„Tiinaaa, wat kost’n die Kondome?“

1.Teil: Totalausfall in Coronazeiten – die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

ich würd ja gern, aber ich darf nicht. Heribert Prantl (der hier schon öfters erwähnt wurde) hat wieder mal zugeschlagen. Er schrieb am 8. JuliCorona-Maßnahmen: in der Pandemie Politik fehlt es an so viel. Der Kommentar ist ebenso exzellent wie kostenpflichtig. Aus verständlichen urheberrechtlichen Gründen darf ich zwar ein bisschen was zitieren, aber eben nicht alles.

Heribert Prantl nennt die „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“ die „Nichtaufklärungszentrale“, seit 28 Monaten abgetaucht. Sie sei „zum Symbol für eine insgesamt verkorkste deutsche Pandemie-Politik geworden“, ein „Totalausfall“.

Mit gebührender Wehmut erinnert er daran: das war nicht immer so. Er erinnert an die Anti-Aids-Kampagne – da war Rita Süssmuth Gesundheitsministerin. Damals (die Älteren erinnern sich noch) wurde auf pfiffige Weise informiert, gemahnt, aufgeklärt.

Damals entstand auch der SpotTiinaaa, wat kost’n die Kondome“, an dem man heute noch Spaß haben

Tina sollte eigentlich Rita heißen, verrät Prantl, aber zu Beginn der Neunzigerjahre war man noch nicht so weit und heute erst recht nicht. Oder können Sie sich einen witzigen Fernsehspot zu Corona denken, indem ein Jens oder ein Karl von der Kassiererin angehauen werden?

Die Kommunikationsstrategie in Sachen Corona ist sowas von dämlich, altväterlich, autoritär, obrigkeitsstaatlich – da wird niemand überzeugt, da wird nur befohlen und der Zeigefinger mahnend geschwenkt. Ich denke zum Beispiel an das Wort unseres grünen (grünen? grünen!) Ministerpräsidenten Kretschmann „Impfen ist die erste Bürgerpflicht“ oder an den Altbundespräsidenten Gauck, der Impfgegner pauschal „Bekloppte“ nannte.

Genau so wirbt man erfolgreich um Menschen, so überzeugt man Skeptische! Dabei wäre es bestimmt nicht schwierig gewesen, auch für Coronamaßnahmen witzige Spots oder Plakate zu erfinden, die Aufmerksamkeit finden, als Türöffner fungieren, statt Abschalten und Reaktanz zu provozieren.

Ich hab gerade nur mal 20 Sekunden nachgedacht: wie wär‘s mit einem Spot über 50 verschiedene Arten die Maske zu tragen – in Anspielung auf den Film „Fifty Shades of Grey“.

Jetzt sage mir keiner und keine, „Corona ist auch eine Pandemie, was war denn schon HIV, das betraf und betrifft nur wenige Menschen.“ Ich erinnere mich noch gut, wie es damals war: eine Arztgattin meinte mir gegenüber, man müsse unbedingt alle Schwimmbäder schließen, wie Schwule ihr Schwulsein gerade wieder verbergen mussten, nachdem es gerade etwas liberaler geworden war – das hätte auch anders enden können. Oder wie Heribert Prantl sich erinnert: „Die liberale Aids-Präventionspolitik der Rita Süssmuth passte vielen Unionisten gar nicht; sie wollten stattdessen die Aids-Kranken mit seuchenpolizeilichen Sanktionen traktieren, bis hin zum Einsperren in Lagern.“

 

2. Teil. Kondome und Auftragsmord

In Sachen Sexualmoral (ich meine natürlich nicht den sexuellen Missbrauch durch katholische Geistliche) fand die katholische Kirche schon immer laute Worte. Jüngst verglich Papst Franziskus Abtreibung mit Auftragsmord.  Also mit dem, was bei der Mafia in bella Italia (und anderswo) ein alter Brauch ist. Zeitgleich wurde in Brasilien ein 10-jähriges vergewaltigtes Mädchen von einer Richterin bedrängt, nicht abtreiben zu lassen.

Abtreibung = Auftragsmord Es gibt Vergleiche, die sind so niveaulos, da verbietet sich jede Diskussion.

Wie komme ich jetzt von Abtreibung auf Kondome? Nach immer noch geltender katholische Sexualmoral (mal abgesehen davon, dass sich kein Mensch mehr daran hält, und die verehrte Geistlichkeit in der Regel froh ist, wenn man sie nicht drauf anspricht), darf zu Empfängnisverhütung bestenfalls noch eine Orientierung an den fruchtbaren und unfruchtbaren Tagen der Frau stattfinden. Der Gebrauch der Pille und alles was nach ihr folgte, ist ebenso schwere Sünde, wieder Gebrauch von Kondomen. Das gilt auch, wenn es um die Vermeidung von Aids Ansteckung geht.

Am 2.12.2015 wurde berichtet: Franziskus wurde auf dem Rückweg einer Afrikareise gefragt: „Sollte die Kirche ihr Kondom-Verbot angesichts von Aids lockern? Seine Antwort war typisch Franziskus. Die Frage stelle die Kirche vor ein Dilemma, sagte der Papst während seiner Pressekonferenz im Flugzeug. Es gelte abzuwägen zwischen der Verteidigung des Lebens und der Offenheit für neues Leben – ‚entweder das fünfte Gebot oder das sechste‘. Doch das sei nicht das eigentliche Problem Afrikas, erklärte Franziskus. Das seien vielmehr Unterernährung, Sklavenarbeit, soziale Ungerechtigkeit und Ausbeutung von Menschen. Solange ‚Menschen an Hunger und Trinkwassermangel oder an ihrer Umwelt sterben‘, wolle er sich ‚nicht mit derart kasuistischen Überlegungen‘ beschäftigen, erklärte Franziskus laut dem am Dienstag vom Vatikan veröffentlichten Transkript.“

Sehr richtig, er will sich nicht damit beschäftigen! Und plötzlich wird aus einer angeblich so moralischen Frage eine kasuistische Überlegung. Billiger geht es nicht mehr!

Ich fühle mich an meinen – im Übrigen ausgezeichneten – katholischen Eheberaterkurs erinnert. Irgendein Domkapitular war in unserer Gruppe zu Gast und wetterte gegen Abtreibung. Die Leiterin des Kurses fragte, was er tun würde – damals war Abtreibung generell noch strafbar und nur in den legal Niederlanden möglich – : eine Frau sei fest entschlossen, abtreiben zu lassen. Die Alternative sei der Gang zur Engelmacherin (so hießen die Frauen, die teils mit brutalen und gefährlichen Methoden Frauen zur Abtreibung verhalfen) oder die Nennung einer Adresse, wo die Frau medizinisch korrekt behandelt würde. Der Domkapitular war in die Enge getrieben und er reagierte ein bisschen humaner als Papst Franziskus mit seiner Ausrede „kasuistische Überlegung“. Er sagte nämlich: er würde der Frau die Adresse geben, das würde er auf seine „pastorale Kappe“ nehmen.

Ist halt alles nicht so einfach. Und so lange das so ist. sollen die Kassiererinnen möglichst laut rufen „Tiinaaa, wat kost’n die Kondome?“! 

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