Melancholische Erinnerung an meine Zeit als katholische Religionslehrerin

Wie ich schon bemerkt habe, bin ich gerade am Ausmisten. Darunter verstehe ich: Ein Ordner nach dem andern wird durchgesehen und dann beschließe ich, vorsichtshalber doch nichts wegzuwerfen.

Kürzlich bin ich auf eines meiner frühesten Druckerzeugnisse gestoßen, vom Mai 1977. Doch, doch, damals war der Buchdruck schon erfunden! Es ist ein Artikelchen (vermutlich in den Katechetischen Blättern), in dem ich als Religionslehrerin, die ich damals war, über eine Unterrichtseinheit berichte: „Da ist was Wahres dran – aber was? Über Schwierigkeiten im Umgang mit Texten aus der Bibel.“ Ein Jahr später, 1978,  hatte der Schulreferent der Diözese schon meine Kündigung auf dem Tisch.

Ich gehörte und gehöre e auch heute nicht zu jenen, die nach dem Abschied von Religion (und erst Recht von Kirchens) alles, was zur „Gegenseite“ gehört nur doof und blöd und gefährlich finden. Und meinen Artikel von damals und was ich da gemacht habe, finde ich sogar richtig gut.

Die Sache war die: Wenn ich mich recht erinnere, war es eine sechste oder siebte Klasse des Neuen Gymnasiums in Stuttgart –Feuerbach. Vielleicht war es auch die fünfte. Mir war klar geworden, dass die Kinder nicht verstanden, was an einer „erfundenen“ Geschichte wahr sein konnte, ja schon allein mit bildlichen Redensarten taten sie sich schwer. Ich erinnere mich noch, wie ich auf große Ratslosigkeit stieß, was der Ausdruck „Die Hose mit der Beißzange anziehen“ meinen könnte. O.K., das war jetzt auch nicht geschickteste Beispiel.

Kurz und gut: In einem ersten Schritt ließ ich die Kinder das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner ins Schwäbische übersetzen. Ein Mädchen (ich meine, ich sehe es noch so dunkel vor mir) lieferte Folgendes ab:

Jesus hät a mol zu a paar Leut gsait, dia sich emmer besser gfiehlt hen als de andere: “Zwoi Leut send en de Tempel gange. Dr oine war a Pharisäer, dr andere a Zöllner. Dr. Pharisäer hät sich vor de Altar gschtellt ond hät lais vor sich na beddet: ‚O Gott, freu i mi, daß i net so be wia dr Rescht dr Menscha. Dia send älle Räuber, Betrüger, Ehebrecher. Au dr Kerle, der Zöllner do, isch kei rechter Mensch. I eß zwoa mol en dr Woch nix. I geb 10% vo dem, was i verdean.‘  Dr Zöllner aber hät sich gschämt und hät dr Kopf hänge lau. Er hät sich mit dr Hand uf d’Bruscht gschlage ond hät gmoint: ‚Gott, verzeih mir bidde, daß i so lompig be.‘

I sag dr: Der do goht gerechtfertigt hoim, der do net. Jeder, der moint, daß er ebbes bessers ischt, ischt in Wirklichkeit der letschte Dreck. Wer aber moint, daß er dr letztschte Dreck isch, wird ebbes Bessers.“

Im nächsten Schritt bekamen die Kinder die Aufgabe, sich auszudenken wie es z.B. dazu kam, dass es auf der Welt Böses gibt. Eine Geschichte ging so:

Wie der Unfrieden auf die Welt kam

„Vor vielen Tausend Jahren ging es auf der Welt noch ganz schön und friedlich zu Die wenigen Menschen, die auf der Welt lebten, wohnten zusammen in einem kleinen friedlichen Dörflein. Sie mochten sich gegenseitig, obwohl jeder anders war als der andere, ein anderes Häuschen hatte und anders aussah. Da kam eines Tages ein Fremder in das Dorf. Die Menschen nahmen ihn freundlich bei sich auf, jeder einen Tag und eine Nacht lang. Als der Fremde bim zweiten Dorfbewohner eingeladen war, sagte er: ‚Du hast es recht hübsch hier. Aber die Leute, bei denen ich gestern eingeladen war, haben ein viel schöneres Haus als du.‘ Genau dasselbe erzählte er auch den anderen Dorfbewohnern, bei denen er eingeladen war. Und als er nach zwei Wochen das Dorf wieder verließ, war es um die Friedlichkeit geschehen. Zuerst kam der gegenseitige Neid und kurz darauf kam es zum Streit zwischen den Menschen. Zum Schluß sprach keiner mit dem anderen und wenn, dann nur mit bösen und streitsüchtigen Worten.“

… Die Paradiesgeschichte erzählt es auch  nicht viel anders, meine ich.

Diese Kinder von damals sind jetzt über fünfzig Jahre alt. Eine ganz merkwürdige Vorstellung.

So schade, dass wir nie mehr etwas voneinander hören werden.  

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