Heimatlos! Gaucks Aufruf an die CDU, Asyl zu gewähren

Am 15.6. wurde vermeldet, dass Ex-Bundespräsident Gauck sich folgendermaßen geäußert hat:

„Wir müssen zwischen rechts – im Sinne von konservativ – und rechtsextremistisch oder rechtsradikal unterscheiden“, so Gauck. Er vertrat die Ansicht, die CDU müsse für einen bestimmten Typus des Konservativen wieder eine Heimat werden. Das gelte für Menschen, für die Sicherheit und gesellschaftliche Konformität wichtiger seien als Freiheit, Offenheit und Pluralität.

Früher seien diese Menschen in der CDU/CSU von Alfred Dregger und Franz Josef Strauß beheimatet gewesen. „Doch seitdem die CDU sozialdemokratischer wurde, sind die heimatlos geworden.“ ( https://www.tagesschau.de/inland/gauck-toleranz-rechts-101.html )

Ferienbedingt kann ich meinen Senf erst heute dazugeben:

Was ist vielleicht eine Logik!

Zunächst hätte ich gern eine Präzisierung, was Gauck in diesem Fall mit „wichtiger als“ meint. Sicherheit ist diesen Menschen ein bisschen wichtiger als Freiheit? Gesellschaftliche Konformität ziemlich viel wichtiger als Pluralität?  Oder meint Gauck mit dieser Beschreibung auch Menschen, denen Sicherheit (auch über diesen Begriff könnte man lange diskutieren) und gesellschaftliche Konformität grundsätzlich wichtiger sind als Freiheit, Offenheit und Pluralität – ja, die die vielleicht finden, letzteres brauche es nicht?

Dann: Was versteht Gauck unter einer „sozialdemokratischer“ gewordenen CDU?  Dass Freiheit, Offenheit und Pluralität spezifisch sozialdemokratische Werte sind? Na, liebe Genossen, diese Steilvorlage solltet Ihr Euch nicht entgehen lassen!    

So. Und jetzt kommt der emotional hochbesetzte Begriff „Heimat“ ins Spiel. „Heimatlos“ seien die Anhänger der Sicherheit und Konformität geworden. Heimatvertriebene, Flüchtlinge, die irgendwo Asyl suchen. Und Gauck appelliert an die CDU, die Grenzen zu öffnen. „Wir schaffen das!“ Diesen Satz seiner Parteifreundin würden Gaucks Heimatvertrieben allerdings eher nicht auf andere Vertriebene als sie selbst angewandt wissen wollen, nehme ich an.

Der Verweis auf Dregger und Strauß lässt fragen, ob es (mindestens in der CDU) keine Entwicklung geben darf, hinter die man nicht mehr zurück geht. Sieht Gauck es so ähnlich wie der damalige CDU-Ministerpräsidenten Filbinger es 1978 angesichts seiner als Marinerichter gefällten Todesurteile äußerte: „Was damals Rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein!“? 

Das sei jetzt arg polemisch formuliert? Aber genau um die Frage geht es. Aber meinetwegen, ich formuliere milder: Gilt etwa „Was damals Mainstream war, kann niemals obsolet werden?“ Gibt es keinen Erkenntnis- keinen Entwicklungsfortschritt, hinter den man nicht mehr zurückfallen darf? Für wen alles soll die CDU Heimat sein? Für die Gegner der Gleichberechtigung (das war wenigstens bis in die 60er Jahre eine Domäne der CDU, ich nenne stellvertretend nur CDU-Familienminister Wuermeling ), für die Anhänger der Todesstrafe (wie jener CDU-Justizminister, der von Herbert Wehner mit dem Titel „Kopf-ab-Jäger“ tituliert wurde). Zu Zeiten von Strauß und Dregger wurden die jungen Männer, die gesellschaftlich unkonform ihre Haarmähne etwas länger trugen „Gammler“ genannt und mit dem Spruch bedacht „Euch hätte man unter Hitler vergast!“ Wer den Wehrdienst verweigerte, galt als Drückeberger, wer Atombomben irgendwie für ethisch nicht vertretbar hielt, war ein verkappter Kommunist und solle doch bitte umgehend nach „drüben“ gehen…. Ach da fällt mir ein, Sie Herr Gauck, könnten als ehemaliger DDR-Bürger sicher auch noch einiges zur Frage „Sicherheit und Konformität“ beisteuern. Da gibt es vielleicht auch noch einige „heimatlos“ Gewordene. Aber lassen wir das, Beispiele aus Westdeutschland reichen aus: Wer schwul war, dem drohte Gefängnis, ein Paar, das unverheiratet zusammenleben wollte, bekam keine Wohnung, weil die Überlassung von Wohnraum den Straftatbestand der Kuppelei erfüllte. Die Pille sollte nach gängiger CDU-Meinung höchstens verheirateten Frauen verschrieben werden.

Ach, Herr Gauck, so haben Sie das nicht gemeint, und dahin soll die CDU ganz gewiss nicht zurück? Leute mit solchen Standpunkten dann lieber doch nicht? Ja, aber wie denn dann?

Vielleicht macht die CDU ihre Arme ganz weit auf und gibt auch denen ein Plätzchen, die noch glauben, dass sich die Sonne um die Erde dreht. Wobei… das wäre dann doch noch verkraftbar.    

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