Die Welt ist voller Gläubigen

Juni 2018

„Je mehr eine Kultur begreift, dass ihr aktuelles Weltbild eine Fiktion ist, desto höher ist ihr wissenschaftliches Niveau.“ (Albert Einstein)
Zunächst einmal glaube ich, dass ich gleich Ärger mit etlichen Leserinnen und Lesern des hpd bekommen werde. Das ist mir keineswegs egal, denn ich bin druckempfindlich. Aber noch empfindlicher bin ich gegen den Aberglauben, dass „gläubig“ immer nur die anderen seien, wohingegen man selbst streng wissenschaftlich, absolut aufgeklärt, rein rational zu Werke gehe und deshalb befugt, auf die Tumben herabzuschauen.
Ich plädiere für den Zweifel. Den Selbst-Zweifel.
Vor ein paar Monaten sprach ich mit einem Mitarbeiter eines größeren Finanzdienstleisters. Er wusste nicht, ob er lachen, weinen oder einfach nur den Kopf schütteln sollte: Der Vorstand habe dem Unternehmen Agilität (sprich: Ädschility) verordnet und jeder, der nicht agil genug sei, um sich bis drei in Sicherheit zu bringen, finde sich in einschlägigen Seminaren wieder. Was mein Gegenüber aus der Fassung brachte, waren die leuchtenden Augen der gesamten Vorstandsriege: Agilität – der Stein der Weisen, die Tür zum unternehmerischen Paradies, die Antwort auf alle Fragen. „Das Schlimme ist, die glauben daran! Da gibt es keine kritische Frage. Sondern die sind überzeugt: wenn alle agil sind, hat sich der schwerfällige Tanker in eine schnittige Segeljacht verwandelt.“ Und alles, alles ist gut. ( Wer sich informieren will und dabei feststellen kann, wie die Argumente denen ähneln, die man aus der Diskussion um religiöse Fragen kennt: http://www.manager-magazin.de/unternehmen/karriere/agilitaet-warum-der-management-hype-zu-kurz-greift-a-1157342.html versus https://blog.borisgloger.com/2017/08/02/greift-der-management-hype-agilitaet-zu-kurz/)
Wir witzelten ein bisschen, wie der zwanghafte Herr Meier grübelt, ob er besser so oder doch lieber anders agil sein sollte, wie Frau Lehmann, bei der Schnelligkeit schon immer vor Gründlichkeit gegangen war, sich legitimiert fühlt, noch ein bisschen schludriger zu sein, und Herr Weber ganz agil seine Kollegin ausbootet. Unterdessen hatte der Agilitäts-Coach schon wieder etliche Euros verdient (Tagessatz dem Vernehmen nach 4000 Euro).
Ich weiß die Vorteile meines hohen Alters zu schätzen: Was habe ich schon kommen und gehen sehen, neue Moden, Glaubenssysteme, endgültige Lösungen, definitive wissenschaftliche Erkenntnisse! Und wie oft bin ich selbst „gläubig“ gewesen! Lebenserfahrung sollte eigentlich wie Impfschutz wirken: „Die Wissenschaft von heute ist der Irrtum von morgen.“ (Jakob Johann von Uexküll).
Auch Bankenvorstände und andere sich der Elite zuzählende Persönlichkeiten sind nicht gerade erst der Pubertät entronnen. Trotzdem: nicht anders als Lieschen Müller auf die neueste Diät oder Bachblüten abfährt, so fahren die Großkopfeten gläubig auf den nächsten dernier cri ab. (Wahrscheinlich ist auch die Unterscheidung zwischen Lieschen Müller und den Eliten unter der Rubrik „Aberglauben“ zu verbuchen.)
Warum das so ist? Ich glaube (schon wieder!), dass wir alle (alle!) Sehnsucht nach einfachen Antworten, endgültige Lösungen haben – und eine Abneigung gegen die Komplexität des „Einerseits – andererseits“, „Sowohl-als-auch“, gegen die Denkmöglichkeit „Es könnte aber auch ganz anders sein“.
Gegen diese menschliche Konstante wappnet „die Wissenschaft“ keineswegs. Manchmal meine ich: Gerade die nicht! Egal, welches Gebiet man nimmt. Ich fange mit dem an, was ich am besten kenne: Mit den Verhaltenswissenschaften. Näherhin bin ich Psychoanalytikerin und verdenke es niemandem, wenn er der Psychoanalyse die „Wissenschaftlichkeit“ abstreitet. Aber trotzdem finde ich sie hilfreicher als vieles, was ich sonst kenne. Ich weiß um die Geschichte ihrer Irrtümer, Irrwege: Als ich anfing, hatte ich sehr viel Unsinn über das Wesen der Frau zu lernen. Damals fing gerade an zu dämmern, dass es auch realen Inzest gibt – wohingegen die gängige analytische Theorie war, dies würden kleine Mädchen in der ödipalen Phase fantasieren. (Übrigens glaubten Juristen Ähnliches.) Auf einem Kongress damals stellte eine Analytikerin einen Fall von realem Missbrauch vor. In der Diskussion wurde ihr mangelnde Gründlichkeit bei ihrer Arbeit vorgeworfen, denn sonst hätte sich das Ganze als Wunschdenken der Patientin herausgestellt.
Dann kamen die kognitive Psychologie und die kognitive Verhaltenstherapie, deren Konstrukte anfangs von betörender Schlichtheit waren. Sie kamen mit dem ganzen Elan der Reformation und dem Versprechen, dasselbe besser zu machen als die gegnerische Konfession, und zwar in einem Bruchteil der Zeit. Damals „heilte“ die Verhaltenstherapie Homosexualität mit „aversiven Reizen“, nämlich Elektroschocks. Nebenbei: Die WHO entfernte Homosexualität im Jahr 1992 aus dem Katalog der Krankheiten.
Nach einer Phase des erbitterten Religionskriegs machen Analyse und Verhaltenstherapie jetzt auf Ökumene. Gibt auch genug gemeinsame Gegner: Irgendwann bekam ich einen Schreck, weil mit „Prozac“ angeblich nicht nur ein Wundermittel gegen Depression (à la „wisch und weg“), sondern explizit eine „Glückspille“ entwickelt worden war. Meine psychiatrischen Kollegen beruhigten mich, ich würde nicht arbeitslos. So war es. Das Glück wollte sich nämlich nicht einstellen und etliche Jugendliche begingen nach Einnahme des Wundermittels Suizid.
Insgesamt wogte und wogt es hin und her „alles (sozial) umweltbedingt“ bzw. „alles psychisch“ (was ist eigentlich aus der „Krebspersönlichkeit“ geworden, bei der Neurotizismus in Krebs umschlägt?) bis zu „alles genetisch“. So steht man seit etwa 15 Jahren unmittelbar vor der Entdeckung des Depressions- und Magersuchtgens, und ich hoffe nur, dass die Zeit bis zur Entdeckung gut genutzt wird, um zu überlegen, was daraus folgt.
Die Medizin – eine unerschöpfliche Fundgrube für wissenschaftlich gesicherte Glaubenssätze, die sich inzwischen als Blödsinn erwiesen haben. Die Wirtschaftswissenschaft, die sich als Schwester der Mathematik geriert und nach meiner unmaßgeblichen Meinung der Astrologie häufig näher steht.
Den Heilsversprechen der Gentechnologie und Neurobiologie wird es nicht anders ergehen als jenen der Atomtechnologie. Erinnert sich noch jemand? Unerschöpfliche Energie, billig, sauber, die Lösung für Entwicklungsländer. Atomgetriebene Flugzeuge, Schiffe, Autos (Bill Gates brachte sie vor wenigen Jahren wieder ins Spiel, aber die Industrie winkte ab), Baby-Reaktoren für den kleinen Haushalt. Wer Einwände äußerte, zählte zu den geistig Beschränkten, die – hoho – glaubten, Strom käme aus er Steckdose! Erklärt mir mal jemand den qualitativen Unterschied zu den Visionen vom „gelobten Land“, in dem Milch und Honig fließen?
Wieso ist es so unglaublich schwer, zu extrapolieren? Wenn sich in der Vergangenheit so häufig als Irrtum herausgestellt hatte, was zuvor Allgemeingültigkeit besessen hat, wenn wir heute belächeln, woran wir vor zwanzig, dreißig Jahren glaubten – wieso soll das ausgerechnet jetzt aufhören? Wie komme ich drauf, dass meine Kinder und Kindeskinder nicht genauso herzlich über mich lachen werden wie ich über meine Eltern?
Worauf will ich hinaus? Natürlich auf Immanuel Kant! „ Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt und so weiter, so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“
Es ist anstrengend, sich nicht bei „Experten“ anlehnen zu können, Verantwortung nicht vertrauensvoll zu delegieren. Sich geduldig um Durchblick zu mühen: was ist interessengeleitet. Oder besser: zu akzeptieren, dass alles (alles!) interessengeleitet ist, aber trotzdem richtig sein kann. Die Balance zu halten. Zwischen selbstbewusstem „Danke, ich denke selbst“ und der Überzeugung „ich habe mich geirrt, ich irre mich und ich werde mich irren.“
Wer wollte leugnen, dass es nicht nur Täuschung gibt, sondern Erkenntnis, Erkenntnisfortschritt. Neben Irrtümern und Lüge Wahrheit. Bloß ist es so verdammt schwer, herauszufinden was was ist. Und dann auch noch zu beherzigen, was Niels Bohr (als Atomphysiker bestimmt nicht unexakter Beliebigkeit verdächtig) über zweierlei Wahrheiten meinte: „Zu der einen Art Wahrheit gehören so einfache und klare Feststellungen, dass die Behauptung des Gegenteils offensichtlich nicht verteidigt werden könnte. Die andere Art, die sogenannten ‚tiefen Wahrheiten‘, sind dagegen Behauptungen, deren Gegenteil auch tiefe Wahrheit enthält.“
Das hat nichts zu tun mit resignierendem Relativismus oder arrogantem Indifferentismus. Weder „ist doch eh alles egal“, noch „wir haben uns alle lieb und wollen das Gute“. Ich bin davon überzeugt, dass es genau nicht die eigene Position schwächt, wenn man sie in Frage stellt und in Frage stellen lässt. Im Gegenteil! Ich wüsste nicht, was mehr Souveränität verleiht! Weil andere Leute verbohrt sind, muss ich mit ihnen doch nicht in einen Wettstreit der Gewissheit treten!
Kant spricht von „Mut“, der dazu gehöre, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Das impliziert, dass es darum geht, Angst zu überwinden. Tatsächlich kann einem angst und bange werden vor der Anforderung, auf eigenen Füßen zu stehen, (Selbst-) Zweifel auszuhalten. „Wie soll ich denn das leisten?“ muss die Reaktion jedes Menschen sein, der sich nicht gerade in einer manischen Phase der Selbstüberschätzung befindet. Und dazu die Angst vor Einsamkeit auszuhalten, vor Ausgegrenzt Werden…. Womit wir bei Teil zwei der Kolumne wären. Aber die muss ich erst noch schreiben.

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