In Zeiten von Boris Johnson…

…ist es gut, sich daran zu erinnern, dass es auch andere Briten gibt.

John Maynard Keynes ist zwar schon eine Weile tot, aber erst jetzt habe ich „Dr. Melchior. Ein besiegter Feind“ gelesen, ein gerade mal 60 Seiten langer Bericht von Keynes aus dem Jahr 1920, in dem er von den Waffenstillstandsverhandlungen 1919 berichtet. Er gehörte damals zur britischen Verhandlungsdelegation. Das wusste ich nicht. Vielmehr kannte ich Keynes seit meinem Theologiestudium (ja! Theologiestudium) als Wirtschaftswissenschaftler: Damals gab es in Würzburg einen guten Sozialethiker, Wilhelm Dreier, der uns mit Zusammenhängen der Wirtschaft – und da eben auch mit Keynes – vertraut machte. Was ich von Keynes mitgenommen habe, immunisierte mich lebenslänglich gegen einen dummen Wirtschaftsliberalismus mit dem religiösen Glauben an die Unfehlbarkeit des Marktes und die Anbetung der „Schwarzen Null“ im Staatshaushalt.. Aber das führt jetzt zu weit. Eigentlich schade… 

Ich hatte vor längerem auf dieser Website mal ein kleines Artikelchen „Ein Hoch den Brückenbauern“ geschrieben – da ging es auch um den Brexit und es ist wohl nicht ganz verkehrt zu sagen: Als ich das schrieb, standen wir nahe am Abgrund. Heute sind wir einen Schritt weiter.

Keynes war so ein Brückenbauer. Der leibhaftige Beweis, dass Vernunft, Klugheit und Moral zusammengehören. Und was ich persönlich besonders schön finde (auch wenn es nicht notwendig ist): Auch ein hochmoralischer Mensch kann witzig sein. Keynes beschreibt die Situation bei den Waffenstillstands-/Friedensverhandlungen scharfzüngig, das Ränkespiel, die geistige Beschränktheit, den Dilettantismus, die Eitelkeiten und Egoismen der teilnehmenden „Großkopfeten“, der Präsidenten, Marschälle, Admiräle, Minister respektlos, egal ob sie zu den Alliierten oder den Geschlagenen gehörten. Das ist so blamabel – für jede Seite – und bestätigt mal wieder eins meiner Lieblingszitate: „Du ahnst nicht, mein Sohn, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird.“ Das stammt vom schwedischen Staatsmann Oxenstierna, der nun auch schon über 300 Jahre tot ist, aber es gibt nicht den geringsten Grund anzunehmen, dass sich seither irgendwas zum Positiven verändert hat. Es kann, es muss einem angst und bange sein und es ist nur verwunderlich, wie viel dann doch gut geht. Was eben damit zu tun hat, dass es immer auch redlich denkende, großzügige, weitsichtige Menschen gibt, die fähig sind – so wie Keynes (in der komfortableren Position des „Siegers“) und Dr. Melchior – Mitglied der deutschen Delegation und somit ein Geschlagener – weniger „über ihren Schatten“ als über die Gräben zu springen, Ressentiments beiseite zu lassen, einander zu vertrauen und an nichts anderem orientiert zu sein, als gemeinsam ein gutes Ziel zu erreichen. Dazu gehört Mut, denn ohne Missachtung des „Comments“ der eigenen Seite, ohne Übertretung von Vorschriften geht das nicht.

Da fällt mir ein: In der alten k.u.k. Monarchie gab es einen Orden, der denjenigen verliehen wurde, die sich im Kriegsfall über den Befehl eines Vorgesetzten hinwegsetzten – vorausgesetzt, sie waren erfolgreich. Wenn nicht, wurden sie vermutlich standrechtlich erschossen. Immerhin: Die Idee, dass jemand für Befehlsübertretung einen Orden bekommen kann, zeugt von einer Weisheit, die inzwischen abhandengekommen ist.    

 

Die Situation 1919 war – sehr vereinfacht gesagt: Gegen Deutschland bestand seit Jahren ein Embargo. Zwischen 1914 und 1918 starben infolgedessen 800 000 Menschen an Hunger und Folgen der Unterernährung. Das Embargo bestand nach der Kapitulation weiter und forderte nochmals 100 000 Menschenleben..

Ein teils kleinliches, teils bösartiges Gezänk auf Seiten der Alliierten und eine falsche, überhebliche Einschätzung der eigenen Verhandlungsposition auf Seiten der Deutschen ließen Wochen um Wochen ins Land gehen. Die Hungerkatastrophe war kaum noch zu vermeiden – und mit ihr der Zusammenbruch der staatlichen Ordnung in Deutschland, mit allen Möglichkeiten, die seit der Oktoberrevolution 1917 in Russland zu besichtigen waren. Keynes (und etliche andere in der britischen und amerikanischen Delegation, weniger bis gar nicht in der französischen) sah beides: Die Frage der Moral und die Frage der politischen Konsequenzen.

Das ist für mich so ein Beispiel dafür, dass das Moralische vernünftig und das Vernünftige moralisch ist…

 

Ich möchte nun Keynes selbst etwas ausführlicher zu Wort kommen lassen. Da er seit 1946 tot ist, kollidiert das nicht mit dem Urheberrecht, wobei ich die Petitesse außer Acht lasse, dass das Urheberrecht des Übersetzers (Joachim Kalka) ebenfalls erst 70 Jahre nach dessen Tod endet. Und da er Jahrgang 1948 ist…  Hm. Il faut prendre des risques…. Ich verbuche es einfach mal unter Werbung für das Büchlein „John Maynard Keynes, Freund und Feind. Zwei Erinnerungen. Aus dem Englischen von Joachim Kalka mit einer Einleitung von Dorothea Hauser, Berlin,42015.

Keynes beginnt ungefähr so:

Als ich schließlich Anfang Januar 1919 in Paris ankam, war es wie erwartet: Niemand hatte eine Ahnung, was die Konferenz eigentlich machte oder ob sie schon begonnen hatte…. Die Sicherheitsbeamten von Scotland Yard verbrannten jenen Teil des Inhalts er Papierkörbe, an dem die Putzfrauen nicht interessiert gewesen waren, viel scheinhafte Geschäftigkeit zirkulierte in roten Aktenschachteln, und der fieberhafte, hartnäckige, langweilige Klatsch des infernalischen Ortes hatte schon sein ganz eigenes Aroma von Kleingeistigkeit, Zynismus, Wichtigtuerei und gelangweilter Anspannung entwickelt, das er nie verlieren sollte.“ (S.32)

Ich fürchte, das ist eine bis heute zutreffende Skizzierung für bedeutsame politische Konferenzen und für die Arbeit der Geheimdienste.

Das britische Delegationsmitglied Admiral Browning beschreibt er als einen „überaus mürrischen und ignoranten alten Seebären, der anstelle der einen Hand in ehrwürdigster nautischer Tradition tatsächlich einen richtigen großen Haken trug und keinen einzigen anderen Gedanken im Kopf hatte als die Ausrottung und weitere Demütigung eines verachteten und besiegten Feindes.“

Die deutsche Delegation mit Erzberger, der Leiter der Verhandlungsdelegation für die Waffenstillstandsverhandlungen auf deutscher Seite (er wurde 1921 ganz nahe von meinem Wohnort ermordet), bekommt auch ihr Fett weg: „Bei ihm [Erzberger] war ein General, der das Eiserne Kreuz um den Hals hatte und in Gesicht und Figur außerordentliche Ähnlichkeit mit dem Schwein in Alice im Wunderland besaß. Als Gruppe bestätigten sie in großartiger Weise das populäre Klischee von den ‚Hunnen‘“. (S.39)

In diesem „traurige(n) Verein… mit knittrigen, niedergeschlagenen Gesichtern und müde starrenden Augen“ entdeckte Keynes einen, der anders war: „… ein sehr kleiner Mann… von exquisiter Sauberkeit, sehr gut und sorgfältig gekleidet… mit Augen, die uns glänzend anblickten und in denen eine ungewöhnliche Trauer stand und doch auch der Ausdruck eines ehrlichen Tieres, das der Jäger in die Enge getrieben hat. Das war er, mit dem ich in den folgenden Monaten eine der denkbar seltsamsten Intimitäten auf der Welt erleben sollte, mit dem ich einige sehr merkwürdige Erfahrungen machen würde – Dr. Melchior.“ (S.40f.)

Scharfsichtig, scharfzüngig und gleichzeitig ‚menschenfreundlich‘: dafür liebe ich Keynes. Denn dies macht seine Unbestechlichkeit aus: keine Schubladen, in die Freund und Feind gesteckt werden, keinen falschen Respekt vor Zelebritäten, aber Respekt vor jedem, der aufrichtig ist – und dazu nicht gerade wenig Selbstironie. Ob die Beziehung zu Dr. Melchior über die (teils konspirative) Zusammenarbeit hinausging, die das gemeinsame Ziel verfolgte einen Ausweg aus der durch Hardliner verschiedener Couleur verfahrenen Situation zu finden, bleibt offen. Es gibt ein, zwei Andeutungen von Keynes, die auf eine Liebesbeziehung schließen lassen könnten.

Egal. Für Keynes (und Melchior) war klar: „Die Friedensverhandlungen mochten sich offensichtlich noch Monate hinziehen, und in der Zwischenzeit mußte es das Hauptziel der Politik sein, irgendeinen Weg zu finden, um Deutschland zu ernähren. Es lag auf der Hand, daß es niemandem nützen würden, wenn die Struktur des deutschen States zusammenbrach und wenn die zügellose Unordnung unter den widerstreitenden Fahnen des Kommunismus und er Reaktion den Rest Europas auf der anderen Rheinseite ausplünderte.“ (S.44f.)   

Da geht es einerseits um schlichte politische Klugheit und es geht um Humanität. Es gab durchaus nicht wenige in den Delegationen, die diese Klugheit und Humanität besaßen (neben Borniertheit, dumpfem Hass und Vernichtungswillen).

Aber das ist im politischen Geschäft nicht alles. Da geht es noch um ganz andere Interessen. Keynes schildert das sehr hübsch: „Ich habe gesagt, dass der Präsident [Wilson] mit erhabener Rhetorik sprach, aber die Beweggründe der Menschen sind gemischt. Dicht neben ihm saß Mr. Hoover…“ Dieser Herbert Hoover, der später auch mal US-Präsident wurde, war als von Wilson 1917 eingesetzter Food Administrator den amerikanischen Farmern verpflichtet, bei denen es gerade eine verheerende Überkapazität von Schweinen gab. Keynes schrieb in seinem Bericht an seinen Schatzkanzler: “Was den Schweinespeck angeht, haben die Amerikaner vorgeschlagen, wir sollten die großen Mengen geringwertigen Specks, die wir im Augenblick haben, nach Deutschland abschieben… Dies wäre für uns sicher ein gutes Geschäft, vom Standpunkt der Lebensmittelversorgung aus gesehen…. Wenn Mr. Hoover nachts schläft, schweben Visionen von unübersehbaren Schweineherden über seine Bettdecke und er gibt ganz offen zu, daß dieser Alptraum allen Risiken zum Trotz vertrieben werden muß.“ (S. 46f.)

Tja… so sieht das aus – heute wie damals – wenn es um ‚die Sache‘ geht. Von welchen Zufälligkeiten hängen Schicksale ab. Soll man zynisch werden? Soll man resignieren?

Keynes tut weder das eine noch das andere. Sondern er brilliert bei allem Ernst mit herrlichen Miniaturen. Ich glaube, manchmal ist die Distanz durch Humor und Ironie die einzige Rettung.

„Inzwischen verging die Zeit, und der Zusammenbruch der Nahrungsversorgung in Deutschland rückte täglich näher. Endlose Diskussionen im Obersten Wirtschaftsrat führten zu nichts… Nichts würde geschehen, ehe nicht die Aufmerksamkeit der großen Fünf sich der Sache zuwandte. Doch die waren anderweitig beschäftigt. Sie hatten soeben drei Nachmittage mit Diskussionen verbracht, wie viele Stimmen Brasilien in einem Unterausschuß haben sollte, in dem Fragen nicht durch Abstimmung entschieden wurden… Etwa um diese Zeit soll der Emir Feisal in Monsieur Pichons Kabinett, unbeeindruckt von den nackten Reizen von Rubens‘ Marie de Médicis, ein Kapitel des Koran vorgetragen haben…“(S.62).  Keynes beschreibt er einen französischen Grafen, der behauptete Englisch perfekt zu sprechen, aber in Wahrheit kein Wort verstand: „So blieb ihm nur, seine eigene lange Nase zu fixieren, einen langen Finger daran zu legen und in unangemessenen Augenblicken zu sagen: ‚Für meinen eigenen Teil protestiere ich…“ (S.52) Oder er fühlte sich beim Anblick des Repräsentanten der Reichsbank an einen alten, defekten Regenschirm erinnert und meinte, dass er „gleich am Anfang den Faden der Konferenz [verlor] und… ihn nie mehr wieder [fand], aber er war eifrig bereit, zu bestätigen, was immer Melchior vorgab.“ (S.53) Das zeugt immerhin von menschlicher Größe. Die wenigsten, die keinen Durchblick haben, merken das. Und wenn doch, pflegen sie alles andere zu tun, als sich jemandem mit Durchblick zu unterwerfen.  

Melchior hinwiederum – so Keynes – hätte „den außerordentlichen Eindruck“ hinterlassen, „daß er wahrhaftig war“. (S.53) Was mit Keynes Verhalten korrespondiert: „Ich legte die Vereinbarungen nieder und versuchte in allen Details vollkommen fair zu sein. Sie [die Deutschen] waren erfreut, glaube ich sie spürten, daß die Atmosphäre nicht ganz und gar unfreundlich war; und begannen zu glauben…. daß doch eine Chance bestand, man würde sie fair behandeln.“ (S.55)  

Das – so will mir scheinen – bleibt der Schlüssel zum Erfolg. Zu einem dauerhaften Erfolg. Der Versailler Vertrag konnte diesen Erfolg nicht haben, denn dazu hätte es mehr bedurft als der Aufrichtigkeit Melchiors und der Fairness von Keynes. An den Folgen haben wir noch heute zu tragen. „Wann wird man je verstehen?“, sang Marlene Dietrich.  

Nochmal den Titel des Büchleins. John Maynard Keynes, Freund und Feind. Zwei Erinnerungen. Aus dem Englischen von Joachim Kalka mit einer Einleitung von Dorothea Hauser, Berlin,42015. Vielleicht schickt jemand eine englische Ausgabe an Boris Johnson. 

 

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