„Krankenhäuser schließen – Leben retten“

Es ging damals um eine Studie der Bertelsmannstiftung und die Tagesschau berichtete:

„Empfehlung einer Studie:  Zahl der Kliniken soll deutlich reduziert werden

600 statt 1750 Krankenhäuser würden einer Studie zufolge in Deutschland ausreichen. Denn im OP zähle vor allem Erfahrung. Und die wäre in wenigen großen Kliniken besser gebündelt als in vielen kleinen.“

 

Es ist nicht alles bullshit, was in der Bertelsmann-Studie oder in dem berühmten Thesenpapier der Leopoldina von 2016 steht. Und ich gebe zu, ich habe eine etwas pointierte Auswahl getroffen. Aber: gesagt ist gesagt!

Worum es mir geht: Leute, nehmt „die Experten ernst, aber bitte, bitte: nehmt  nicht ungeprüft für bare Münze, was die „Experten“ euch so alles erzählen!  Gebraucht euren eigenen Verstand!  Lasst euch nicht von Titeln etc. beeindrucken! Rechnet immer damit, dass auch „Experten“ auf einer Modewelle schwimmen!

Es ist so ein bisschen mein Hobby, „Expertenmeinungen“  ein paar Jahre später wieder anzuschauen und zu überprüfen: Was ist daraus geworden und wie sehen wir das heute? Manchmal – wie hier, bei der Bertelsmann-Studie – braucht es zur (partiellen) Falsifikation noch nicht mal Jahre, sondern nur Monate. 

Worüber ich nachdenke: Könnte es sein, dass wir in Deutschland nicht deshalb einen – verglichen mit anderen Ländern – bis jetzt wenigstens einen vergleichsweise glimpflichen Verlaufder Corona-Krise haben, obwohl wir den Expertenmeinungen im Falle von Krankenhausschließungen nicht gefolgt sind….. Könnte ja sein und könnte auch sein, dass das noch in anderen Fällen gilt.

Aber nun zur Leopoldina (Das ist DIE „Akademie der Wissenschaften“, die derzeit Empfehlungen zum Umgang mit Corona herausgibt https://www.leopoldina.org/uploads/tx_leopublication/2020-03-21_Leopoldina_Coronavirus-Pandemie_in_Deutschland_01.pdf : mit hübschen Forderungen wie “ sowie einer gezielten Kapazitätserhöhung im öffentlichen Gesundheitswesen und im Versorgungssystem“ aufwartet. 

Wir schreiben das Jahr 2016 …. Noch nicht so lange her, oder?

Im „Thesenpapier“ der Leopoldina  – vom Januar 2016  „Zum Verhältnis von Medizin und Ökonomie im deutschen Gesundheitssystem Dokumentation des Symposiums am 21.Januar 2016“ (https://www.leopoldina.org/uploads/tx_leopublication/Leo_Diskussion_MuOe_Dokumentation.pdf ) , das selbige inzwischen nicht mehr so oder nicht ganz so oder vielleicht ganz anders gemeint haben will, lesen wir unter der Überschrift „

„Gesundheitswirtschaft–ökonomisches Denken–Kosteneffektivität“:

  • Es sollte grundsätzlich eine Kosten-Nutzen-Analyse von Maßnahmen erfolgen, die neu in das System kommen und in den Leistungskatalog aufgenommen werden sollen. Zentrale Gesichtspunkte sind Kosteneffektivität und die Frage, ob die jeweilige Maßnahme im Sinne des Patienten notwendig ist. Dies birgt auch Einsparungspotential……
  • Die Ärzteschaft sollte ökonomisch stärker sensibilisiert werden, um eine zu-nehmende Fremdbestimmung zu vermeiden.
  • Das öffentliche Problembewusstsein für Überversorgung aber auch die gesellschaftliche Gesundheitskompetenz sollten gestärkt werden, um die verschiedenen Aspekte besser beurteilen zu können.“

….

Unter der Überschrift „

„Mehr Geld in das System? Weniger Markt? Stärkere Vernetzung?“

ist zu lesen:

„Ziel darf es nicht sein, die Krankenhäuser generell mit mehr Geld auszustatten….. Wir leisten uns eine Überversorgung, innerhalb derer die einzelnen Akteure nicht über genügend Geld verfügen. DieAlternativen sind: entweder den Akteuren mehr Geld zu geben, mit dem Ergebnis, dass die Überversorgung steigt. Oder man reduziert die Überversorgung bei vorhandenen Mitteln. Eine Möglichkeit dazu wäre es, die Zahl der Krankenhäuser zu reduzieren

 

Hübsch ist auch der Satz: „Würden wir die dänische Krankenhausdichte auf Deutschland übertragen, hätten wir nur etwa 320 Krankenhäuser…. Ein grundlegendes Problem ist damit, dass in Deutschland zu viele Häuser vorhanden sind.“

 

 

Die Presse griff das Thesenpapier auf – nun, ich will nicht sagen „begierig“ aber doch (wie es sich „Expertenmeinungen“ gegenüber gehört) mit großem Respekt.

 

Die Süddeutsche Zeitung am 26.10 2016 (https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/medizin-wissenschaftler-halten-1300-kliniken-fuer-ueberfluessig-1.3221646)

 :

„Medizin:Wissenschaftler halten 1300 Kliniken für überflüssig“

Und präzisiert:

„In der Debatte über den Strukturwandel im deutschen Gesundheitswesen hat sich die Nationale Akademie der Wissenschaften zu Wort gemeldet: In einem umfassenden Thesenpapier beschreiben sechs Medizin- und Public Health-Experten, was mit Blick auf eine gute und zugleich wirtschaftliche Versorgung von Patienten für eine baldige Genesung der Krankenhauslandschaft vonnöten wäre.

 

  • Von den mehr als 1600 allgemeinen Krankenhäusern in Deutschland könne der Großteil weg, sagt die Nationale Akademie der Wissenschaften.
  • Deutsche Kliniken arbeiteten weder wirtschaftlich noch im Sinne der Patientengesundheit, schreiben die Wissenschaftler.
  • Kern des Problems sei die strukturelle Verdünnung medizinischer Kompetenz durch zu viele Einrichtungen.

 

Es ist ein radikaler, wenn auch nicht völlig neuer Vorschlag, den die Vertreter der deutschen Wissenschaft hier machen. Unter dem Stichwort „Bettenabbau“ soll eine verringerte Aufnahmekapazität seit den 1990er-Jahren Geld-, Personal- und Qualitätsprobleme der Kliniken zumindest anteilig lösen. Tatsächlich ist die Zahl der Klinikbetten seit 1991 um ein Viertel gesunken. Die Zahl der Einrichtungen hat um ein Fünftel abgenommen. Trotzdem arbeiten deutsche Kliniken weder wirtschaftlich noch im Sinne der Patientengesundheit, schreiben die Wissenschaftler.“

 

!!!!!!Und natürlich: „Qualifiziertes medizinisches Personal ist derzeit im Grunde ausreichend vorhanden“!!!!!

 

 

Am 3.11.2016 konnte man in der „Zeit“ lesen (https://www.zeit.de/2016/46/krankenhaeuser-ueberfluss-gesundheitssystem-reform) :

Gesundheitssystem: Umbau dringend nötig

Forscher plädieren für eine Reform des Gesundheitssystems. Sind achtzig Prozent der Krankenhäuser überflüssig?

Von Harro Albrecht

 

….Bereits vor ein paar Jahren hatte die Kassenärztliche Vereinigung dem Bürgermeister von Lindenfels vorgerechnet, dass das dortige Luise Klinikum nicht rentabel sei. Im Vorderen Odenwald herrsche – rein statistisch – ärztliche Überversorgung. In den umliegenden Städten, in Bensheim, Erbach oder Weinheim, gebe es ausreichend Krankenhäuser. Und mit zuletzt nur noch 45 Betten sei das hundert Jahre alte Klinikum schlicht zu klein. Und so segnete das Krankenhaus, nach langem Leiden und vielen Bürgerprotesten, im Juli das Zeitliche. Nun müssen kranke Lindenfelser 18 Kilometer in die nächste Klinik fahren.

Der Fall ist symptomatisch. Schon lange ist es das erklärte Ziel der Gesundheitspolitik, die Zahl der deutschen Krankenhäuser zu senken. Mehr als 20 Prozent aller Betten wurden in den vergangenen 20 Jahren hierzulande abgebaut, derzeit gibt es noch etwas mehr als 2.000 Krankenhäuser im Land. Doch das seien noch immer viel zu viele, beklagt nun eine Stellungnahme der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Das deutsche System sei teuer und liefere im internationalen Vergleich nur mittelmäßige Ergebnisse, schreiben die Verfasser und plädieren für radikale Schnitte: Im Nachbarland Dänemark zum Beispiel gebe es sehr viel weniger Krankenhäuser, die Gesundheitskosten seien deutlich niedriger – und trotzdem sei die Gesundheitsbilanz vorbildlich gut. Hätte man eine vergleichbare Krankenhausstruktur, so die Leopoldina-Autoren, gäbe es in Deutschland nur 330 Krankenhäuser.“

Na, ich möchte nicht wissen, welcher Shitstorm losginge, wenn dieselben Worte heute – in Zeiten des „koste es, was es wolle“ als „Expertenmeinung“ verkündet würden!

 

 

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