Selbstbestimmt bis zum Schluss!

„Selbstbestimmt bis zum Schluss!“

Dieses Statement war meiner Mutter wichtig: Im letzten Winter erhielt sie eine Trauerkarte von einem früheren Kollegen meines Vaters, die mit diesen Worten überschrieben war. Meine Mutter verstand ihre Bedeutung sofort und konnte – leider – auch einen direkten Bezug zu sich selbst herstellen. Denn wenige Wochen zuvor war bei ihr ALS diagnostiziert worden. Bei dieser Diagnose gibt es nur zwei Unsicherheiten: Wie schnell vollzieht sich der Abbau? Und: In welcher Reihenfolge? Gewiss ist jedoch der Ausgang.

Gewiss war für meine Mutter jedoch auch, dass sie bis zu ihrem Tod ihre Würde und ihre Eigenständigkeit behalten würde. Sie setzte an beides sehr hohe Ansprüche. So ist sie am frühen Nachmittag des 8. Septembers 2022 schnell und friedlich im Beisein ihrer Familie eingeschlafen, in dem Zimmer in dem auch ihr Mann, mein Vater, starb und in dem sie ihren Roman und viele ihrer Texte geschrieben hatte. Durchs offene Fenster konnte sie auf den Schwarzwald blicken, vor dem anderen Fenster turnten die Blaumeisen an der Erdnussstange. Graue, weiße und blaue Wolken zogen vorbei…
Nach einem langen, sonnenreichen Sommer setzte der Regen ein.

Selbstbestimmt bis zum Schluss – am 8. September 2022 ist Ursula Neumann von uns gegangen.

 

„Wenn ein alter Mensch stirbt, ist dies, als verbrenne eine Bibliothek.“ Der Ursprung dieses Sprichworts wird mal in Afrika, mal in Japan verortet und vermutlich kommt es ganz woanders her. Was aber sicher ist: es stimmt. Auch wenn man sich darüber streiten kann, ob meine Mutter mit ihren 75 Jahren nun „ein alter Mensch“ ist, oder nicht – mit ihrem Tod geht ein unendlicher Schatz an Wissen verloren: Unzählige persönliche Erinnerungen, enormes berufliches Fachwissen, endlose Zitate, philosophische Erkenntnisse, geschichtliche und politische Fakten, Theologisches, Humorvolles. Aber es geht nicht nur das Wissen verloren, es verlieren sich auch ihre Schlussfolgerungen, ihre Meinungen, ihre Bewertungen und ihre Art zu denken und zu schreiben.

Geht dies alles wirklich verloren?

Meine Mutter hat in ihrem Leben so viele Gedanken verschriftlicht, dass von einem völligen Verlust dieses Schatzes kaum die Rede sein kann. In diesem Blog sind nur ein kleiner Teil ihrer zu Papier gebrachten Gedanken zusammengetragen und doch haben wir hier eine schier unendliche Fundgrube. Dazu ihre Bücher, ihre Briefe und E-Mails und all die anderen Schriftstücke… Und so kann meine Mutter auch über ihren Tod hinaus weiter Impulse setzen und so können wir auch weiterhin an ihren Gedanken teilhaben und wann immer wir wollen, ihr nahe sein.

2 Comments

  1. Dr. Marion Battke
    18. September 2022

    „An Mariä Geburt ziehen die Schwalben furt.“, sagt ein altes Sprichwort. … Ich denke mit Dankbarkeit und Zuneigung an Ursula, und mit großem Mitgefühl an die Familie, die so vieles mitgetragen hat – „bis zum Schluss“, und jetzt darüber hinaus.
    Viele liebe Grüße, Marion

    Antworten
    1. Neumann Joachim David
      26. September 2022

      Liebe Frau Dr. Battke,
      vielen lieben Dank für Ihre lieben Worte. Ihr zitiertes Sprichwort war auch meiner Mutter bekannt und wurde von ihr auch mit sich und ihrem Abschied in Verbindung gebracht. Schwalben und Mauersegler waren ihre Lieblingsvögel und ihr jährlicher herbstlicher Abschied hat sie immer ein wenig melancholisch gestimmt.
      Viele Grüße
      David Neumann

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Nach oben scrollen
%d Bloggern gefällt das: