Kriegstourismus: „Ich bin hier gewesen, das kann jeder lesen!“

„Ich bin hier gewesen, das kann jeder lesen!“ – An diesen Spruch, den vornehmlich jüngere Leute auf Burgmauern schrieben oder in Dorflinden ritzten, bevor es Selfies gab, muss ich angesichts des Besucherstroms von A- und B-Politik-Prominenz nach Kiew zunehmend denken.

Im März sind die Regierungschefs von Polen, Tschechien und Slowenien März nach Kiew gereist. Das machte Sinn, meine ich, das war eine wichtige Geste. Genauso wie die Reise von UN- Präsident Guterres wichtig war. Egal, ob sie schnelle Erfolge zeitigte oder nicht. 

US–Außenminister Anthony Blinken, Nancy Pelosi und Pentagonchef Lloyd Austin ließen sich dann auch nicht lumpen, die Schauspielerin Angelina Jolie als Sondergesandte des UN-Flüchtlingshilfswerks ebenso wenig . Der Papst und der Dalai Lama fehlen – das wird durchaus kritisch vermerkt!

Dafür kamen aus Deutschland zum Beispiel Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), Michael Roth (SPD) und Anton Hofreiter (Grüne). Natürlich auch die Leute von der CDU/CSU zum Beispiel Merz und Kiesewetter:  

 „[…]Heutzutage fährt, wie man in der »FAZ« vom 4. Mai auf Seite 1 sehen konnte, der Abgeordnete Roderich Kiesewetter nach Irpin, wo sich der Vorsitzende seiner Partei »die Zerstörung zeigen lässt« (Seite 3), angetan mit einer zerstörungsresistenten Windjacke und umgeben von lachenden Bildreportern, die sich die Zerstörung zeigen lassen. Er selbst schaut, wie wir es von ihm nicht anders kennen, besorgt im Angesicht der ihm gezeigten Zerstörung, hat sich aber auf Seite 6 der »Süddeutschen« schon wieder so weit gefangen, dass man ihn in zärtlicher Umarmung mit einer Dame namens Halyna Yanchenko ablichten kann…“  ( Thomas Fischer, Ukraine-Krieg und Propaganda: Eingebettete Meinungen)   (Wer mag, kann sich das Foto  anschauen)  

 

„Schöne Bilder mit Superstar Selenskyj“

Einmal Kiew und zurück gehört in diesen Wochen zum Muss für einen Politiker, der etwas auf sich hält:“  Das hatte die NZZ schon am 16. April begriffen. Dieses Wochenende ist Gregor Gysi dort und trifft vielleicht auf die Bundestagspräsidentin Bas, Finanzminister Lindner kündigt  soeben seine Reise an, und Annalena Baerbock sowieso.

Selenskyj ruft und alle, alle kommen. Für die Ukraine, für Selenskyj oder für das eigene Image?

Die Weltwoche ätzte bereits am 2. Mai. „[…]Was tut man nicht alles für ein Selfie mit dem Helden-Präsidenten? […] Angeblich geht es um Solidarität, tatsächlich um schöne Bilder mit Superstar Selenskyj – so wie Teenies alles für ein Selfie mit Billie Eilish oder Justin Bieber gäben. Als Draufgabe gibt’s Führungen zu Massengräbern – wie Gaffer auf der Autobahn.[…]“

Was im Anfang noch ein gutes, ein wichtiges Zeichen von Solidarität war, ist zum inflationären Kriegstourismus verkommen. Eine neue olympische Disziplin nach dem Motto „Dabei sein ist alles!“

 

Ausladung als Alleinstellungsmerkmal

Man muss fast froh sein, dass die „beleidigte Leberwurst“ Frank Walter Steinmeier vom ukrainischen Präsidenten ausgeladen worden ist. Das ist jetzt fast ein Alleinstellungsmerkmal. Hoffentlich geht es nicht verloren, denn nach einem „klärenden Gespräch“, bei dem die „Irritationen“ ausgeräumt worden sein sollen, sind Präsident Steinmeier und Kanzler Scholz jetzt von Selenskyj zum gemeinsamen Besuch eingeladen worden. Und zwar auf den 9. Mai, also dem Tag, an dem in Russland die Befreiung von Nazideutschland gefeiert wird. Dieser Tag wird von Putin missbraucht werden und ist schon viele Jahre von ihm missbraucht worden. Aber dass Selenskyj die Gäste ausgerechnet auf dieses Datum festlegen will, ist ebenfalls eine Provokation, nämlich der Versuch einer Instrumentalisierung.

Ein Glück nur, dass Kanzler Scholz für kommenden Montag schon einen vollen Terminkalender hat: der wiedergewählte französische Präsident Macron hat sich angesagt….Manche brachte das angeblich auf die Idee, die beiden könnt ja zusammen nach Kiew weiterfahren.

Um dort was zu tun?

Es gab einmal einen deutschen Bundeskanzler, der sagte 1984 „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“ Ich habe bislang nicht Eindruck gewonnen, dass bei diesem makaberen Polittourismus irgendetwas herausgekommen ist. Vorne nicht und hinten nicht.

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