Der putzige Herr Lütz oder: die wirklich Schuldigen am sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche

 

Womöglich nehme ich das katholische Blättchen“Tagespost“ (mit dem Untertitel „Katholische Wochenzeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur“ – laut Wikipedia verkaufte Auflage: 10250 Exemplare) zu wichtig, wenn ich auf deren Artikel vom 23.2. 21 eingehe. Womöglich sollte ich mich an den Rat von George Bernard Shaw halten: „Spare deinen Atem, um die Suppe zu kühlen“. Tu ich nicht.

Die Tagespost schreibt also: „Kirchliche Verantwortliche seien bis etwa 1990 von Wissenschaft im Stich gelassen worden, meint der Psychiater und Bestseller-Autor Manfred Lütz.“

Dabei fällt mir zunächst mal auf: Unerwähnt bleibt, dass der Herr Doktor auch katholischer Diplomtheologe ist und seit knapp zwanzig Jahren in diversen Gremien des Vatikans sitzt. Warum denn? Das ist doch keine Schande!  

Im Beitrag heißt es dann:

Er [Lütz] erklärt, warum man einem kirchlichen Verantwortungsträger noch bis etwa zum Jahr 1990 in der Regel keinen Vorwurf habe machen können, wenn er einen geistlichen Missbrauchstäter versetzt habe, ohne die Gemeinde vor Ort über das Geschehene zu informieren.

Die historische Perspektive ist entscheidend

Ein solches Verhalten, das heute unverantwortlich wäre, sei damals fast unvermeidlich gewesen, so Lütz. „Im Gegensatz zu heute ließ nämlich die Wissenschaft damals die Bischöfe komplett im Stich.“ Um Gerechtigkeit zu erreichen, sei die historische Perspektive daher entscheidend. 1970 etwa habe der führende deutsche Sexualwissenschaftler Eberhard Schorsch bei einer Anhörung im Deutschen Bundestag erklärt, gewaltfreie Sexualkontakte zwischen Erwachsenen und Kinder schädigten gesunde Kinder nicht. „Das war noch bis Ende der 80-er Jahre herrschende Lehre!“, so Lütz.

Nirgends habe ein Bischof dem Psychotherapeuten zufolge vor 1990 erfahren können, dass vor allem pädokriminelles Verhalten ein hohes Rückfallrisiko beinhalte oder dass Missbrauch zu posttraumatischen Belastungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen führen könne. Dennoch habe es auch damals schlimme Fehlverhaltensweisen gegeben, so Lütz.  DT/om“

 

Tendenziös: Die sexuelle Revolution ist schuld

Wo er recht hat, hat er recht: Dass sich „die Wissenschaft“ (was unter „der“ Wissenschaft zu verstehen ist, wäre allerdings zu klären) einen Dreck um die Opfer sexuellen Missbrauchs scherte, egal ob es sich um Jura, Medizin, Psychologie (gerade auch meine Profession eingeschlossen) handelt – das ist keine Frage. Aber dass Herr Lütz jetzt ganz zufällig erst bei den unsäglichen Fehlentwicklungen anfängt, die es gab im Zusammenhang der „sexuellen Revolution“ der 70er bis 90er Jahre gab, das ist schon keck. Mehr noch: das ist eine tendenziöse Verfälschung. Zudem: „herrschende Lehre“ war es zu keiner Zeit, dass „gewaltfreie“ Sexualkontakte für Kinder unschädlich seien. Aber so zu argumentieren, passt in die katholische Gedankenwelt: Die 68er sind an allem schuld: Das hat auch Herr Ratzinger 2019 behauptet, als er nicht mehr Papst war: „Wieso konnte Pädophilie ein solches Ausmaß erreichen? Im letzten liegt der Grund in der Abwesenheit Gottes“ (vgl. auch mein Blogbeitrag vom Apri 20).  Dass nun gerade in kirchlichen Kreisen die Abwesenheit Gottes aufgrund der sexuellen 68-er Revolution so um sich greifen konnte… Rätsel über Rätsel.

 

Vor der „sexuellen Revolution“ war „wissenschaftlicher“ Konsens: es gibt keinen sexuellen Missbrauch

Tatsache ist: vor der „sexuellen Revolution“ war die Schädlichkeit von sexuellen Handlungen zwischen Erwachsenen und Kinder überhaupt kein Thema. Vielmehr war „wissenschaftlicher“ Konsens: Sexueller Missbrauch – das gibt es nicht. Wenn doch, dann nur bei Asozialen. Und da kann man sowieso nichts machen. Oder es handelt sich Phantasiegebilde sexuell verdorbener Kinder. Die gehören ins Heim. Ich erinnere mich an einen Artikel in einer juristischen Zeitschrift, in der die Meinung vertreten wurde, vaginale Verletzungen, die ein Mädchen hatte, hätte sie sich mittels Klobürste selber beigebracht.

Dass es schon mal so weit kommen konnte, dass ein Geistlicher wegen Missbrauch überhaupt versetzt wurde, stellt einen gewaltigen Fortschritt dar. Was passierte denn zuvor? Wenn ein Kind überhaupt gewagt hätte, einen Hochwürdigen Herrn zu beschuldigen, wäre eine Tracht Prügel wahrscheinlicher gewesen als Unterstützung durch die Eltern. Denn sowas sagt man nicht! Du lügst! Sowas tut kein frommer Mann! Niemand hätte sich an den Bischof gewandt. Das höchste der Gefühle wäre gewesen – wie mir mal berichtet wurde: Der Mesner wusste genau was lief und sorgte dafür, dass seine eigene Tochter nicht in die Nähe des Geistlichen kam. Andere Kinder aber kamen ihm schon nahe…   

Warum war das so? Diese entsetzliche Kumpanei der Erwachsenen gegen die Kinder. Diese feige Unterwerfung unter die Respektspersonen. Ach ja… der Zeitgeist damals. Kann die Kirche natürlich auch nichts dafür. Sie ist das Opfer des Zeitgeistes.  

Aber schon Goethe lässt Faust sagen: „Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist“.  

 

Wer Gehorsam als höchste Tugend predigt, muss bei sexuellem Missbrauch wegschauen.

Wer hatte mehr Gelegenheit, über viele Jahrhunderte „den Zeitgeist“ zu prägen, wenn nicht die Kirchen – besonders die katholische? Sie war dabei äußerst erfolgreich. Die gnadenlose Betonung der Gehorsamspflicht. „Kadavergehorsam“ ist schließlich auf katholischem Mist gewachsen (Ignatius von Loyola: „Wir sollen uns dessen bewusst sein, dass ein jeder von denen, die im Gehorsam leben, sich von der göttlichen Vorsehung mittels des Oberen führen und leiten lassen muss, als sei er ein toter Körper, der sich wohin auch immer bringen und auf welche Weise auch immer behandeln lässt.“) Als „Wahnsinn“ wurde die Gewissens-, Meinungs- und Pressefreiheit in mehreren päpstlichen Schreiben (Mirari vos, von 1832, Quanta cura von 1864) bezeichnet. Wenn zum Beispiel noch 1953 ein gemeinsamer Hirtenbrief der deutschen Bischöfe mit dem Appell endet: „Orientiert euer Urteil am Worte Gottes und am Wort derer, denen der Herr sagte: ‚Wer euch hört, der hört mich, wer euch verachtet, der verachtet mich.“, so zeigt das die Denkweise und das Selbstbewusstsein der Herren Hierarchen. (Der besagte Hirtenbrief ist übrigens ein Brandschreiben gegen die Gleichberechtigung der Frau: laut „Gottes Wort“ ist dem Mann für „Frau und Kinder… eine Leitungsgewalt übertragen“.)          

 

Praktisch: Welchen Hut ziehen wir heute auf?

Die paar Zitate (keine bösartig-tendenziöse Auswahl, sondern repräsentativ) klingen nicht gerade nach geringem Selbstbewusstsein und einer ausgeprägter Bereitschaft, sich von „der Wissenschaft“ was sagen zu lassen. Vielmehr: „Anathema sit! – Er sei verflucht“. Auf welchem Gebiet auch immer. Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno, Darwin oder wenn es innerkirchlich um den Einzug einer Bibelauslegung nach wissenschaftlichen Kriterien ging: überall dasselbe Bild. Gegen jene (wie auch gegen innerkirchliche Demokratiebestrebungen) führte der inzwischen heilige Papst Pius X 1910 den „Antimodernismus-Eid“ ein. Dessen Ableistung war bis 1967 verpflichtend für jeden Theologen. Wie händeringend-ratsuchend sich die katholische Kirche gerade in Fragen der Sexualität an „die Wissenschaft“ wandte, erhellt ein Zitat von 1954 aus der renommierten Herder-Korrespondenz. Es ging um den Kinsey-Report, eine erste Untersuchung zur Verbreitung von vorehelichem Sex, Homosexualität, Masturbation. Das wäre durchaus was gewesen, um Rückschlüsse für die Verhältnisse bei den eigenen Leuten zu ziehen. Aber der fromme Mann der Herder-Korrespondenz war dagegen, sowas überhaupt ins Deutsche zu übersetzen und empörte sich: „Die Statistik als Grundlage einer individualistischen Sexualmoral – ist dies der letzte Schrei des wissenschaftllichen Positivismus?…als Ganzes ist das Buch zuletzt doch nur symptomatisch für das Chaos einer ‚wissenschaftlich‘ säkularisierten und enthumanisierten Welt…“  Auch wenn das jetzt einige Jährchen her ist und der Ton konsilianter geworden ist, aber hat sich grundsätzlich was geändert?  Wo sind die Beispiele, bei denen die Kirche in einen gleichberechtigten Diskurs mit „der Wissenschaft“ eintrat und als Hörende, Lernende, nicht als Belehrende auftrat? 

Und jetzt Herr Lütz:  Die Wissenschaft ließ die Kirche im Stich! Rat- und hilflos irrt sie durch die Zeiten! Das ist doch wirklich gemein von der Wissenschaft!

Schon praktisch: wenn der eine Hut gerade nicht passt, wird eben der andere aufgesetzt.   

 

 

 

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