Ein bisschen Statistitik

Bei mir auf der Toilette gibt es reichlich Lesestoff. Zum Beispiel ein Büchlein von 2002 (also aus unverdächtiger Zeit) von Walter Krämer: Statistik für die Westentasche. Mein Sohn (eindeutig zur Kernfamilie gehörig und zum Osterbesuch erlaubtermaßen bei mir…wohingegen eine alleinstehende Frau ihren Bruder nicht zu sich einladen dürfte, wenn sie in Berlin, Sachsen oder Bayern lebte, wie der Rechtsanwalt Niko Härting in der Süddeutschen Zeitung vom 9. April zitiert wird)… also:  mein Sohn  machte mich auf den Artikel auf S. 32 – 34 zum Thema Epidemiologie aufmerksam. Vielen Dank!

Um nicht missverstanden zu werden: Weder dem Autor des Büchleins damals noch mir heute geht es darum, angesichts von Forschungsergebnissen, Statistiken etc. zu sagen „alles Quatsch“. Sondern es geht darum, dass man lernt, genauer hinzuschauen, nicht monokausal zu denken … und eben: nicht alles zu glauben. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“. Das war jetzt Immanuel Kant.   

Walter Krämer schreibt:

Epidemiologie

Die Epidemiologie ist ein dem Aufspüren von Gesundheitsrisiken zugewandter Zweig der angewandten Statistik; sie hat ihren Namen von griechisch „Epidemos“ – was [von außen] über das Volk kommt.“

Der Epidemiologie verdanken wir Schlagzeilen wie „Radeln macht impotent“, Dümmer durch Urlaub“, „Lange Flüge schaden dem Gedächtnis“, „Dienstreisen machen krank“, Überstunden machen krank“, „Schlechte Vorgesetzte machen krank“, „Alte Papas machen krank“, „Herzinfarkt durch Zahnfleischbluten“, „Pessimisten sterben früher“, „Karrierefrauen haben Haarausfall“, „Schnuller als IQ-Killer“ (eine englische Studie hatte herausgefunden, dass Säuglinge, die länger als ein Jahr am Schnuller saugen, später einen um 3 Punkte reduzierten Intelligenzquotienten haben) oder „Mittagsschlaf bringt Herz in Gefahr“ (in einer Studie mit über 1000 Teilnehmern hatten Forscher aus Costa Rica festgestellt, dass Menschen, die regelmäßig länger als 90 Minuten mittags schlafen ein um 50% erhöhtes Risiko besitzen an Herzinfarkt zu sterben).

Das Muster dieser Studien ist immer das gleiche: Man hat eine Gruppe von Menschen mit einem bestimmten Gesundheitsproblem, sei es Haarausfall, Arthritis, Blutkrebs oder Herzinfarkt, und eine andere Gruppe ohne dieses Problem. Und dann wird untersucht, worin sich die Gruppen sonst noch unterscheiden. Auf diese Weise, nämlich indem man feststellte, dass Menschen, die an Lungenkrebs erkranken, zu großen Teilen Raucher waren, oder dass Männer, die an dem seltenen Mesotelium erkranken, einer früher fast unbekannten Bauchfellverhärtung, häufig mit Asbest gearbeitet hatten, hat die Epidemiologie tatsächlich einige wichtige Verbindungen zwischen Krankheitsverursachern und Krankheiten geklärt. Auch die Entdeckung des Zusammenhangs zwischen Vitaminmangel und Skorbut ist eine der frühen Erfolgsgeschichten dieser Wissenschaft.

Daneben gibt es aber auch Falschmeldungen zuhauf, wie vermutlich die meisten der oben angeführten. Denn nicht immer werden alle möglichen Einflussfaktoren tatsächlich auch erfasst. Beispiel: „Zu langes Stillen erhöht das Risiko für Karies“: Nach einer Studie der Universität der Universität Gießen sollen Kinder, die über das erste Lebensjahr hinaus gestillt werden, öfter an Karies erkranken als andere. Aber vielleicht werden diese Kinder nur mehr als andere mit Süßigkeiten verwöhnt, oder die Eltern achten weniger als bei anderen Kindern auf das Zähneputzen, oder diese Kinder haben seltener beruflich erfolgreiche Frauen al Mütter, die mehr Geld in die Erziehung, auch die Gesundheitserziehung ihrer Kinder investieren. Oder, oder, oder.

Selbst bei eindeutig nachweisbaren Einflussgrößen, wie etwa beim Rauchen als Verursacher von allen möglichen Beschwerden, können solche Hintergrundfaktoren das Bild verfälschen. Denn nicht alle Lebensjahre, welche die Raucher im Durchschnitt verlieren, verlieren sie durch Rauchen. Z.B. werden Raucher auch häufiger als Nichtraucher ermordet oder vom Bus überfahren. Psychologen sprechen hier von der „Raucherpersönlichkeit“: diese Leute sind im Durchschnitt aktiver und aggressiver, sie lieben das Risiko und werden aus dem gleichen Grund vom Bus überfahren, aus dem sie auch so gerne rauchen. Das Rauchen als solches hat mit dem so verursachten frühen Sterben nicht unbedingt zu tun; Statistiker schätzen, dass ein bis zwei Jahre der verminderten Lebenserwartung von Rauchern auf andere Gründe als das Rauchen zurückzuführen sind.

Auch die in den 90er Jahren in Deutschland grassierende Hausvogel-Hysterie hat sich inzwischen als ein Produkt einer nicht berücksichtigten Hintergrundvariablen herausgestellt: In verschiedenen Medien war berichtet worden, Halter von Hausvögeln hätten vergleichbar mit dem Rest der Bevölkerung ein siebenmal höheres Risiko an Lungenkrebs zu sterben. Wie aber spätere Studien belegen konnten hängt diese höhere Sterblichkeit nicht an den Hausvögeln, sondern daran, dass Vogelfreunde eher niederen sozialen Schichten angehören, in denen man mehr raucht. Wegen dieser Vielzahl möglicher Erklärungen sind die meisten epidemiologischen Tartarenmeldungen nur mit großer Vorsicht zu genießen.“     

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