Taschengeld für Mädchen – Taschengeld für Jungen. Früh wird gekrümmt, was ein Häkchen werden soll.

Im letzten Jahrtausend hielt ich öfter Vorträge, deren Thema die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen, Mädchen und Jungen war.

In diesem Jahrtausend erschien am 12.7.21 im Spiegel ein Artikel:

„Mädchen bekommen immer noch weniger Taschengeld als Jungen“

Und zwar 11% weniger. O.K.: Ermittelt wurden durchschnittlich 14,56 €/pro Monat (bei den Kindern und Jugendlichen, die überhaupt Taschengeld bekommen).  Das würde für die Mädchen noch nicht mal 2 € weniger ausmachen.

Aber kann mir jemand mal erklären, wieso es da überhaupt einen Unterschied gibt?

Eine Erinnerung an die Achtziger Jahre

Vermutlich nicht ernsthaft. So, wie mir bei einer Veranstaltung im letzten Jahrtausend für Frauen im Gaststättengewerbe niemand erklären konnte, wieso Kellnerinnen signifikant weniger Trinkgeld bekommen als ihre männlichen Kollegen (im gleichen Restaurant wohlgemerkt). Die Tatsache selbst wurde von allen bestätigt. Seither achte ich immer drauf, dass der Handwerker, der eine defekte Waschmaschine repariert bei mir nicht besser wegkommt als die Gärtnerin, die bei mir die Rosen schneidet, jätet usw… Ich sage Ihnen: das ist gar nicht so selbstverständlich und wenn ich Ihnen raten darf: achten Sie mal selbst drauf. Da gibt es anscheinend tiefsitzende Reflexe… vielleicht gespeist von der Uralt-Idee, dass ein Mann ja schließlich eine Familie zu ernähren habe.

Zurück zur Ausgangsfrage: Warum gibt es einen Geschlechts-Unterschied beim Taschengeld? Was Spiegel-Leser dazu meinen:

Wie fast immer schaute ich mir die Forumszuschriften an, die sind oft interessanter als die Artikel selbst. Was ich dort las, war schon gruselig (notabene: es handelt sich um SpiegelleserInnen, also vermutlich mehrheitlich keine evangelikalen oder dezidiert konservative Kreise).

  • Die Umfrage selbst wird angezweifelt. Gut, das mache ich auch häufig. Aber es wurde keine Begründung für den Zweifel geliefert, sondern kategorisch festgestellt: Das Ergebnis sollte herauskommen und deswegen ist es herausgekommen: „Diese ‚Studie‘ hat überhaupt keine Aussagekraft, es sollte nur das vorgegebene Ergebnis erreicht werden.“
  • Das Ergebnis läge daran, dass muslimische Mädchen natürlich deutlich weniger Taschengeld bekämen als muslimische Jungen: „Es liegt womöglich daran, dass muslimische Mädchen oft kein Taschengeld bekommen. Das senkt den Durchschnitt eben um 11%.“
  • Es seien die Mütter, die das Taschengeld auszahlten. (Dafür gibt es keinen Beleg, aber ist nicht so ganz unplausibel.) Schlussfolgerung: „Also Frauen, ich würde sagen: Selbstgemachte Pain. Bitte nicht den Männern anlasten.“ Frauen sind ja selbst schuld:  Das ist ein Satz der mir selbst manchmal rausrutscht, weil ich – gerade wenn es ums Geld geht – die Dämlichkeit von Frauen häufig einfach nicht mehr fasse. Ich finde 2000 ff. da keine Begründung und keine Rechtfertigung mehr für vieles, was Kant so treffend „selbstverschuldete Unmündigkeit“ nannte.
  • Es handle sich um eine sinnvolle Vorbereitung auf das wirkliche Leben: „Taschengeld bereitet Kinder und Jugendliche darauf vor zu lernen mit Geld umzugehen. Arbeitstätige Frauen ergreifen meist niedriger bezahlte Berufe oder arbeiten halbtags, weil sie auch noch leben wollen und nicht alles dem Gedverdienen opfern wollen. Viele haben somit als Erwachsene weniger Geld und lernen das auch schon als Heranwachsende.“ Ja, auch das Argument kennen wir: Den klugen Frauen ist Karriere nicht so wichtig, sie entscheiden sich – anders als die doofen Männer – für das, was wirklich zählt im Leben. Und das ist eben nicht Geld. Deshalb: Früh übt sich… (äh… wie geht der Spruch gleich weiter?)
  • Es ist nur recht und billig, dass Jungen mehr bekommen als Mädchen, denn letztere ließen sich immer einladen und die Jungen müssten blechen: „Festzustellen ist ebenfalls: viele Frauen erwarten, dass der Mann für sie zahlt – und mancher unemanzipierte Mann macht das tatsächlich auch oftmals. Es findet also ein Geldtransfer von Männlein nach Weiblein statt, vollkommen anstrengungsfrei für die Frau. Warum wird dieser Sachverhalt/Ungerechtigkeit eigentlich durch die Verfechterinnen gendergerechten Einkünfte nicht thematisiert?“
  • Nun gut, auf dieses Argument gab es Gegenwind. Auf die Frage eines Foristen: Wer lädt wen zu Eis und Limo ein? kam die Feststellung: „Ähm. Die Fünfziger sind vorbei!“ Das wiederum wurde gekontert mit: Haha! Ich glaube, sie wären überrascht wie viele der Jugendlichen immer noch ‚in den Fünfzigern‘ leben. Willkommen in der Realität :)“  Da halte ich mich raus. Weil ich tatsächlich in meiner Praxis manchmal bei jungen Frauen meinen Ohren nicht traue (und ich bin dann so unanalytisch, dass ich sage „ich fühle mich um Jahrzehnte zurückversetzt“). Da geht es weniger ums Einladen, das wird nach meiner Beobachtung eher ‚gleichberechtigt‘ gehandhabt. Sondern z.B. darum, dass sich die jungen Frauen ohne Partner nicht vollwertig, unvollständig fühlen, sich schämen, das Klassenziel nicht erreicht zu haben. Wenn sie einen haben, richten sie ihren Alltag ganz nach „ihm“, lassen Freundschaften einschlafen usw. Immer wieder frage ich: Und wie ist das bei den Männern? Unisono höre ich: „Da ist es anders, die kämen da nicht im Traum drauf.“ Gibt zwar männliche Ausnahmen, aber die sind rar.
  • Es fehlt nicht das Argument, dass die Jungen die Kondome kaufen müssten. Das führt zu einer kontroversen Diskussion: „Und wer kauft immer die Kondome?! So.“ – „Pscht! Die Mädels kontern das immer mit der Pille.“- „In meiner Generation haben das sehr oft die Mädels getan, weil die Jungs die allzuoft ‚vergessen‘ hatten. Oder wir mussten für die Pille bezahlen, die gab es damals auch noch nicht umsonst.“
  • Mädchen verdienen es nicht besser, weil sie sich nicht selbst um die Aufbesserung ihres Salärs kümmern. Sprich: sie sind bequem. „Ich habe genau das gleiche Taschengeld bekommen, wie meine beiden Schwestern. Allerdings hatte ich immer viel mehr Geld in der Tasche, weil ich schon sehr früh angefangen habe, dazu zu verdienen (Rasenmähen und Autoputzen bei Nachbarn, Zeitungen austragen usw.). Meine Schwestern fanden es super unfair dass ich mir mehr leisten konnte als sie, haben aber nie selber etwas unternommen, um auch etwas dazu zu verdienen, obwohl es auch für sie diverse Jobangebote gab.. Die beiden sind dann doch lieber ins Freibad gegangen, um mit den anderen Mädels rumzuhängen.“
  • Und dann gab es noch Stellungnahmen, von denen ich nicht so genau weiß, ob sie ernst oder ironisch gemeint waren. Z.B. „Eltern von Mädchen müssen halt was für die Mitgift zurücklegen, das macht sich dann beim Taschengeld bemerkbar.“

Und was lehrt uns dies?

Das weiß ich auch nicht so genau. Vielleicht: It really does not matter. Doesn’t it? 

Der Fortschritt ist eine Schnecke… wenn wir uns nicht drum kümmern.

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