„Plötzlich hat Atomkraft wieder Freunde“ oder: Nichts ist so alt, wie die Zeitung von gestern

Am 03.03.2022 titelte die FAZ

„Energieabhängigkeit von Russland: Plötzlich hat Atomkraft wieder Freunde“

Schon zweimal wurde der Ausstieg beschlossen, doch die Kernenergie bleibt wichtig. Die russische Aggression könnte sogar zu Laufzeitverlängerungen führen.“

Bereits ein paar Tage vorher, nämlich am 25.02.2022 stand in der „Welt“ zu lesen: 

Kann sich Deutschland das Aus von Kohle und Kernkraft jetzt noch leisten?

Russlands Aggression ruft sofort auch das Problem der großen deutschen Energie-Abhängigkeit auf den Plan. Ist es klug, ausgerechnet jetzt, mehrere deutsche Kohle- und Kernkraftwerke endgültig abzuschalten? Die Gaskrise weckt neue Zweifel am Zeitplan der Energiewende.

[…] Europa müsste in seinem Energiesystem jeden Hebel ziehen, um die Lichter nicht ausgehen zu lassen“, schreibt Kateryna Filippenko vom Analysehaus Wood Mackenzie: „Gasverbrauch reduzieren, eingemottete Nuklear- und Kohlekraftwerke anfahren, die eigene Produktion maximieren.“

Bei einer Live Abstimmung im Stern vom 28.02.2022 taten ca. 1.700 Teilnehmende ihre Meinung zu der Frage kund

„Für wie nachhaltig halten Sie Atomkraft?“

52% stimmten mit „Sehr nachhaltig, die EU-Kommission hat Recht“ und nur 39% mit „Nicht nachhaltig, die Bundesregierung hat Recht.“

Nun, vielleicht haben manche der Abstimmenden unter „nachhaltig“ etwas anderes verstanden als gemeint war: Atomkraft kann sehr, sehr nachhaltig sein, wie auch noch künftige Generationen unter anderem etwa am explodierten Kernkraftwerk Tschernobyl (das war 1986) feststellen werden.

Präsident Macron am 10.02.2022: „Renaissance der französischen Atomkraft“

Erinnert sei auch an Präsident Macron, der am 10.02.2022 die „Renaissance der französischen Atomkraft“ ankündigte:

„Sechs neue Atomkraftwerke sollten gebaut sowie die Errichtung von acht weiteren Kraftwerken bis 2050 geprüft werden, sagte Macron […]. «Das ist die Renaissance der französischen Atomkraft.» Zugleich werde die Laufzeit aller bestehenden Kraftwerke verlängert, wenn die Sicherheit es erlaube. Es solle kein Kraftwerk mehr vom Netz gehen, wenn es keine zwingenden Sicherheitsgründe dafür gebe. Der Stromkonzern EDF sei angewiesen worden zu prüfen, ob die Laufzeit der Atomkraftwerke über 50 Jahre hinaus verlängert werden kann. […] «Frankreich wählt seine Unabhängigkeit und Freiheit», sagte Macron, der die Atomkraft als unverzichtbaren Baustein der Energiewende bezeichnete. […] Der sicherste und sauberste Weg dazu sei die Atomenergie, die zudem Arbeitsplätze schaffe und die Industrialisierung des Landes vorantreibe.“

„Kohle- oder Atomenergie statt russischem Gas?““

Ich gebe bei Google „Energieabhängigkeit Russland Atomstrom“ ein und wundere mich:

Von der Augsburger Zeitung, den Badischen Neuesten Nachrichten über die Eifelzeitung, dem Handelsblatt, dem RTL, dem Stern, der Tagesschau, der Zeit, dem ZDF …  insgesamt über zwei Dutzendmal am 28.02.2022 eine völlig identische Headline „Kohle- oder Atomenergie statt russischem Gas?“

Da kommen mir doch Zweifel an der Vielfalt der deutschen Presse- und Medienlandschaft auf!

04.03.2022: Russland-Ukraine-Krieg: AKW-Beschuss schockt Europa

Gut, aber da will ich mich nicht dran aufhalten, denn diese Meldung ist Schnee von gestern bzw. letzter Woche. Am 04.03.2022 war ziemlich viel anders:

Russland hat nach ukrainischen Angaben das größte Atomkraftwerk Europas angegriffen. Auf dem Gelände des AKW in Saporischschja brach ein Brand aus, der am Morgen gelöscht wurde. Russland widersprach der Darstellung. […]

Nach Angaben lokaler Behörden hatten russische Truppen in der Nacht das Atomkraftwerk östlich von Kiew unter Beschuss genommen. Dabei war ein angrenzendes Schulungsgebäude in Brand geraten. Dem ukrainischen Katastrophenschutz zufolge konnte das Feuer am Morgen gelöscht werden. Nach ersten Informationen wurde keine erhöhte Radioaktivität gemeldet. Das AKW soll mittlerweile in russischer Hand sein und mehrere ukrainische Soldaten bei Kämpfen ums Leben gekommen sein.“

Der Kommentator des bayerischen Rundfunks erinnert sich: 

Angriff auf ukrainisches Atomkraftwerk: Stehen wir vor einem zweiten Tschernobyl?

Ein Flashback: Als ich im Radio die Nachricht hörte, ein ukrainisches Atomkraftwerk würde unter Beschuss liegen, da stand mir urplötzlich eine Diskussion aus den 80ern vor Augen. Mit zwei Ingenieuren aus meinem Dorf, beide Befürworter der Technik, diskutierte ich hart über die Sicherheit von Kernkraftwerken. Eines meiner Argumente war: Was, wenn ein Flugzeug auf sie stürzt, was ist, wenn es einen Krieg gibt? 

Damals versicherten mir die beiden, der Betonmantel würde alles abhalten. [… ] erleben wir gerade nur etwas Erwartbares? Die Brutalisierung des Kriegs, je länger er andauert. Auf zwei Ebenen findet die statt. 1) Truppen, die tagelang in Gefechte verwickelt sind und nicht mit frischen ausgetauscht werden, sind übermüdet, ausgemergelt und aggressiv. Sie machen deswegen Fehler. Beziehungsweise sie vergessen, was Rücksichtnahme, was Umsicht bedeutet. Sie sehen überall nur den Feind. Und jeder Schuss, jede Granate trifft folglich den Feind, egal welches Ziel er trifft, ob Wohnhäuser, Supermärkte oder Atomkraftwerke. 2) Putin führt den Krieg immer erbitterter, weil sein Lügengebäude zusammenbricht. Gestern musste er selbst eigene Verluste einräumen. Der Traum, als Befreier aller Russen gefeiert zu werden, ist zerplatzt. Jetzt geht es für ihn nur noch darum, möglichst schnell Siegesmeldungen liefern zu kommen.“  

„Ist der Krieg nicht GAU genug?“

Am Abend lese in dem an Immanuel Kants Fragen „Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen“ angelehnten Briefing des Spiegels:Hoffen müssen wir, dass ukrainische Atomkraftwerke nicht – versehentlich oder absichtlich – in Störfallrichtung gebombt werden. Man sollte meinen, der Krieg wäre GAU genug“.

Ein längerer Aufsatz – ebenfalls im SPIEGEL:      

„Wie sicher ist das Atomkraftwerk Saporischschja?“

„Tatsächlich hat wohl niemand in der internationalen Gemeinschaft mit einer militärischen Aktion gegen ein Atomkraftwerk gerechnet“, heißt es da.

Interessant, nicht wahr? Das Lebensmotto der „Experten“ (wie ich diese Spezies immer geringer schätze!) war wohl „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“ (Man lese Morgensterns hier durchaus passendes Gedicht, aus dem dieses Zitat entnommen ist). Gewiss haben sie besorgte Anfragen von naiven Normalbürgern mit überlegenem Lächeln abgetan.  Der SPIEGEL fährt fort: „‘Ein Kernkraftwerk darf unter keinen Umständen Ziel eines Angriffs sein«, sagt auch Sebastian Stransky von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) dem SPIEGEL.[…] „Die Attacke ist im Grunde kompletter Wahnsinn, man muss das so deutlich sagen.’“

„Ein Kernkraftwerk darf unter keinen Umständen das Ziel eines Angriffs sein“ – und wenn doch?

Schön, dass wir uns da einig sind. Bloß was hilft es? Mag ja sein, dass es dieses Mal gerade noch gut geht. Aber es wird ein nächstes und ein übernächstes Mal geben. Muss ja nicht gleich ein Krieg sein. Es reicht ein intelligenter Terrorangriff. Seit ich vor einigen Jahren gelesen habe, dass mal kein Durchkommen durch den Hamburger Elbtunnel war, weil die Gewerkschaft anlässlich von stockenden Tarifverhandlungen zwei (ZWEI!) Bedienstete streiken ließ, weiß ich, was Effizienz in diesem Bereich ist. Was Gewerkschaften können, kann eine Terrororganisation auch. Ich finde die Sache mit Bomben und Maschinenpistolen ohnehin etwas aus der Zeit gefallen. Es gibt so viel elegantere Lösungen, bei denen mit vergleichsweise wenig Aufwand viel zu erreichen ist. Pardon, aber es fällt mir schwer, nicht zynisch zu sein.   

Die aktuellen Sorgen der Internationalen Atomenergiebehörde

In dem Spiegel-Artikel heißt es weiter:

„»Ein einfacher Beschuss würde nicht automatisch zu einer sicherheitstechnisch relevanten Situation führen«, sagt Stransky mit Blick auf die massive Stahlbetonschutzhülle, die den Reaktor umgibt. Aber für den Beschuss mit schweren militärischen Waffen ist er nicht ausgelegt. Dennoch müsste man die Stahlbetonhülle wohl pulverisieren, bevor es zur massiven Freisetzung von nuklearem Material kommen würde.

[…] Die Anlagen in Saporischschja mussten so konstruiert werden, dass sie einem Aufprall mit einer Masse von zehn Tonnen und einer Geschwindigkeit von rund 750 Kilometern pro Stunde standhalten können. Das entspricht in etwa den Daten eines Kleinflugzeugs. […]

Derzeit gilt die Sorge vieler Atomexperten aber einem anderen Umstand. Weder russische Militärs noch russische Atomkraftspezialisten könnten den Betrieb der Reaktoren selbst übernehmen, obwohl auch in den russischen AKW von Balakowo und Kalinin Reaktoren der gleichen Baureihe stehen. »Aber selbst, wenn sie den Reaktortyp kennen sollten, fehlen ihnen wichtige Informationen zu dieser speziellen Anlage«, sagt Stransky.

Die Besatzer werden also nach wie vor mit dem ukrainischen Personal arbeiten müssen. Dabei stellt sich die Frage, wie sich diese Zusammenarbeit gestaltet und wie sie sich auf das Stammpersonal des Kernkraftwerks, das üblicherweise im Schichtdienst arbeitet, auswirkt. »Ich teile die Sorge der IAEA. Denn zu kritischen oder sicherheitstechnisch relevanten Situationen könnte es kommen, wenn das Kraftwerkspersonal unter psychischem Druck arbeiten müsste oder körperlich ermüdet wäre«, sagt Stransky.“

Ach ja, der Faktor Mensch! Wenn der nicht wäre! Er muss nicht Putin heißen, sondern es reicht – wie das wohl auch in Tschernobyl war – die Bequemlichkeit, der Leichtsinn von Mitarbeitern. Oder eben übermäßiger Stress und Müdigkeit.

Was will uns das sagen: Auf den Schaubildern der umkämpften Ukraine werden neuerdings die Standorte der Atomkraftwerke verzeichnet.  

Die Süddeutsche Zeitung bringt seit Beginn des russischen Einmarsches in die Ukraine täglich ein Schaubildchen, das die besetzten und umkämpften Gebiete ausweist.

Seit heute sind darauf auch die Ukrainischen Atomkraftwerke verzeichnet. Neben Tschernobyl und Saporischschja findet sich Riwne, Chmelnyzkyi, und Süd-Ukraine. Was will uns das sagen?

FAZ am 05.03.2022 „Mit gezieltem Artillerie-Beschuss ließe sich aus solchen Anlagen ein Super-Tschernobyl machen“

Das Schlusswort soll wiederum die FAZ haben. Zwei Tage nach der Headline über die wachsende Zahl der Freunde der Atomkraft lesen wir in der Presseschau des Deutschlandfunks am 05.03.2022:

 „‚Mit gezieltem Artillerie-Beschuss ließe sich aus solchen Anlagen ein Super-Tschernobyl machen‘, bemerkt die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG: ‚Könnte selbst ein Putin das wollen? Moskaus Armee hat ein anderes Verhältnis zum Nuklearen als die westlichen Gesellschaften. Die russische Militärdoktrin schreckt nicht vor dem Einsatz taktischer Atomwaffen zurück, wenn der Vormarsch stecken bleibt. Russische Soldaten üben daher auch den Einsatz in verstrahlten Gebieten. Ein kranker Geist könnte sogar auf den Gedanken kommen, dass die EU ganz sicher nicht ein atomar verseuchtes Land aufnehmen will. Und natürlich wären die Ukrainer wieder selbst schuld gewesen, dass es so weit kommen konnte. Doch unter den Folgen eines solchen Atomangriffs litten auch die benachbarten Länder, der ganze Kontinent wäre betroffen. Putin würde damit eine Eskalation des Konflikts herbeiführen, die er jedenfalls bislang noch scheute. Andererseits zeigt Putin, der unter zunehmenden Erfolgsdruck steht, dem Gegner gern vor, was er ihm alles antun könnte. Das stellt den Westen vor eine schwierige Aufgabe: dem einsamen Bären in seiner Höhle klarzumachen, dass nicht nur er Krallen hat – ohne dessen Verfolgungswahn noch zu vergrößern‘, lautet das Fazit der FAZ.

Und ich denke zurück an den Mai des Jahres 1986. Da waren meine Kinder noch klein. Sie durften nicht im Sandkasten spielen und überhaupt möglichst nicht rausgehen. Auch schon eine Art Lockdown. Wegen der Nuklearen Wolke. Die sich merkwürdigerweise 10 km von hier in nichts aufgelöst hatte. Das hatte irgendwie mit der französischen Grenze zu tun.   

Nachtrag: Jürgen Döschner zu den Ereignissen rund um das Atomkraftwerk Saporischschja

Über die Risiken der aktuellen Situation ein Interview mit Jürgen Döschner am 4.3.22 auf Phoenix.

 

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