Corona-News. Was mir diese Woche positiv auffiel

Gegen Alarmismus und für kritische Reflektion der Macht der Bilder

Da wäre zunächst mal ein Interview des Deutschlandfunks von gestern Morgen (28.1.2022) mit dem Chefarzt der Lungenklinik in Moers, Dr. Thomas Voshaar zu nennen, das so wohltuend unalarmistisch war.

Nur als kleines Beispiel: Voshaar beantwortete die Frage des Interviewers, es hätten ja sogar Patienten mit Bundeswehrflugzeugen auf der Suche nach einem freien Intensivbett durch Deutschland hätten geflogen werden müssen und was ihn so sicher mache, dass das nicht wieder passiere:

„„…weil mich das schon damals nicht erschreckt hat… Allein die Zitation ‚Bundeswehrmaschinen‘ – ob das Bundeswehrmaschinen sind oder welche vom Roten Kreuz ist piepegal. Aber wenn man sagt, es sind Bundeswehrmaschinen, dann wird das gleich nochmal dramatischer. Und am Ende sind aus Bayern nur für kurze Zeit nur sehr wenig Menschen verlegt worden – und schon hatte man wieder Luft…““  (Transskript nach bestem Wissen und Gewissen. Nachhören des ganzen Interviews empfiehlt sich!)  

Ein solches Interview macht natürlich neugierig auf den Interviewten und lädt zu weiterer Recherche ein. 

 

Voshaar: „Wir sollten nicht glauben, dass wir jeden Todesfall verhindern. Das konnten wir nie und werden wir nie können…  Da ist etwas an Demut und Verstand verloren gegangen.“

Als erstes ein Interview von rp-online vom 5.12.21:  Eine Impfpflicht für alle ist nicht die Lösung“.
Darin sagt er:

Voshaar: “Es ging und geht in erster Linie darum, Menschen vor schweren Verläufen und dem Tod zum schützen, meist Menschen über 60 und mit Vorerkrankungen. Durch den Impferfolg ist das gut gelungen. 90 Prozent der Menschen über 60 sind geimpft, schwere Verläufe sind bei Geimpften selten. Derzeit beträgt das mittlere Sterbealter bei den an Covid-19 erkrankten Patienten 84 Jahre, das liegt über der allgemeinen Lebenserwartung. Das Problem sind die zehn Prozent nicht geimpfter älterer Menschen. Sie machen mehr als die Hälfte aller Fälle auf Intensivstationen aus. ([…]

Brauchen wir mehr Kontrollen?

Voshaar: Vielleicht, aber nur wegen einiger weniger Menschen. Die meisten, jung wie alt, verhalten sich richtig. Wir sollten aber die anderen nicht verteufeln. Wir sind soweit, dass viele den totalen Lockdown fordern, eine Impfpflicht für alle, und alle, die anders denken, verhaften wollen. Es gibt kein Vertrauen mehr darin, dass wir das überstehen. Aber das werden wir, und zwar umso besser, je mehr wir uns auf wissenschaftliche Erkenntnisse verlassen. […] Wir brauchen eine hohe Durchimpfung als Grundimmunisierung der Bevölkerung, dann müssen wir die Dinge aber auch laufen lassen, Infektionen zulassen, damit das Virus endemisch werden kann. Dann gehört es sozusagen zu uns, wie ein Schnupfen. Beim Impfen sollten wir aber den besonders gefährdeten alten und kranken Menschen den Vortritt lassen. Boostern ist in erster Linie auch für Ältere hochbedeutsam. Und wir sollten nicht glauben, dass wir jeden Todesfall verhindern. Das konnten wir nie und werden wir nie können. Wir sollten unser Lebens- und Menschenbild dahin korrigieren. Da ist etwas an Demut und Verstand verloren gegangen.“

 Besonders die letzten drei Sätze sind beides: wohltuend und beherzigenswert. Ein „Memento mori“ gegen den Machbarkeitswahn.

 

Montgomery und Voshaar im Interview: „Corona-Maßnahmen: Zu viel Angst, zu wenig Verstand?“

Demut und Verstand – wer denkt da nicht an den unsäglichen Dr. Frank Ulrich Montgomery (immer noch Präsident des Weltärztebundes). Sie erinnern sich: Das ist der mit den „kleinen Richterlein“.

In der Zeit vom 9. Januar gab es in der ZEIT ein Streitgespräch (anders kann man es nun wirklich nicht nennen) zwischen Thomas Voshaar und ihm.

Auf seine Gerichtsschelte mit den „kleinen Richterlein“ angesprochen, rechtfertigt sich Montgomery:

„Ja, in meinen Augen hilft so etwas der Diskussion über Corona. Manchmal muss man einen Punkt machen, den alle verstehen. In der Medizin betreiben wir permanente Qualitätssicherung – und das fordere ich auch für Gerichtsurteile. Im konkreten Fall ging es um einen Senat in Lüneburg, der immer wieder gegen die Pandemiebestimmungen urteilt, als einziger. Da dachte ich mir: Hier solltest du mal die Debatte anheizen. In dieser Pandemie muss man mitunter aufrütteln.[…] Meine öffentlichen Interventionen zielen darauf, Menschen aufzurütteln  […]“

Zu dieser eigenwilligen Interpretation  fällt auch Herrn Voshaar nichts mehr ein und  er sagt einfach nur 
„Puh.“

Vielleicht dachte er etwas Ähnliches wie ich: Manchmal schon erstaunlich, wie mangelnde Impulskontrolle als planvolles Handeln ausgegeben wird. Gesagt hat Voshaar aber dann auf alle Fälle: 
„Wenn Sie fordern, dass man Probleme klar ansprechen sollte, bin ich sehr bei Ihnen, Herr Montgomery. Aber eine Polarisierung an sich ist nichts, auf das man stolz sein sollte. Ich glaube, darin liegt ein Grund dafür, dass in den vergangenen zwei Jahren viele Leute skeptisch geworden sind: Ich sehe in der Debatte über Corona sehr viel Ideologie, aber zu wenig klar vorgetragene und nachvollziehbare Argumente sowie definierte Ziele. Ich finde es jedenfalls gut, wenn Richter sehr genau auf die Verhältnismäßigkeit achten. Denn die mangelnde Verhältnismäßigkeit ist ein Problem in unserem Pandemiemanagement.“
[…] Wir sehen in der Medizin schon immer Menschen sterben. Ich hatte in der Pandemie quälende Tage und Nächte. Wer aber nur angetrieben ist durch Empathie mit Schwerkranken und Sterbenden, macht seine Arbeit im Zweifel schlechter. Ich halte als Arzt nichts von Corona-Maßnahmen, deren Nutzen unklar und deren Effekt nicht messbar ist – die aber enorme Auswirkungen auf das Leben von Menschen haben. […]
Wissen Sie, auch wenn ich dafür schon mal Prügel bekommen habe: Ein Großteil der Ungeimpften, die ich in unserem Krankenhaus sehe, sind Menschen mit Sprachbarrieren. Die Politik hat viel zu wenig getan, um diese Leute zu erreichen [...]“

 

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe: »Die Debatte wird oft von Kreisen dominiert, die mit Schulschließungen gut umgehen können«

Damit bin ich bei einem andern Interview der vergangenen Tage, das ich wohltuend empfand.
Während es in Frankreich zu einem der größten Proteste von Eltern, SchülerInnen und LehrerInnen ka,, die gemeinsam gegen chaotische Coronabestimmungen an Schulen dmonstrierten (auf dem Bild: „Für Erziehung. Wir lieben unsern Beruf aber nicht in diesem Saustall“, scheint mir so was in Deutschland undenkbar.

Vielleicht sehe ich es überspitzt, aber die Lehrerverbände treten weit mehr als Interessenvertreter der LehrerInnen auf, denn als Sachwalter für die Bedürfnisse der SchülerInnen

Hamburgs Schulsenator Rabe weitet den Horizont ein wenig mit seinem Plädoyer dafür, die Folgen von Maßnahmen für diejenigen Menschen zu bedenken, die nicht gewohnt und auch nicht fähig sind, sich wortgewandt und in gehöriger Lautstärke für die eigenen Interessen oder die der eigenen Kinder einzusetzen.

Rabe: Für mich zählt jedes Kind. Deshalb denke ich auch daran, dass Schulschließungen oft schlimme Folgen für die Bildung, die psychische Entwicklung und die Gesundheit der Kinder haben.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, dass Eltern, Lehrerinnen, Gewerkschafter und selbst Schülerinnen und Schüler immer wieder fordern, lieber in Distanz oder zumindest im Wechsel zu unterrichten?

Rabe: Die Debatte wird oft von Kreisen dominiert, die mit Schulschließungen gut umgehen können. Es ist ein Unterschied, ob ein Oberstufenschüler in einem gut ausgestatteten Jugendzimmer lernt oder ob wir es mit Grundschulkindern oder mit Kindern und Jugendlichen aus sozial nicht so gut gestellten Familien zu tun haben.

SPIEGEL: Wie stellt sich das in Hamburg dar?

Rabe: 28 Prozent der Familien sprechen zu Hause nicht Deutsch, mehr als ein Drittel bezieht Hartz 4, 53 Prozent der Kinder haben Migrationshintergrund. Viele haben kein eigenes Kinderzimmer und leben in engen Wohnungen. Das sind alles Rahmenbedingungen, die man mitdenken muss. Diejenigen, die die Debatte zurzeit in Deutschland bestimmen, blenden das oft aus, weil sie nur ihre persönliche Lage sehen.

So was zu lesen, tut einfach gut. Ja, es sollte eigentlich selbstverständliches Allgemeinwissen sein. Ist es aber offensichtlich nicht. Deshalb muss man manchmal auch für Selbstverständliches dankbar sein. 

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