Fritz Bauer und Michel de Montaigne oder: ich weiß immer noch nicht, was Humanismus ist

 

 

Im Augenblick bin ich auf dem Bildungstrip. Oder wie sollte man es sonst nennen, wenn man im Schwimmbad (wasserdichter I-pod!!) statt Musik oder seichter Romane den Mitschnitt eines Seminars  „Konfliktorientierte Behandlungstechnik“ mit dem Psychoanalytiker Michael Ermann  hört? Beim Spazierengehen wiederum ist „Fritz Bauer. Sein Leben. Sein Denken. Sein Wirken“ angesagt. Gut. Diese Phase wird vorübergehen.

Ich sage, ich wisse immer noch nicht, was Humanismus ist. Aber was ich sicher weiß: wer Humanist ist.

Fritz Bauer war gewiss einer. Vor 50 Jahren Generalstaatsanwalt in Frankfurt, initiierte die Auschwitzprozesse und vertrat die Anklage. Wer die Verleugnungs- und Verdrängungsmentalität jener Zeit kennt, in der die als Nestbeschmutzer beschimpft wurden, die das Nest säubern wollten (ach, sind wir heute so weit weg davon?), der versteht seinen Ausspruch „Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland.“

Es gäbe viel über Fritz Bauer zu sagen, sein Einsatz für Justizreform, sein Kampf für die Reform des Strafvollzugs, dass er 1961 Mitbegründer der Humanistischen Union war… ich empfehle nachdrücklich nachzulesen: Fritz-Bauer-Institut.

Er war kein Rächer, sondern gerade beim Auschwitz-Prozess ist sein Anliegen ein auf die Zukunft gerichtetes, ein pädagogisches, das betont er immer wieder. Was er dazu sagt, brachte mich auf die Idee, ein paar Zitate von ihm mit denen eines anderen Humanisten zu verknüpfen: Michel de Montaigne, der nur ein paar Jahrhunderte früher lebte, nämlich im 16. Jahrhundert, zur Zeit der französischen Religionskriege, der Bartholomäusnacht…

 

Warum ich das tue, obwohl es zum Lesen sicher ein bisschen dröge ist? Weil es mich fasziniert, dass es zu jeder Zeit Menschen gibt, die tolerant und mutig sind, die ihrem eigenen Kopf und Herzen mehr trauen als dem Mainstream, die ihren eigenen Weg selbstbewusst gehen.

 

Die folgenden Zitate von Fritz Bauer stammen aus „Was hat Auschwitz mit dem deutschen Menschen zu tun?“ Das war eine Podiumsdiskussion vom Mai 1965 in Nürnberg. Ich habe es von der CD transkribiert und bitte diese Arbeit zu würdigen… hat mich nämlich über eine Stunde des sonntäglichen Nachmittags gekostet.  

 

Ich gehe an Auschwitz heran mit dem heißen Wunsch, daraus zu lernen und heiß zu wünschen, dass wir erkennen, dass Religionen oder irdische Weltanschauungen, Nationalismus oder Rassismus welcher Art auch immer, dass alle Weltanschauungen die den Absolutheitsanspruch erheben, zu solchen ungeheuren Katastrophen führen können. …

…und den Menschen, die vielleicht hier und sonst  in der Welt sind und vielleicht ein Sendungsbewusstsein der weißen gegenüber der schwarzen Rasse haben – ein Problem, das ja ganz ähnlich ist, all denen sollten wir einschärfen, was Lessing im Nathan der Weise gesagt hat, nämlich den Gedanken der Toleranz.  

…Und jetzt vielleicht nur einen Satz: Gesagt wurde, die Menschen seien manipulierbar. Hier ist nun sicher auch nach meiner Auffassung auch ein deutsches Problem. Ich glaube, das deutsche Haus, die deutsche Schule, war in höherem Maße autoritär. Das hängt einfach mit der deutschen Geschichte zusammen. Deutschland ist einmal katholisch, die [vermutlich gemeint: katholische Kirche] an sich einen hierarchischen Aufbau hat. Der deutsche Protestantismus hat nicht etwa den Calvinismus  und die Freiheitsidee der Engländer und Amerikaner übernommen. Das Luthertum kannte eigentlich die Autorität des Vaters, die sich widerspiegelte in der Autorität der Bürokratie. Das sind Tatsachen, die zu unserer Geschichte gehören und von mir nicht gesagt werden im Sinne der Kritik. Es hat keinen Sinn vergangene Jahrhunderte zu kritisieren. Sondern mit dem heißen Wunsch, daraus pädagogisch zu lernen. Eltern, Schule müssen lernen, eine Schulform, eine Pädagogik zu üben, die nicht autoritär ist, sondern auf dem Gedanken der Partnerschaft beruht…

    Wenn jetzt das Wort vom Widerstand und vom unterbliebenen Widerstand gefallen ist, dann glaube ich mit den Vorrednern einig zu sein: zu den Problemen, die wir lernen müssen, aus Auschwitz lernen müssen, das ist nun wirklich die Frage des Ungehorsams und des Nein-Sagens. Und ich glaube auch, obwohl ich vorhin gesagt habe, es gibt sicher allgemein menschliche Faktoren, die zu Völker- und Gruppenmord führen, ich glaube auch, dass wir einiges bei uns zu tun haben, um den Mut und den Rücken von uns allen zu stärken. Irgendjemand hat vorhin gesagt, es hat an Mut gefehlt. Sicher hat es an Mut gefehlt. Zivilcourage ist nicht sehr einfach. Zivilcourage verlangt immerhin Opfer. Was aber in Deutschland hinzugekommen ist, im Gegensatz zur Ideologie fremder Länder, das war eigentlich eine spezifisch deutsche Ordnungsideologie, die Widerstand von vornherein diffamiert hat. In der deutschen staatsrechtlichen Literatur, in der deutschen Philosophie galt, um es mal populär zu sagen immer „Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht“. Das ist ein Gedanke, der auch heute leider in der Bundesrepublik noch viel zu sehr gepflegt wird. Das ist eine Haltung, die sicher dem Augenblick dient, aber den Widerstand zur gegebenen Zeit unmöglich macht… Ohne die Erfahrung, ohne die Übung des täglichen Widerstands, des Widerstands gegen das Unrechts im Kleinen, ist man außerstande, den großen Widerstand zu üben, von dem im Dritten Reich leider nicht genügend Gebrauch gemacht wurde. Ich denke alles Denken über Auschwitz hast nur dann Sinn, wenn jeder Vater, jede Mutter, wenn jeder Staatsanwalt, jeder Lehrer, jeder Theologe daraus lernt. Eine der Forderungen muss sein, dass uns Kritik und Opposition nicht als Verbrechen erscheint, sondern eben als jene Grundlage jedes Kampfes um die Menschenrechte, jede Äußerung des Einzelnen, die um seine freie Entfaltung eingesetzt wird. Das wäre eine der großen Lehren von Auschwitz. … bei uns wurde jene Kraft oppositionell-kritischen Denkens, der Mitarbeit eines Jeden am Staat, jedes wirkliche demokratische Bewusstsein jahrhundertelang verschüttet.

Wenn ich nun sage Auschwitz und wir Deutschen, dann blicke ich nicht rückwärts, sondern dann lerne ich daraus und ich wäre glücklich, wenn der Auschwitz-Prozess etwa  mit jenem Gedanken schließen könnte, der schon im frühen deutschen Mittelalter geäußert wurde, zum Beispiel einmal bei Freidank : „Gehorsam ist stets ein Gut, aber nur so lang der Meister rechtens tut. Will der Meister jemand zwingen vor Gott zu unrechten Dingen, da soll man den Meister übergehen und soll dem Rechten beigestehen.“ Das war deutsches Mittelalter. Hier sollten wir wieder anknüpfen, um die ungeheure Kraft des Ungehorsams zu lernen. Vielleicht ein Wort, das im Munde eines Staatsanwalts seltsam klingt, aber im Mund eines deutschen Staatsbürgers wirklich mit allen Fasern seiner Brust gewünscht wird.“

 

Michel de Montaigne (1560 -1612) hatte das Glück wenigstens zunächst (bis der Vater wohl dem allgemeinen Druck nachgab und ihn auf ein ordentliches Collège schickte) eine erstaunlich antiautoritäre Erziehung zu genießen, von der man zu Fritz Bauers Zeiten noch ein gutes Stück entfernt war. Was er an sich selbst erlebte, wird zu seinen pädagogischen Grundsätzen.

Über seine Erziehung schreibt er (man verzeihe, wenn ich jetzt die Quellenangabe unterlasse, wo sich das in den Essais genau findet. Falls jemand das Bedürfnis hat, möge er sich melden. Aber es ist immer noch Sonntagnachmittag…. Und genug ist genug!)

„Denn unter anderem war auch meinem Vater geraten worden, meinen Willen ohne Zwang so zu leiten, daß ich aus eigenem Antrieb die Wissenschaften und meine Pflichten liebte, und meine Seele mit Liebe und Sanftmut zu bilden, ohne Strenge und Härte. Das ging bis zu der, möcht‘ ich sagen, Schwärmerei, daß, weil einige Menschen der Meinung sind, es schade dem zarten Gehirne der Kinder, wenn man sie des Morgens plötzlich und mit Gewalt aus dem Schlafe wecke, indem sie tiefer und fester schlafen als erwachsene Personen, er mich immer durch Musik aufwecken ließ und also beständig jemand im Dienste hatte, der ein Instrument spielen konnte.

Dieser Zug mag hinreichend sein, um vom übrigen zu urteilen, und auch die Fürsorge und zärtliche Liebe eines so guten Vaters zu preisen….Das was ich sah, sah ich richtig; und unter dieser schwerfälligen Komplexion unterhielt ich kühne Ideen und solche Meinungen, die über mein Alter gingen….

…so ließ sich endlich mein guter Vater bei seiner gewaltigen Furcht, ich möchte ihm mit einer Sache fehlschlagen, die ihm so sehr am Herzen lag, vom allgemeinen Wahne hinreißen,… und fügte sich in die gewöhnliche Weise; denn er hatte die Männer nicht mehr um sich, die ihm den ersten Erziehungsplan [also quasi die antiautoritären Grundsätze] an die Hand gegeben, den er aus Italien mitgebracht hatte, und sandte mich, da ich ungefähr sechs Jahre alt war, ins Guyenner Kolleg, das damals sehr blühend und das beste in Frankreich war. … Unterdessen war’s und blieb’s eine öffentliche Schule. Mein Latein ward von Stund an verdorben, und nachher hab‘ ich all meine Fertigkeit darin aus Mangel an Übung verloren. Und meine bisherige ungewöhnliche Erziehung diente weiter zu nichts, als mich gleich bei meiner Ankunft den Sprung in die ersten Klassen tun zu lassen. Denn mit dreizehn Jahren, da ich das Kollegium verließ, hatte ich meinen Kursum (wie sie es nennen) vollendet; und zwar ohne irgendeinen Nutzen, den ich gegenwärtig in Rechnung zu bringen wüsste.“

 

Montaignes Vorstellung einer guten Erziehung, einer guten Schule beschreibt er:

„Unter anderen aber hat mir die innere Einrichtung der meisten Erziehungsanstalten beständig missfallen… Es sind wahre Kerker der gefangenen Jugend. Man macht sie faul und liederlich, indem man sie als faul und liederlich bestraft, bevor sie es noch ist. Man komme nur in die Klassen beim Verhör der Lektionen! Da hört man nichts als Schreien der Kinder unter Schlägen und sieht, nichts als zorntrunkene Präzeptoren. Eine vortreffliche Art, den zarten und furchtsamen Seelen der Kinder Lust zum Lernen zu machen, sie mit fürchterlicher Kupfernase dazu anzuleiten, die Hände bewaffnet mit der gottlosen Rute von abscheulicher Gestalt. Hinzugefügt noch, was Quintilian darüber sehr richtig bemerkt hat, dass das hochgebietende Ansehen sehr gefährliche Folgen nach sich zieht und vorzüglich bei unserer Art der Züchtigung. Viel anständiger wäre es, wenn die Klassen mit Blumen und Blättern bestreut wären als mit Fasern von blutigen Birken.“

 

Ich bin überzeugt, dass diese ersten sechs Jahre Erziehung „ohne Zwang“ Michel de Montaigne zu einer inneren Unabhängigkeit, zur Toleranz und zur guten Skepsis gegenüber den Autoritäten und Dogmen befähigten, wie sie aus den folgenden Zitaten deutlich werden…. Sie wurden geschrieben in einer Zeit, in der die Scheiterhaufen brannten, in der es als gutes Werk galt, den Ketzer umzubringen.

 

„Das öffentliche Wohl verlangt, daß man verrate, daß man lüge und daß man metzele? Solche Aufträge wollen wir gehorsameren und geschmeidigeren Leuten überlassen.“

 

„Wenn ich mich an eine bestimmte Verhaltensweise gebunden fühle, zwinge ich sie deswegen nicht, wie jeder es mit der seinen tut, aller Welt auf; ich kann mir Tausende von entgegengesetzten Lebensformen vorstellen und für gut befinden.“

 

Beobachtet doch einmal, wie wir die Religion zu Wachs in unseren Händen machen, um aus einer so festen und eindeutigen Setzung so viele widersprüchliche Gebilde zu kneten! Die einen zerren sie nach links, die anderen nach rechts, die einen nennen sie weiß, die anderen schwarz, alle aber beuten sie auf gleiche Weise für ihre ehrgeizigen und gewalttätigen Unternehmungen aus.“

„Schaut euch an, mit welch erschreckender Unverschämtheit wir die göttlichen Glaubenssetzungen zu unserem Spielball machen.“

Ich bin bereit dem heiligen Michael eine Kerze zu stiften und dem Drachen auch eine. Wir nehmen unsere Religion nur auf unsere Weise und aus unsren eigenen Händen an und nicht anders, als die anderen Religionen angenommen werden: entweder, weil wir sie im Lande unserer Geburt als üblich vorfanden oder weil wir ihre Altehrwürdigkeit achten oder weil wir die Strafen fürchten, die sie den Ungläubigen androht, oder ihren Versprechen trauen. Ein anderer Himmelsstrich, andere Glaubenszeugen, ähnliche Verheißungen und Drohungen können uns auf dieselbe Weise einen entgegengesetzten Glauben einpflanzen. Christen sind wir im gleichen Sinne, wie wir Périgordiner oder Deutsche sind.“

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