Piep, piep, piep… und alle auf Eugen Drewermanns Couch!

Eine wütende Replik

….

Als Papa emeritus Joseph Ratzinger jüngst seine Erkenntnisse über die Gründe des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche kundtat, da schrieb ich „das ist mir jetzt doch zu doof.“ (Nur unwesentlich verkürzt: es lag an Gesundheitsministerin Strobel, die einen Aufklärungsfilm drehen ließ.)

(https://de.catholicnewsagency.com/story/die-kirche-und-der-skandal-des-sexuellen-missbrauchs-von-papst-benedikt-xvi-4498)

Ratzinger billige ich Seniorenrabatt zu à la „Herr, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht mehr, was sie reden.“ Das Elaborat ist nur peinlich, vermutlich den kirchlichen Kreisen ganz besonders, und da gebietet irgendwann die gute Erziehung, den Mantel der Barmherzigkeit drüber zu legen, und die Zeitökonomie, nicht an jeden Blödsinn Zeit zu verschwenden.

Bei Eugen Drewermann liegen die Dinge etwas anders. Ihn nehmen noch zu viele ernst. Wenngleich sich die Zeit auch dem Ende zuneigt, in der progressive Katholikinnen und Katholiken bei seinem Namen leuchtende Augen bekamen. Insofern ist das Intervew, das er am Ostermontag im Deutschlandfunk gegeben hat, eher als verkaufsfördernde Maßnahme für die Neuauflage seines Buches „Kleriker. Psychogramm eines Ideals“ zu verstehen.

Eine junge Kollegin fragte mich neulich, was ich von Eugen Drewermann hielte, der wie ich zunächst kath. Theologie studiert hatte und dann zur Psychotherapie wechselte. Wobei ich mir die Bemerkung nicht verkneifen kann, dass er allem Anschein nach den Weg über ein ordentliches Psychologiestudium und eine abgeschlossene Ausbildung an einem anerkannten Ausbildungsinstitut dank höherer Weihen nicht notwendig hatte. Auf alle Fälle: wenn man Konkretes zu seiner Qualifikation sucht, wird’s nebulös. Aber ich will nicht formalistisch sein. Nur: Grundsätzlich kann ich Leute nicht leiden, die von Abtreibung bis Zölibat, vom 11.September bis zum Kleinen Prinzen, vom Tierschutz bis zur Psychosomatik eine medienwirksame Expertenmeinung zu haben glauben.

Meine Kollegin fragte mich also, und meine Antwort bestand aus zwei Worten: „ein…“ Es folgte ein Ausdruck der den Straftatbestand der Beleidigung erfüllt und den ich nicht auf meiner Homepage sehen möchte. „Komisch“, meinte meine Kollegin, „genau dasselbe Wort hat X gebraucht“, der war ebenfalls mal katholischer Theologe war und hat dann eine reguläre Psychotherapie-Ausbildung gemacht.

Dies möge als Hinweis auf meine vorurteilsgetränkte Einstellung genügen.

Nachdem ich eine Nacht drüber geschlafen hatte, wollte ich zunächst diese Einleitung weglassen. Aber dann las ich nochmal die Passage des Interviews über den sexuellen Missbrauch durch Kleriker. Die Einleitung bleibt drin! Mit Verlaub, Herr Drewermann,..

Die Passage zum sexuellen Missbrauch finden Sie im Anschluss an meine Replik. Damit sich jeder und jede selbst ein Bild machen kann und mir nicht unterstellt wird „jetzt übertreibt sie aber! (Das vollständige Interview finden Sie, wenn Sie hier klicken) 

Meine Replik (ohne Anspruch auf Vollständigkeit)

Der Trick, wie man aus Tätern Opfer macht

Die These, dass es sich bei den Tätern um unreife Persönlichkeiten handelt, um Menschen, die selbst eine traumatisierende Biografie haben, ist keineswegs nur falsch. So selten sind die Fälle nicht, wo z.B. aus Missbrauchsopfern später selbst Täter werden. Nur, was heißt das?

Drewermann driftet ins Unpersönliche ab, wenn er von „Tragödie“ spricht, wenn er ins neutrale „Es“ abgleitet. Dieses „Es“ hält sich irgendwo im Täter versteckt und beherrscht ihn, so dass man am liebsten nach dem Exorzisten rufen möchte: „Es wartet förmlich auf eine Gelegenheit, jemandem zu begegnen, der genauso hilflos ist, wie der Betreffende…“. Die Täter sind „irgendwo stehengebliebene Kinder“, „die selber der eigenen Dynamik ihrer Biografie ausgeliefert sind“

Ich bin mir nicht sicher, ob die Täter an dieser Stelle sagen „endlich versteht mich einer!“ Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass in dieser angeblich „christlichen“ Sicht eine Geringschätzung der Täter liegt. Sie werden nicht ernst genommen. Richter Drewermann spricht die Täter nicht einfach frei, sondern dies ist ein Freispruch wegen Schuldunfähigkeit, Unzurechnungsfähigkeit. So weit ist seine Logik nicht von der entfernt, die da lautete, ‚wer die Wohltaten unseres Systems nicht als solche erkennt, ist entweder kriminell oder geisteskrank.‘ Nur dass Drewermann nicht mal die Wahl lässt.

Herr Drewermann kennt die Lösung: Therapie. „Wir haben heute so viele Formen der Psychotherapie, der Einfühlung, der Umgangsweisen mit Tragödien“. Wenn ich ihn recht verstehe, müssen unfreie Menschen „zu einem Vertrauen geführt werden“, „das ihnen eine innere Identität [gibt] und dann zu einer Freiheit führen könnte, die überhaupt eine Wahlmöglichkeit erlaubt.“

Ich bin nur mäßig beeindruckt. Zum einen entspricht es nicht meinem Verständnis von Therapie irgendwen zu „führen“. Zum andern ist mir nicht ganz klar, wie er sich das vorstellt mit „der Freiheit“. „Die Neurologie beispielsweise bezweifelt, dass es Freiheit überhaupt gäbe. Das Christentum definitiv erklärt, dass Menschen gar nicht gut sein können, weil sie wollen, dass sie unfrei sind…“ Lassen wir mal beiseite, dass Aussagen wie „die“ Neurologie sage dies und das, suspekt sind und legen wir Behauptungen nicht auf die Goldwaage „das“ Christentum erkläre (sogar „definitiv“! Huch!) die Unfreiheit des Menschen. Vielmehr frage ich nur: Wie muss man sich das vorstellen? Therapeuten-Gurus – allen voran Herr Drewermann – führen Menschen, die gar nicht frei sein können und es auch nicht wollen zur Freiheit?

Etwas weniger ironisch: Zur Therapie gehört Motivation und der Wille, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Davon ist bei Drewermann mit keinem Wort die Rede. Sondern da werden arme, zu Opfern umdefinierte Täter irgendwie zum Heile einer gereiften Identität geführt. Mit Einsicht oder ohne, ob sie wollen oder nicht.

Drewermann spricht von den Tätern als „Leuten, die an sich selber leiden“. „Die Menschen, die Böses tun, sind nicht böse. Sie wollen das nicht.“ Da weiß er mehr als ich und mehr als viele meiner Kolleginnen und Kollegen. Fast neige ich zur Vermutung, dass er auch mehr weiß, als die Täter selbst. Denn wo sind sie denn, die Sexualstraftäter (ob Kleriker oder nicht), die sich aus eigenem Antrieb Hilfe suchend in Therapie begeben? Das Leiden an sich selbst scheint sich so im Verborgenen abzuspielen, dass es selbst den Betroffenen verborgen bleibt. Wo sind sie denn, die Täter-Kleriker, die von sich aus um eine Versetzung auf einen Posten gebeten hätten, wo die Gefahr mindestens geringer ist, dass sie „in schlimmster Weise andere leiden lassen“? Wo sind sie denn, die Täter-Kleriker, die versuchen, versucht haben, in irgendeiner Form Wiedergutmachung zu leisten?

Die leider fast regelhafte Erfahrung mit den Tätern ist vielmehr: Verharmlosung des eigenen Tuns, Leugnung, („das hättest du wohl gerne gehabt“, sagte ein missbrauchender Vater, als seine Tochter ihn als erwachsene Frau zur Rede stellte), eher wird dem Opfer noch die Schuld zugeschoben. In über dreißig Jahren Praxis erinnere ich mich an einen einzigen Fall, wo ein Täter sich beim Opfer entschuldigt hat, ohne dass es dafür eine äußere Notwendigkeit (wie z.B. die Hoffnung auf Strafmilderung) gegeben hätte.

„Menschen die glücklich sind, wollen nichts Böses mehr“. Eine interessante These. Was heißt das umgekehrt? Menschen, die unglücklich sind, wollen Böses? Kann man mir mal erklären, wie es kommt, dass viele Menschen durchaus unglücklich sind, aber trotzdem ausgesprochen gut handeln?

Nach dem 11.9. 2001 meldete sich eine Grüne zu Wort: Wie verzweifelt müssen Menschen sein, die so etwas tun! Die Reaktion auf ihre weitreichende Empathie war – vorsichtig ausgedrückt – nicht durchgängig positiv. Aber mit Drewermann konnte sie sich einig wissen (https://www.welt.de/politik/specials/911/article13404755/Abschied-vom-Club-der-toten-deutschen-Seelen.html ).

Mir scheint, Drewermann vermischt eine extreme Position der antiautoritären Erziehung (die, das möchte ich betonen, in vielem ein Fortschritt war) mit einem süßlichen, nur scheinbar christlichen Mäntelchen, das einem immerhin das Gefühl ungeheurer moralischer Überlegenheit gibt: Wenn in jenen fernen 68er- Zeiten ein Kind im Sandkasten einem jüngeren die Schaufel auf den Kopf schlug und ihm die Sandförmchen klaute, dann schlossen die aufgeklärten Eltern auf einen inneren Konflikt, unterdrückte Triebregungen und gingen zur Kindertherapeutin, die es richten sollte. Denn – so deren wie vermutlich auch Drewermanns Logik – kein glückliches Kind haut einem anderen eine Schaufel auf den Kopf.

Die einfache schwarz-weiße Welt des Herrn Drewermann

Da gibt es auf der einen Seite die reifen Persönlichkeiten, die glücklich und gut sind und die unreifen, die unglücklich sind und Böses tun müssen. Die reifen Persönlichkeiten, das sind die, die wissen, wo’s lang geht. Deshalb nehmen sie dann „die irgendwo stehengebliebene(n) Kinder“ bei der Hand und „führen“ sie. Aus einem Pool solch reifer Persönlichkeiten (Drewermann bleibt an dieser Stelle etwas nebulös) kommen dann vermutlich „die Beauftragten, die zur Hilfe wirklich zur Verfügung stünden“, die antreten, um „Verlorene, Verlaufene, Verzweifelte“ zurückholen.

Da gibt es einerseits die richtig verstandene christliche Moral, für die Drewermann die Auslegungshoheit besitzt. Diese möchte augustinisch „heilen und nicht verklagen“. Wobei es doch merkwürdig anmutet, dass Drewermann ausgerechnet den hl. Augustinus als Kronzeugen anruft, der mit seiner entsetzlichen Sexualfeindlichkeit ganz gewiss nicht heilend sondern extrem verurteilend war und auf Jahrhunderte hinaus verhängnisvoll gewirkt hat.

Auf der anderen Seite sieht Drewermann die „bürgerliche Selbstgewissheit“, die „praktischerweise“ unterstellt, „dass die Menschen frei sind“ und die mit „polizeilicher Verhaftung, mit Strafrecht“ den Stab bricht und draufhaut, statt zu „verstehen“.

Schwarz oder weiß. Reife glückliche Persönlichkeiten, die dann vermutlich auch so etwas kennen wie Verantwortlichkeit. Was aber eigentlich überflüssig ist, denn glückliche Leute machen nichts Böses. Auf der anderen Seite unreife, unglückliche Opfer, die nicht anders können als böse sein, und anscheinend für nix verantwortlich sind.

Auf der einen Seite gibt es die „christliche“ Moral, die „versteht“ und auf der anderen Seite die „flache“ Moral der „bürgerliche(n) Selbstgewissheit“, die draufhaut.

Auch wenn ich zugestehe, dass man in einem Interview nicht alles differenziert bis ins Letzte formulieren kann: Aber was Drewermann da bietet, ist nicht nur einfach gestrickt. Nein, das ist mehr: Es ist in seiner Verkürzung abgrundtief falsch. Dieses schlichte Muster der Spaltung, lässt auf den schließen, der spaltet: auf die arrogante Überheblichkeit Drewermanns.

Die Pflichten der Opfer

Es wundert nur am Rande, dass sich in der ganzen Passage kein Wort über Verantwortung und Pflichten der Täter findet. Keine Aufforderung: ihr müsst euch in Behandlung begeben. Kein Wort: ihr müsst euch entschuldigen. Keine Silbe: ihr habt die Pflicht, das, was ihr angetan habt, wieder gut zu machen.

Aufgefordert werden nur die Opfer. Hellinger (auch mal Priester gewesen) lässt grüßen! .Die Opfer sollen „durcharbeiten“ was sie erlebt haben. Wenn sie Gerechtigkeit verlangen, wird den Opfern unterstellt, sie würden quasi nach dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ handeln. Der Wunsch nach Genugtuung, Gerechtigkeit wird unter der Hand als Wunsch nach Rache diffamiert. Drewermann weiß: das führt zu nichts. Das Opfer hat über diesen Impuls hinauszuwachsen und die „Hilflosigkeit“ des Täters zu erkennen. Die Opfer – nicht die Täter! – werden ermahnt „wirkliche Versöhnung mit sich selber ist identisch mit der Versöhnung dann auch des anderen“. Letztlich steckt darin eine Drohung: Wenn du wirklich Frieden finden willst, liebes Opfer, musst du dich versöhnen.

O, wie ich das aus Therapien kenne! Den Opfern (nicht nur sexueller Gewalt) wird allenthalben gesagt „man muss auch mal verzeihen können!“. Wenn Patientinnen und Patienten mir davon berichten (oft mit Schuldgefühlen, weil sie eben nicht verzeihen können), erwidere ich:„Sie müssen gar nichts! Zunächst muss der Täter etwas tun. Selbst in der katholischen Kirche ist Voraussetzung der Absolution bei der Beichte die Reue und das Bemühen um Wiedergutmachung. Und manchmal glaube ich, darf man gar nicht verzeihen, dann nämlich, wenn man sich oder das Kind, das man war, damit verraten würde.“

Mit Verlaub, Herr Drewermann, Sie sind nicht ernst zu nehmen!

Hier ist nun die Passage aus dem Interview des Deutschlandfunks, auf das ich mich beziehe:

„…..Man verführt keine Kinder, ohne dass man selbst unreif geblieben wäre“

Drewermann: Ich kenne keinen Priester und ich behaupte, es gibt auch keinen, der sich weihen lässt in der Absicht, später solche Handlungen zu begehen. Das passiert. Das ist eine Tragödie, die sich lange vorbereitet. Die Vokabel am einfachsten dafür ist „Wiederholungszwang“ oder „Wiederkehr des Verdrängten“. Da ist etwas lange unterdrückt worden. Das wurde mit heiligen Vokabeln, mit Askese, mit allen möglichen Transformationsprozessen die Sublimation aus dem Triebbereich ins Geistige verlagert. Das wurde rationalisiert. Man war auf der Flucht vor sich selber und konnte nicht wissen, dass all das, hinterherlaufend wie ein Schatten, irgendwann den Flüchtling einholen würde. Es wartet förmlich auf eine Gelegenheit, jemandem zu begegnen, der genauso hilflos ist, wie der Betreffende, der dann handelt. Man verführt keine Kinder, keine Jugendlichen, ohne dass man selber unreif geblieben wäre. Das ist so fatal, weil subjektiv es ganz schwer ist, aus der Falle herauszukommen, wenn man erst mal drin ist.

Florin: Aber, wenn Sie sagen, Tragödie, Leiden, damit machen Sie auch die Täter zu Opfern.

Drewermann: Absolut. Und das meine ich jetzt in vollem Ernst. Vielleicht eine Gelegenheit, mal über unsere Art des Strafrechts nachzudenken, über unsere Schuldsprüche, über unsere zweiwertige Moral. Simpel gesagt, wir teilen die Welt in zweiwertiger Logik nach Gut und Böse ein. Wir unterstellen praktischerweise auch, dass die Menschen frei sind. Und, wenn sie wissen, was Gut und Böse ist und tun trotzdem das Böse, in Freiheit, wie wir annehmen, sind sie zu bestrafen. Und je schlimmer das Vergehen, desto strenger. Das ganze bürgerliche Bewusstsein ist darauf aufgebaut. Das Christentum denkt vollkommen anders. Auch die Botschaft Jesu ist eine völlig andere. Die Menschen, die Böses tun, sind nicht böse. Sie wollen das nicht. Sie sind im Grunde wie Verlorene, Verlaufene, Verzweifelte. Und wie geht man sie jetzt suchen, um sie zurückzuholen? Das wäre die Aufgabe, aber nicht den Stab über sie zu brechen oder auf sie draufzuhauen.

„Wir hätten viele Motive, das Strafrecht zu ändern“

Florin: Aber Priester sind ja nun auch Bürger dieses Staates und damit auch dem Strafrecht unterworfen. Heißt das, Sie halten es für ganz richtig, wenn die nicht angezeigt werden von der Kirche?

Drewermann: Ich halte eines für notwendig: dass wir aus den Tragödien des sogenannten Bösen, aus der Hilflosigkeit und Verlorenheit der Menschen viele Motive hätten, das Strafrecht insgesamt zu ändern. Die Neurologie beispielsweise bezweifelt, dass es Freiheit überhaupt gäbe. Das Christentum definitiv erklärt, dass Menschen gar nicht gut sein können, einfach, weil sie wollen, dass sie unfrei sind, solange sie die Opfer ihrer Ängste bleiben, dass sie zu einem Vertrauen geführt werden müssten, das ihnen eine innere Identität und dann zu einer Freiheit führen könnte, die überhaupt eine Wahlmöglichkeit erlaubt. Menschen, die glücklich sind, wollen nichts Böses mehr.

Die Kirche ist in dem Dilemma, dass sie bisher die Kleriker verborgen hat vor der Öffentlichkeit, um sich selber zu schützen. Jetzt dreht sie es um und liefert sie aus an die Öffentlichkeit, um selber als integer zu erscheinen. Beides ist nicht richtig. Wir müssten den ganzen Ansatz ändern. Und dann könnten wir mit Augustinus mal ein wunderbares Wort gebrauchen: „Ich möchte heilen, nicht verklagen.“ Das wäre christlich von Grund auf und es würde den ganzen Staat ändern. Es würde die bürgerliche Selbstgewissheit ändern. Wir würden uns öffnen zu einem Verstehen.

Florin: Aber die Bundesrepublik ist nun kein christlicher Gottesstaat oder kein Jesusstaat. Also, noch mal, wir haben ja ein Strafrecht, und wenn Sie mit Betroffenen sprechen, dann fordern die auch, dass Verantwortliche zur Verantwortung gezogen werden. Ist das alles falsch, Ihrer Ansicht nach?

Leute, die an sich selber leiden

Drewermann: Das eine ist, dass man Menschen braucht, die verantwortlich handeln, denken, leben können. Das sind erwachsene Menschen, gereifte Persönlichkeiten. Das sind nicht irgendwo stehengebliebene Kinder, die selber der eigenen Dynamik ihrer Biografie ausgeliefert sind. Das meint man inzwischen auch im Strafrecht. Ich habe nach einem Vortrag dieser Art mal gehört in einer Gruppe von Richtern: „Wir wollen gar nicht strafen. Wir möchten Hilfe zur Besserung leisten.“

Florin: Und inwiefern sind Sie der Ansicht, dass die Kirche gerade die Täter oder die Beschuldigten der Öffentlichkeit ausliefert? Welche Täter fallen Ihnen da ein?

Drewermann: Dazu wird sie jetzt verpflichtet. Sie muss alle Akten offenlegen. Das beschließt sie selber, schon damit die Geheimniskrämerei aufhört. Und das wäre ja richtig. Es ist nicht möglich, dass man Leute, die an sich selber leiden und in schlimmster Weise andere leiden lassen im Verborgenen weiterwirken lässt, zur Qual für sich und alle Beteiligten. Das gehört in die Hände von Beauftragten, die zur Hilfe wirklich zur Verfügung stünden. Aber es geht nicht mit polizeilicher Verhaftung, mit Strafrecht in klarer Ordnung, dies gehört sich nicht und wird bestraft, unter dem Hohn der Öffentlichkeit und der ganzen Seiten, die die „Bild“-Zeitung dem Vatikan widmet, was jetzt zu tun wäre. So geht es nicht. Wir kriegen nicht die Gesundheit der Bevölkerung frei von Cholera, indem wir absteigen in die Kanalisationssysteme.

Florin: Aber so ist nun mal ein Rechtsstaat.

Drewermann: Ein Rechtsstaat hat als allererstes vor Augen die Würde des Menschen. Und dann hat er nötig im 21. Jahrhundert, kennenzulernen, was wir über den Menschen wissen. Wir haben heute so viele Formen der Psychotherapie, der Einfühlung, der Umgangsweisen mit Tragödien. Wir müssten uns nur zugeben, dass unsere Ethik, die wir tradiert haben, viel zu flach ist, als dass sie den Menschen gerecht werden könnte.

Wo bleiben die Opfer bei dem Mitleid?

Florin: Kürzlich sprach ich mit einem von Missbrauch Betroffenen – heute ein erwachsener Mann. Und der sagte: „Der Täter“ – der Priester in seinem Fall – „hat mir die Würde versucht zu nehmen.“ Also, es gibt doch natürlich auch die Würde der Opfer. Wo bleiben die bei dem Mitleid mit den Klerikern?

Drewermann: Absolut. Als allererstes haben die Opfer ein Recht, wirklich einen Anspruch – nicht auf Wiedergutmachung jetzt finanziell, das ist das Banale –, aber auf Verständnis.

Florin: Aber auch nicht unwichtig.

Drewermann: Klar, es ist eine Anerkennung, aber eine äußerlich symbolische. Wirklich durchzuarbeiten ist, was sie erlebt haben. Und dann wird man feststellen – und jetzt sehr rasch und idealtypisch gesprochen –, dass mit dem Bedürfnis „der andere, der mich verletzt hat, muss jetzt auch verletzt werden, indem er bestraft wird“, sich alles nur im Kreise dreht. Wer über ein Vergehen dieser Art hinausreift, der beginnt sich selber zu verstehen in seiner Hilflosigkeit von damals. Und das ist, wenn es gutgeht, identisch damit, auch die Hilflosigkeit dessen zu verstehen, der es ihm angetan hat. Und wirkliche Versöhnung mit sich selber ist identisch mit der Versöhnung dann auch des anderen. Das ist jetzt nicht ein schönes Wort. Das ist in der Psychotherapie unendlich wichtig, dass man nicht dabei stehenbleibt „das ist mir passiert vor 50 Jahren, ich leide heute noch darunter“. Es gilt durch Einsicht, durch Verstehen in sich selber, zugleich mit dem anderen das Terrain des menschlich Verbindenden so zu verstärken, dass der Ausschluss überflüssig wird.

Da fällt mir jetzt nur noch die Westside-Story ein:

„Wir sind gut, wir sind gut,
Wir sind alle gut,
Selbst das Schlechte ist an uns noch gut“

das ist zitiert aus dem „Lied von Officer Krupke“:

https://www.youtube.com/watch?v=j7TT4jnnWys

Schauen Sie es sich an – es macht Spaß!

Die Übersetzung: http://www.impresario.ch/libretto/libberwes.htm

Mann! Officer Krupke
Hinterhof – 22.00 Uhr

SNOWBOY
imitiert Krupke
Hey du!

ACTION
Ich, Officer Krupke?

SNOWBOY
Ja, du!
Nenn mir einen vernünftigen Grund dafür, dich nicht auf die Wache zu schleifen, du Gangster!

ACTION
Mein guter Sergeant Krupke,
Sie müssen schon versteh’n,
Ich mach zwar noch nicht schlapp-ki,
Doch es ist klar zu seh’n:
Mama hängt an der Nadel,
Papa säuft nur noch Bier.
Dumm gelaufen – darum sind wir hier!

ALLE
Ach, Officer Krupke,
Wir sind ganz konfus;
Wir hatten nie die Liebe,
Die ein Kind haben muss.
Es ist keine Bosheit
Und kein Übermut,
Denn tief im Herzen sind wir gut!

ACTION
Wir sind gut!

ALLE
Wir sind gut, wir sind gut,
Wir sind alle gut,
Selbst das Schlechte ist an uns noch gut

SNOWBOY
spielt Krupke
Das geht voll zu Herzen.

ACTION
Ich werde es der ganzen Welt erzählen.

SNOWBOY
als Krupke
Erzähl’s dem Richter.

ACTION
zu Diesel
Mein lieber guter Richter,
Papa kokst nicht zu knapp,
er schnupft es durch’n Trichter
Und gibt mir gar nichts ab.
Sie wollten wohl verhüten,
doch waren zu bekifft,
Ist doch logisch – drum bin ich versifft!

DIESEL
einen Richter nachahmend
Klar! Officer Krupke, sie sind ein Idiot;
Das Kind braucht keinen Richter;
ein Psychiater tut not!
Ham sie von Neurosen noch nie was gehört?
In seinem Kopf ist er gestört!

ACTION
Bin gestört!

ALLE
Bin gestört, bin gestört,
Ich bin so gestört,
Psychologisch bin ich so gestört!

DIESEL
einen Richter nachahmend
Hört, hört! Nach Meinung des Gerichtshofes ist dieses Kind seelisch verkümmert, weil es kein normales Zuhause hatte.

ACTION
Hey, ich bin verkümmert, weil sich keiner gekümmert hat!

DIESEL
einen Richter nachahmend
Bringt ihn zum Seelenklempner.

ACTION
zu A-rab
Mein Vater ist ein Wichser,
Mama ist eine Sau.
Mein Opa ist ein Fixer
Und Oma immer blau.
Mein Schwesterchen rasiert sich,
mein Bruder trägt ein Kleid,
Ach du scheisse – ich tu mir so leid!

A-RAB
als Psychiater
Tja! Officer Krupke, sie dämlicher Hund,
der Knabe braucht nur Arbeit, sonst wird er nie gesund.
Nun ist er verkorkst, der Gesellschaft sei Dank,
sprich: soziologisch ist er krank!

ACTION
Ich bin krank!

ALLE
Wir sind krank, wir sind krank,
Wir sind krank, krank, krank,
Vom sozialen Standpunkt sind wir krank!

A-RAB
als Psychiater
Nach meiner Meinung braucht sich dieser Junge gar nicht erst auf meine Couch zu legen. Jugendliche Straftaten sind eine soziale Krankheit!

ACTION
Hey, ich hab’ne soziale Krankheit!

A-RAB
als Psychiater
Dann schleppt ihn zum Sozialarbeiter!

ACTION
zu Baby John
Ich bitte um Verständnis:
Ich soll zur Arbeit geh’n?
Da fehlt mir jede Kenntnis,
Das müssen sie versteh’n.
Ich bin nicht gegen Arbeit,
Wenn sie ein andrer tut,
Heil’ger Bimbam, was für eine Brut!

BABY JOHN
als Sozialarbeiterin
Ugh! Officer Krupke, sie sind ein Phantast,
Der Junge braucht statt Arbeit nur’ne Zelle im Knast,
Und das, lieber Krupke, geschieht ihm ganz recht,
Denn tief im Herzen ist er schlecht!

ACTION
Ich bin schlecht!

ALLE
Wir sind schlecht, wir sind schlecht,
Wir sind wirklich schlecht,
Selbst das beste an uns ist noch schlecht!

DIESEL
als Richter
Das kommt, weil er verrückt ist.

A-RAB
als Psychiater
Das kommt nur, weil er trinkt.

BABY JOHN
als Sozialarbeiterin
Das kommt nur, weil er missglückt ist.

DIESEL
als Richter
Das kommt nur, weil er stinkt.

A-RAB
als Psychiater
Das kommt vom Pubertieren!

BABY JOHN
als Sozialarbeiterin
Was machen wir da bloss?

ALLE
Krupke, wie wird man den Ärger los?
Ach, Officer Krupke,
Wir bitten sie sehr,
Soziale Krankheitsfälle zu bekämpfen fällt schwer.
Und, wissen sie, Krupke,
Auch selbst nicht mehr wie,
Dann ficken sie sich doch
Ins Knie!

Nach dem Song taucht Anybodys über dem Zaun auf.

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