Karl Popper, die zehn Gebote und ich. Oder: „Gibt Gott die Gesetze, ist ihre Auslegung Sache des Teufels“

In den Weihnachtsferien ging ich einem doppelten Vergnügen nach: bei meinen kleinen bis mittelgroßen Wanderungen rund um Konstanz zählte mein MP3-Player einerseits meine Schritte (womit kontrolliert wurde, ob ich der Körperertüchtigung – heute wohl wenigstens das elfte Gebot – hinlänglich Genüge getan habe), andererseits hörte ich etliche Vorträge von Karl Popper und wunderte mich, wieso ich diesen geistvollen und hochmoralischen Philosophen erst jetzt entdecke.

In einem seiner Vorträge erwähnte Karl Popper die Geschichte des (wahlweise fünften oder sechsten – da sind sich die Theologen uneins) Gebots „Du sollst nicht töten“: Moses kletterte nach Erhalt der Gesetzestafeln vom Berg Sinai hinunter, stellte fest, dass eine nicht unbeträchtliche Zahl seiner Leute um das goldene Kalb tanzten, schmiss die Tafeln wutentbrannt auf den Boden und rief die Getreuen auf, den Abtrünnigen den Garaus zu machen. Das Ende vom Lied: 3000 Tote.

Popper gebrauchte dieses Beispiel, um die Fragwürdigkeit der transzendenten Begründungen von Moral zu dokumentieren.

Wieder zuhause, griff ich im wohlausgerüsteten Ex-Theologenhaushalt zur Bibel. Etwas, was ich mir schon lange vorgenommen hatte. Nein, das ist keine Ironie: Auch wenn die Bibel schon seit 40 Jahren für mich ganz gewiss nicht „Gottes Wort“ ist (und wahrscheinlich so richtig auch nie war), liebe ich nicht wenige Bibelstellen, empfinde ich vieles als wunderschöne oder großartige Literatur.

Ich fand die Stelle auf Anhieb (gelernt ist gelernt!) und stellte fest: Es ist noch schlimmer, als von Karl Popper dargestellt: Gott überreicht dem Moses die zwei Gesetzestafeln „die vom Finger Gottes beschrieben waren“ (Ex.31.18) und auf denen steht „du sollst nicht töten“. Die Tinte ist noch nicht trocken, da stellt dieser Gott fest (er hat immerhin so viel gesunde Selbsteinschätzung, dass er von sich sagt, er sei ein „eifersüchtiger Gott“ – u.a. Deut 5.8), dass sein Volk mehrheitlich ums Goldene Kalb tanzt. Er gerät in Rage und er sagt zu Moses: „..Lass mich, dass mein Zorn wider sie entbrenne und sie verzehre.“ (Exodus 32.10) Der humanere und besonnenere von beiden – Moses nämlich – redet auf Jahwe ein und argumentiert ausgesprochen klug gegenüber dem in seinem Narzissmus Gekränkten: „…Warum, Herr, sollen denn die Ägypter sagen dürfen: Zum Verderben hat er sie herausgeführt, um sie im Gebirge umzubringen und sie vom Erdboden zu vertilgen?“ (Exodus 32.12.) Im Klartext: Die lachen sich ja schief – willst du das?  

Moses steigt also vom Berg hinab, sieht die Bescherung mit eigenen Augen und schmeißt die Tafeln wütend in den Dreck. Dann sortiert er die Leute: „Wer für den Herrn ist, trete her zu mir… Also spricht der Herr, der Gott Israels: Es gürte ein jeder sein Schwert um die Hüfte. Durchgehet das Lager hin und her von einem Tor zum andern! Es töte ein jeder selbst den Bruder, Freund und Nächsten… Die Leviten handelten nach Moses Befehl. So fielen an jenem Tag vom Volk gegen 3000 Mann.“ (Exodus 32.32.26-28)   

Wir brauchen uns nicht um die feinsinnige Unterscheidung zu kümmern, die von Theologen reichlich diskutiert wurde: Ob das Gebot mit „Du sollst nicht töten“ oder „Du sollst nicht morden“ zu übersetzen sei. Das ist Pille-Palle und soll nur helfen, einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden, dass weder das Judentum noch die Kirchen Todesstrafe und Krieg ächteten, oft genug theologische Rechtfertigungen dafür gaben. Was in Exodus beschrieben wird, das war eindeutig Mord. Brudermord. Im Namen Gottes, der – hätte Moses ihn nicht gebremst – zu noch radikaleren Lösungen gegriffen hätte, die einer „Endlösung“ bedenklich nahegekommen wären.  

Fazit: „Gibt Gott die Gesetze, so ist ihre Auslegung Sache des Teufels“ (Michael Kohler 1998 in einer Besprechung des Films „Im Auftrag des Teufels“ in der Frankfurter Rundschau).

Worüber ich mich nicht genug wundern kann: Dass ich die Frage „was soll der Blödsinn: Da gibt einer verbindliche Gesetze – und im nächsten Moment verstößt er selbst massiv dagegen und findet das noch in Ordnung?“ nicht vor 50 Jahren stellte. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass eine solche Frage während meines Theologiestudiums von niemandem gestellt wurde.

Ich schätze die Wissenschaft der Exegese, die Textinterpretation mit Hilfe der historisch-kritischen Methode sehr hoch, ich weiß, dass man Texte, die zwei Jahrtausende auf dem Buckel haben, anders lesen muss als solche, die gerade geschrieben wurden. Aber inwieweit wurde und wird diese Methode der Exegese als hochwissenschaftliche Scheinbeschäftigung benutzt, um den Blick auf das Eigentliche zu verstellen, Wortgeklingel, um sich in die eigene Tasche lügen zu können?

 

        

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