Ganz kleine Anmerkungen zur Kirchenaustrittsdebatte

„Die Welt“ vom 20.7. 19 schreibt: „Trotz der nicht enden wollenden Austritte und der zunehmenden Säkularisierung stellen die beiden großen Kirchen Institutionen dar, denen noch immer mehr als die Hälfte der Bundesbürger und damit die Mehrheit angehört. Die evangelische Kirche hat rund 21 Millionen Mitglieder, die katholische Kirche 23 Millionen. Daneben erscheinen die großen Parteien – die SPD hatte 2018 knapp 437.000, die CDU 415.000 Mitglieder – als Minderheitenorganisationen“.

Ohne leugnen zu wollen, dass die großen Kirchen in Deutschland bedeutende Institutionen sind, die schon was zu sagen haben (mal Gescheites, mal weniger Gescheites) und deren Mitgliederzahl gewiss keine quantité negligeable darstellen – aber das nenne ich nun doch Äpfel mit Birnen vergleichen! Kirchenmitglied wird man in der Regel ungefragt und in sehr zartem Alter. Erst mit 14 Jahren (in der Regel also nach 8 Jahren Religionsunterricht, und Initiationsriten wie Erstkommunion oder Konfirmation) kann man selbständig austreten. Dagegen: Ein Eintritt In die CDU ist frühestens mit 16 Jahren möglich (ab 14 Jahren kann man in die Junge Union). Hier wird also eine automatische Mitgliedschaft quasi von Geburt an mit einer Mitgliedschaft verglichen, die eine bewusste Entscheidung voraussetzt. Dass das zahlenmäßig zu einem wenig überraschenden Ergebnis führt, versteht sich von selbst. ABER: Es wird auch in der Zukunft wenig überraschend sein, allerdings bedeutet es dann: die immer zahlreicheren nicht mehr kirchlich gebundenen Eltern werden ihre Kinder selbstverständlich nicht mehr taufen lassen. Die Entwicklung geht also progredient weiter und wenn meine Statistikprüfung nicht schon Jahrzehnte zurückläge, könnte ich an dieser Stelle sogar eine Modellrechnung aufmachen. Weder das eine noch das andere taugt als Argument für die Bedeutung der Institution Kirchen.

Außer den Parteien gibt es noch andere Vereine, in die man nicht hineingeboren wird, sondern in die man (mehr oder weniger) bewusst eintreten muss. 2018 hatte zum Beispiel der ADAC 20 724 869 Mitglieder und damit ein Plus von 546300 im Vergleich zu 2017. Der Deutsche Olympische Sportbund zählte im selben Jahr 27,4 Millionen Mitglieder, immerhin ein Plus von 01% im Vergleich zum Vorjahr.

Was wollen wir aus diesen Mitgliederzahlen für die gesellschaftliche Relevanz der Vereine ableiten?

Die Nordwest-Zeitung aus Oldenburg wiederum malt ein abgeschwächtes Horrorszenario an die Wand. Abgeschwächt insofern, als dass nicht mehr direkt behauptet wird ‚Ohne Kirchen gibt es keine Kindergärten, keine Pflegedienste usw. mehr‘. So ähnlich war die Argumentation durchaus noch vor dreißig Jahren. Aber da hat sich anscheinend doch bis ins letzte Dorf rumgesprochen hat, dass kirchliche Kindergärten und Pflegedienste staatlich oder durch die Krankenversicherung usw. finanziert werden, schon immer finanziert worden sind.

Also die Nordwest-Zeitung schreibt:

„Wer auf das Schrumpfen der Volkskirchen mit Gleichgültigkeit reagiert, könnte am Ende zur Begleichung einer Zeche aufgefordert sein, die er nicht haben wollte – und zwar sowohl materiell als auch ideell. Nehmen wir zum einen die unglaubliche Aufgabenfülle, die von haupt- und ehrenamtlichen Kirchenleuten in der Gesellschaft und für die Gesellschaft täglich erledigt wird. Aufgaben, von denen letztlich alle profitieren. Je stärker die Kirchen diese Aufgaben zurückfahren müssen, desto größer werden die entsprechenden Aufgaben für den Staat.

Lassen wir mal beiseite, dass die „hauptamtlichen Kirchenleute“ mit gesellschaftlichen Aufgaben (und teils auch jene, die höchstens entfernt eine gesellschaftliche Aufgabe haben!) eben nicht von der Kirche sondern zum größten Teil direkt vom Staat, zum kleineren Teil indirekt vom Staat (also uns) via Kirchensteuer bezahlt werden. Schauen wir uns lediglich an, wie es mit den Ehrenamtlichen ist: Glaubt jemand im Ernst, ein engagierter Mensch würde aufhören sich zu engagieren, wenn die Pforten seiner Kirche schließen? In den 90er Jahren trafen wir uns tatsächlich für die Flüchtlingsarbeit im Pfarrheim, ob wir nun kirchlich engagiert waren oder nicht. Vieles lief unter der Federführung der Caritas oder Diakonie. Das ist durchaus zu schätzen, denn es war ernsthaftes Engagement.  Bei der jüngsten Flüchtlingswelle stellte uns die Stadt Räumlichkeiten zur Verfügung und ich habe keine Ahnung, wer von den Helfern und Helferinnen sein ehrenamtliches Engagement christlich begründete und wer nicht.

Eins ist aber richtig: Früher blieb einem oft nicht so viel Auswahl, wenn man sich sozial engagieren wollte, da war man auf Kirchens angewiesen (bei uns auf dem Dorf gab es sogar das Angebot einer katholischen Frauengymnastik!). Aber ist Greenpeace katholisch, die Seenotrettung evangelisch, sind Hospizvereine kirchlich gebunden oder werden „Ärzte ohne Grenzen“, die „Tafeln“ konfessionell geführt?

Auf das Argument der Nordwestzeitung „Mit dem Schrumpfen der christlichen Kirchen geht außerdem ein gefährlicher Bedeutungsverlust christlicher Werte einher. Das kann für die Gesellschaft verheerend sein“ geniere ich mich fast einzugehen. Es wird so allmählich langweilig, immer wieder dieselbe Gegenfrage zu stellen. Welche „christlichen Werte“ bitteschön sind gemeint? Die von Viktor Orbán („Im Vorfeld der europäischen Wahlen hat Europa erneut den Punkt erreicht, an dem wir unsere ungarische Identität, unser christliches Erbe verteidigen müssen.“10.2.2019). Oder die christlichen Werte eines den Rosenkranz schwenkenden Matteo Salvini („Ich persönlich vertraue mein und euer Leben dem unbefleckten Herz Mariens an, das, da bin ich sicher, uns zum Sieg verhelfen wird.“ 21.5.2019)? Oder um zeitlich ein bisschen zurückzugehen: die christlichen Werte des heiligen Bernhard von Clairveaux, dem frühen Kämpfer gegen den Islam und Initiator der Kreuzzüge? Er gab den christlichen Invasoren mit auf den Weg: „Ein Ritter Christi tötet mit gutem Gewissen; noch ruhiger stirbt er. Wenn er stirbt, nützt er sich selber; wenn er tötet, nützt er Christus.“ Na, der wird – nach allem, was man weiß – seine Freude gehabt haben!

Oder die christlichen Werte  des Papstes Gregor XVI, der in der hochoffiziellen Enzyklika  „Mirari vos“ (1832)  Meinungs-, Religions- und Pressefreiheit als „seuchenartigen Irrtum“ bezeichnete: „..Aus der Quelle dieser verderblichen Gleichgültigkeit fließt jene törichte und irrige Meinung, oder noch besser jener Wahnsinn, es sollte für jeden die ‚Freiheit des Gewissens‘ verkündet und erkämpft werden…..Hierher gehört auch jene nie genug zu verurteilende und zu verabscheuende Freiheit der Presse, alle möglichen Schriften unter das Volk zu werfen, eine Freiheit, die viele mit äußerst verbrecherischem Eifer fordern und fördern“ . 

„Mirari vos – Ihr wundert euch“. In der Tat: wir wundern uns über alle, die immer noch nicht begriffen haben, dass „christliche Werte“ die bezeichnung für eine Wundertüte sind, aus der jeder das rauszieht, was er mag.

 

 

 

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