachfolge Jesu sind auch wir Christen berufen, durch Glaubensgehorsam immer freiere Menschen zu werden und befreiende Verhältnisse zu ermöglichen.“  
  2. Auszug aus derm Brief von Kardinal Marx: „Die Untersuchungen und Gutachten der letzten zehn Jahre zeigen für mich durchgängig, dass es viel persönliches Versagen und administrative Fehler gab, aber eben auch institutionelles oder „systemisches“ Versagen…. Um Verantwortung zu übernehmen reicht es aus meiner Sicht deshalb nicht aus, erst und nur dann zu reagieren, wenn einzelnen Verantwortlichen aus den Akten Fehler und Versäumnisse nachgewiesen werden, sondern deutlich zu machen, dass wir als Bischöfe auch für die Institution Kirche als Ganze stehen…Ich empfinde jedenfalls meine persönliche Schuld und Mitverantwortung auch durch Schweigen, Versäumnisse und zu starke Konzentration auf das Ansehen der Institution.“

 


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Der vollständige Papstbrief in der Übersetzung von Vatican News

Papst-Brief an Kardinal Marx: Hier der Wortlaut:

Lieber Bruder,

vor allem: Danke für Deinen Mut. Es ist ein christlicher Mut, der sich nicht vor dem Kreuz fürchtet, und der keine Angst davor hat, sich angesichts der schrecklichen Wirklichkeit der Sünde zu erniedrigen. So hat es der Herr getan (Phil 2, 5-8). Es ist eine Gnade, die der Herr Dir geschenkt hat, und ich sehe, dass Du sie annehmen und bewahren willst, damit sie Frucht bringt. Danke.

Du sagst mir, dass Du einen Augenblick der Krise durchmachst, und nicht nur Du, sondern auch die Kirche in Deutschland. Die gesamte Kirche ist in der Krise wegen des Missbrauchs; ja mehr noch, die Kirche kann jetzt keinen Schritt nach vorn tun, ohne diese Krise anzunehmen. Die Vogel-Strauß-Politik hilft nicht weiter, und die Krise muss von unserem österlichen Glauben her angenommen werden. Soziologismen und Psychologismen helfen da nicht. Die Krise anzunehmen, als einzelner und als Gemeinschaft, das ist der einzige fruchtbringend Weg; denn aus einer Krise kommt man nur in Gemeinschaft heraus, und außerdem müssen wir uns klar machen, dass man aus der Krise als ein besserer oder als ein schlechterer Mensch hervorkommt, aber niemals unverändert.[1]

Du sagst mir, dass Du seit letztem Jahr am Nachdenken bist: Du hast Dich auf den Weg gemacht, den Willen Gottes zu suchen, und bist entschieden, ihn anzunehmen, was immer er sei.

Ich stimme Dir zu, dass wir es mit einer Katastrophe zu tun haben: der traurigen Geschichte des sexuellen Missbrauchs und der Weise, wie die Kirche damit bis vor Kurzem umgegangen ist. Sich der Heuchelei in der Art, den Glauben zu leben, bewusst zu werden, ist eine Gnade und ein erster Schritt, den wir gehen müssen. Wir müssen für die Geschichte Verantwortung übernehmen, sowohl als einzelner als auch in Gemeinschaft. Angesichts dieses Verbrechens können wir nicht gleichgültig bleiben. Das anzunehmen bedeutet, sich der Krise auszusetzen.

Nicht alle wollen diese Tatsache annehmen, aber es ist der einzige Weg. Denn „Vorsätze“ zur Änderung des Lebens zu machen, ohne „das Fleisch auf den Grill zu legen“, führt zu nichts. Die persönliche, soziale und geschichtliche Realität ist Konkret. Es genügt nicht, sie nur mithilfe von Ideen anzunehmen. Denn über Ideen wird diskutiert (zu Recht). Aber die Wirklichkeit muss immer angenommen werden und braucht Unterscheidung. Es stimmt, dass die geschichtlichen Vorkommnisse mit der Hermeneutik jener Zeit bewertet werden müssen, in der sie geschehen sind. Das befreit uns aber nicht von der Aufgabe, Verantwortung zu übernehmen und diese Vorkommnisse anzunehmen als die Geschichte der „Sünde, die uns bedrängt“. Deswegen glaube ich, jeder Bischof der Kirche muss sie annehmen und sich fragen: Was muss ich angesichts dieser Katastrophe tun?

Das „mea culpa“ angesichts so vieler Fehler in der Vergangenheit haben wir schon mehr als einmal ausgesprochen, in vielen Situationen, auch wenn wir persönlich an dieser historischen Phase nicht beteiligt waren. Und genau dieses Verhalten wird von uns auch heute verlangt. Man verlangt von uns eine Reform, die – in diesem Fall – nicht in Worten besteht, sondern in Verhaltensweisen, die den Mut haben, sich dieser Krise auszusetzen, die Realität anzunehmen, wohin auch immer das führen wird. Und jede Reform beginnt bei sich selbst. Die Reform in der Kirche haben Männer und Frauen bewirkt, die keine Angst hatten, sich der Krise auszusetzen und sich selbst vom Herrn reformieren zu lassen. Das ist der einzige Weg; andernfalls wären wir nur „Ideologen der Reformen“, ohne das eigene Fleisch aufs Spiel zu setzen.

Der Herr hat sich niemals auf eine „Reformation“ (ich bitte um Erlaubnis für diese Formulierung) eingelassen: weder auf das Projekt der Pharisäer, noch auf das der Sadduzäer, der Zeloten oder der Essener. Sondern er hat sie mit seinem Leben bewirkt, mit seiner Geschichte, mit seinem Fleisch, am Kreuz. Und das ist der Weg, den auch Du, lieber Bruder, annimmst, indem Du Deinen Amtsverzicht anbietest.

Du sagst in Deinem Brief zu Recht, dass es uns nichts hilft, die Vergangenheit zu begraben. Das Schweigen, die Unterlassungen, das übertriebene Gewicht, das dem Ansehen der Institutionen eingeräumt wurde – all das führt nur zum persönlichen und geschichtlichen Fiasko; es führt uns dazu, dass wir mit der Last leben, – wie die Redewendung sagt – „Skelette im Schrank zu haben“.

Es ist wichtig, die Realität des Missbrauchs und der Weise, wie die Kirche damit umgegangen ist, zu „ventilieren“ und zuzulassen, dass der Geist uns in die Wüste der Trostlosigkeit führt, zum Kreuz und zur Auferstehung. Es ist der Weg des Geistes, dem wir folgen müssen, und der Ausganspunkt ist das demütige Bekenntnis: Wir haben Fehler gemacht, wir haben gesündigt. Es sind nicht die Untersuchungen, die uns retten werden, und auch nicht die Macht der Institutionen. Uns wird nicht das Prestige unserer Kirche retten, die dazu neigt, ihre Sünden zu verheimliche. Uns wird nicht die Macht des Geldes retten und auch nicht die Meinung der Medien (oft sind wir von ihnen allzu abhängig). Was uns retten wird, ist: die Tür zu öffnen für den Einen, der allein uns retten kann, und unsere Nacktheit zu bekennen: „ich habe gesündigt“, „wir haben gesündigt“ – und zu weinen, und zu stammeln, so gut wir können: „Geh weg von mir, denn ich bin ein Sünder“, ein Vermächtnis, das der erste Papst den Päpsten und Bischöfen der Kirche hinterlassen hat. Dann werden wir jene heilsame Scham empfinden, die die Türen öffnen wird zu jenem Mitleid und jener Zärtlichkeit des Herrn, die uns immer nah sind. Als Kirche müssen wir um die Gnade der Scham bitten, damit der Herr uns davor bewahrt, die schamlose Dirne aus Ezechiel 16 zu sein.

Es gefällt mir, wie Du den Brief beendest: „Ich bin weiterhin gerne Priester und Bischof dieser Kirche und werde mich weiter pastoral engagieren, wo immer Sie es für sinnvoll und gut erachten. Die nächsten Jahre meines Dienstes würde ich gerne verstärkt der Seelsorge widmen und mich einsetzen für eine geistliche Erneuerung der Kirche, wie Sie es ja auch unermüdlich anmahnen“.

Und genau das ist meine Antwort, lieber Bruder. Mach weiter, so wie Du es vorschlägst, aber als Erzbischof von München und Freising. Und wenn Du versucht bist, zu denken dass dieser Bischof von Rom (Dein Bruder, der Dich liebt), indem er Deine Sendung bestätigt und Deinen Rücktritt nicht annimmt, Dich nicht versteht, dann denk an das, was Petrus im Angesicht des Herrn hörte, als er ihm auf seine Weise seinen Verzicht anbot: „Geh weg von mir, denn ich bin ein Sünder“ – und die Antwort hörte „Weide meine Schafe“.

Mit brüderlicher Zuneigung

FRANZISKUS

[1] Es besteht die Gefahr, die Krise nicht anzunehmen und sich in Konflikte zu flüchten, eine Verhaltensweise, die damit endet, zu ersticken und jede mögliche Veränderung zu verhindern. Denn in der Krise steckt ein Keim der Hoffnung, im Konflikt hingegen ein Keim der Hoffnungslosigkeit. Die Krise involviert uns – der Konflikt hingegen hält uns gefangen und führt zu der aseptischen Haltung des Pilatus: „Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen. Das ist eure Sache“ (Mt 27, 24) – eine Haltung, die uns schon so viel Schaden zugefügt hat und immer noch zufügt.

(vatican news – mg)

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