Die „der Markt richtet es“- Milchmädchen sind unterwegs. Schon wieder!

Milchmädchenkuh

Ich dachte, die Erfahrungen in der Pandemie hätten gelehrt, dass der Weg, das Gesundheitssystem marktwirtschaftlich auszurichten ein Irrweg ist. Das war er schon vor Corona, aber da fiel es noch nicht so auf. Weil es gerade noch so mit dem „auf Kante genäht“ klappte. Erinnert sei an jene Fernsehsendung ein paar Monate vor Ausbruch der Pandemie (15.07.2019) „Krankenhäuser schließen – Leben retten“. Krankenhäuser schließen – Leben retten? 

Ganz in diesem Geiste scheint sich der Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft zu bewegen. Dieser moniert, Deutschland habe zu viel Krankenhausbetten. Merkwürdigerweise wird noch nicht mal die Gegenrechnung aufgemacht, was die Wirtschaft (gerade der Mittelstand) an Verlusten und Pleiten eingefahren hat durch Lockdowns, Quarantäne, usw., deren erklärter Zweck gewesen ist „eine Überforderung des Gesundheitssystems“ zu vermeiden – wie Politik und Gerichte allenthalben begründen. (Z.B die Ärztekammer Baden-Württemberg am 12.11.2021 oder die Franktion der Grünen im Bundestag am 08.01.2202.)
Welcher Logik folgt da der Verband der Mittelständler? Etwa: weniger Krankenhausbetten = weniger Überforderung des Gesundheitssystems?

 

Am 4. Juni lass man in diversen Zeitungen Folgendes  :

Mittelstandsverband: Deutschland hat zu viele Krankenbetten

„Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) fordert Einsparungen im Gesundheitswesen und stellt die Zahl der derzeitigen Krankenbetten infrage. BVMW-Chefvolkswirt Hans-Jürgen Völz sagten den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Samstag): ‚Auch wenn es politisch nicht opportun ist, für ein effizientes Gesundheitssystem hat Deutschland nachweisbar schlicht zu viele Krankenbetten, die letztendlich zu viel Geld verschlingen.‘ […]Wenn es keine grundlegenden und vor allem ausgabensenkende Strukturreformen im Gesundheitswesen gebe sowie Effizienzsteigerungen und Kosteneinsparungen, drohten Versicherte und Wirtschaft unter dieser Last zu ersticken, meinte der BVMW-Chefvolkswirt.[…]“

Wie lange ist es her, seit Meldungen über Verlegung von Patienten per Flugzeug in weit entfernte Krankenhäuser mangels Intensivbetten vor Ort die Gemüter in Wallung brachten? Dass solche spektakulären Aktionen die ganz große Ausnahme waren, wurde allerdings unterschlagen. Aber dass Krankenhausbetten und insbesondere Intensivbetten sehr knapp waren, da beißt die Maus keinen Faden ab. Wobei das Problem weniger bei den Betten liegt, sondern beim fehlenden Personal.

Und da sind wir wieder bei den vom Chefvolkswirt der Mittelständler angemahnten „Effizienzsteigerung“: die Einsparungen am Personal seit zwanzig Jahren sind so, dass die Effizienzsteigerung nahtlos in einen Kollaps übergeht.

 

Ja, ich weiß: es gab eine Zeit, da wurden Patientinnen und Patienten grundsätzlich nicht am Freitag aus dem Krankenhaus entlassen, weil man noch das Geld fürs Wochenende einsacken wollte. Ich habe auch die Zeiten erlebt, in denen es quasi als Rechtsanspruch galt, alle zwei Jahre in „Kur“ zu gehen, die in der Hauptsache im Verzehr von Schwarzwälder Kirschtorte im Kurgarten gemeinsam mit anderen Kurenden bestand. Und ich hielt damals die Meldung für glaubhaft, dass irgendwer den Kauf seiner Zahnbürsten als Kassenleistung anerkannt wissen wollte: Es handle sich doch um eine Maßnahme zur Prävention. Aber der Missbrauch auf der einen Seite wird nicht dadurch korrigiert, dass man ins andere Extrem fällt.

 

Andere sehen das anders: Krankenhausbetten sind ein rares Gut

Ich habe in den vergangenen Wochen immer wieder auf die Personalknappheit – und deren Ursache! – sowohl in Kliniken als auch in Pflegeeinrichtungen hingewiesen. Das will ich jetzt unter Verweis auf einen Beitrag vom 1.6.2022 auf Tagesschau.de ergänzen: 

Versorgungsengpässe „Die Lage an Kinderkliniken ist dramatisch“

Ärzteverbände prangern dramatische Versorgungsengpässe in Kinderkliniken an. Grund sei vor allem Personalmangel – viele Betten könnten nicht belegt werden. Mit den im Herbst üblichen Infektionswellen drohe eine komplette Überlastung.

Mediziner haben vor Engpässen bei der klinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen gewarnt. ‚Die Lage der Kinderkliniken ist dramatisch und wird sich eher noch verschärfen‘, sagte der Generalsekretär der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Florian Hoffmann, den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

‚In vielen deutschen Kinderkliniken können auf den Kinderintensivstationen im Schnitt ein Drittel der Betten wegen Personalmangels nicht genutzt werden. In manchen Kliniken ist sogar die Hälfte nicht mehr belegbar.“

„Keine Chance, alle Kinder zu versorgen“

[…] Dass Kinder zum Teil bis zu 100 Kilometer von zu Hause entfernt behandelt werden müssten, bestätigte auch der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Jörg Dötsch. Auch zu normalen Zeiten sei es üblich, sechs oder sieben Kliniken durchzutelefonieren, um ein passendes Bett zu finden, sagte er den Funke-Zeitungen.

Bettenzahl seit Anfang der 1990er-Jahre stark reduziert

Nach Angaben der Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin ist zwischen 1991 und 2017 die Bettenzahl in der Kinderheilkunde um ein Drittel gesunken. Im gleichen Zeitraum stiegen die jährlichen Fallzahlen aber: von durchschnittlich 900.000 behandelten Kindern und Jugendlichen auf inzwischen mehr als eine Million. […]

 

Am 10.01.2022 berichtete der Bayrische Rundfunk: 

„[…] Der Personalmangel bei den Pflegefachkräften in den Krankenhäusern hat sich im vergangenen Jahr weiter verschärft. Auf den Normalstationen seien sechs Prozent der Stellen und auf den Intensivstationen zwölf Prozent unbesetzt geblieben, sagte der Vorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland.

[…] ‚Wir haben praktisch keine Reserven, um Personalausfälle zu kompensieren‘, sagte Gaß. Deshalb habe während der Pandemie ein Teil der Intensivkapazitäten zeitweise oder dauerhaft auch abgemeldet werden müssen.

Im vergangenen Jahr konnten demnach 8.000 Arbeitsplätze auf den Intensivstationen und damit jede achte Fachstelle nicht besetzt werden. […] Auf den Normalstationen seien 2021 bundesweit rund 14.000 Stellen für examinierte Pflegefachkräfte in den Kliniken unbesetzt geblieben.

 

Oder: Die Presseerklärung der Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin vom 21.10.2021 

Immer mehr Betten auf Deutschen Intensivstationen sind gesperrt und stehen
nicht mehr zur Verfügung. […] ‘Dahinter steckt keine böse Absicht – es fehlt schlicht das geschulte Pflegepersonal!“, erklärt der Past Präsident der DIVI, Professor Uwe Janssens […] Die schon vor der Pandemie nachweisbaren Probleme in der Intensivmedizin haben sich verstärkt. ‚Die zurückliegenden, zermürbenden Monate haben zu einer Verschlechterung der Stimmung und zu weiteren Kündigungen von Stammpflegekräften geführt!‘ So ist in der kommenden Zeit ist mit einer spürbaren Einschränkung in der Versorgung der Bevölkerung zu rechnen. Bereits heute sind – vor den anstehenden Herbst- und Wintermonaten – 20 Prozent der maximal betreibbaren High-Care-Betten, in denen Patienten invasiv beatmet werden können, wie sogar 35 Prozent der Low-Care-Betten auf Intensivstationen gesperrt.[…] Gestern (Stichtag 20. Oktober 2021) wurden uns 22.207 betreibbare Intensivbetten gemeldet. Am 01. Januar dieses Jahres waren es noch 26.475 Betten, also 4.268 mehr – und das war im Hochpunkt der zweiten Corona-Welle in der zahlreiche Pflegekräfte selbst erkrankt waren und ausgefallen sind.‘

[…] bereits 2018 führten die Autoren eine Umfrage mit gleicher Fragestellung unter Intensivmedizinern durch. Damals hatten noch 44 Prozent der Befragten berichtet, Bettensperrungen seien nicht erforderlich. ‚So sind wir derzeit in der absurden Situation, dass wir zwar glücklicherweise nur rund 1.500 COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen behandeln müssen, gleichzeitig fehlen uns aber mehr als 4.000 -5.000 Betten‘, sagt DIVI-Präsident Professor Gernot Marx […] ‚So verzeichnen wir wieder eine Einschränkung der Notfallversorgung und müssen geplante, schwere Operationen von Patienten verschieben[…]“, mahnt Mitautor Professor Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf [….]. Es gilt die Pflegekräfte zu halten und berufliche Perspektiven zu schaffen. Was also tun? Es gilt das vorhandene Pflegepersonal zu halten, also die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte auf den Intensivstationen spürbar zu verbessern. ‚Für eine erfolgreiche Bewältigung der Coronapandemie – wie auch dauerhafte Etablierung einer qualitativ hochwertigen Intensiv- und Notfallmedizin – ist es jetzt unbedingt erforderlich, das System grundlegend zu reformieren“, fordert Professor Felix Walcher. […]“

 

Gut, vielleicht habe ich die Logik des Mittelstands-Chefvolkswirt nicht richtig verstanden. Vielleicht meinte er: wenn Krankenhausbetten abgebaut werden, braucht man auch weniger Personal und alles ist bestens. Darüber muss man wirklich nachdenken!

 

Zum Abschluss noch ein Blick ins gelobte Land eines marktwirtschaftlich orientierten Gesundheitswesens, in die USA. Dort kostet die Insulintherapie für Diabetiker 1300 $ im Monat. Meist muss man sie aus eigener Tasche berappen (vgl. Süddeutsche Zeitung). Marktpreise eben.

Ich hab mir das mal für Deutschland angeschaut:

„Geht man bei einem Diabetiker von einem täglichen Bedarf an Insulin aus, so kostet die Lebensrettung pro Tag durchschnittlich 2,15 Euro, das bedeutet, daß monatlich für Insulin durchschnittlich 64,50 Euro anfallen, gerechnet mit 30 Tagen, bzw. 774,00 Euro pro Jahr.

Bei den Durchschnittspreisen wurde von einem Tagesbedarf von 50 IE (Einheiten) ausgegangen. Für ein Menschenleben ist der Geldbetrag vielleicht nicht hoch, und in Deutschland übernehmen die Krankenkassen einen Großteil der Leistungen.

Insulin ist ein Medikament, das nicht ganz billig ist, aber Menschenleben rettet.“

774 € pro Jahr – nicht ganz billig – und Großteil zahlt die Krankenkasse. Muss man das noch kommentieren?

 

Es ist schon länger her da titelte die Süddeutsche: Rette sich, wer kann. Wenn jemand an Krebs erkrankt oder sich ein Bein bricht, wird es der Markt schon richten. So funktioniert das amerikanische Gesundheitssystem. Oder eben nicht. Das war am 22.03.2014 und da war auch zu lesen, dass ein gewisser Ted Cruz die Pläne Obamas für eine allgemeine Krankenversicherung mit dem Regime Adolf Hitlers verglich. Ted Cruz sitzt aktuell für die republikanische Partei im US-Senat.

 

Noch mal zurück zu Corona. Am 12.05.2022  melde die Tagesschau
Eine Million Corona-Tote in den USA
 “[…] Mit inzwischen mehr als einer Million bestätigten Todesfällen sind die USA mit Abstand das am schlimmsten betroffene Land vor Brasilien, Indien und Russland.[…]

„Corona- Tote“… da werde ich zwar immer ein bisschen skeptisch, weil nicht/kaum unterschieden wird „an oder mit Corona gestorben“. Aber ein überzeugender Beweis für die Effizienz eines am Markt orientierten Gesundheitssystems sieht anders aus.

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