Shakespeare-Drama oder Schmonzette im Vatikan?

Zwei alte Männer machen sich Gedanken über Sex. Der eine ist wirklich sehr alt und Seniorchef einer größeren Firma. Seinen völligen Rückzug hat er vor einigen Jahren in notariell eindeutiger Weise bekundet. Aber man weiß ja, wie das bei Seniorchefs ist: Sie können’s dann doch nicht lassen. Besonders wenn der Junior ihrer Meinung nach im Begriff ist, Blödsinn zu machen.

Der andere ist Abteilungsleiter und auch schon einige Jahre jenseits des üblichen Renteneintrittsalters. Sein derzeitiger Vorgesetzter – ich zögere, ihn Juniorchef zu nennen, denn er ist auch schon verdammt alt – scheint nicht völlig abgeneigt, wenigstens bestimmten Angestellten der Firma legalisierten Sex zu ermöglichen. Das widerspricht allerdings den seit langem gepflegten Usancen, und damit etwas, was den beiden andern alten Männern heilig ist.

Der Abteilungsleiter schreibt ein Buch und der Seniorchef macht irgendwie mit. Wie „irgendwie“ wird sich wohl nicht mehr klären lassen. Als das kurz vor der Buchveröffentlichung bekannt wird, kommt es zum Eklat: Der Seniorchef hat alles nicht so gemeint, fühlt sich über den Tisch gezogen und vom Abteilungsleiter betrogen. Er hätte zu ziemlich gar nichts seine Zustimmung gegeben, ließ er durch seinen Adlatus mitteilen. Dass er als Autor einen kompletten Artikel zu dem Opus beigesteuert hat, ließ sich allerdings beim besten Willen nicht bestreiten.

Der Abteilungsleiter giftete zurück und sprach von „außerordentlich schweren Verleumdungen“, veröffentlichte eine Chronologie des Zustandekommens des Buches, mit der er seiner Meinung nach den Vorwurf widerlegt, er habe seinen Ex-Chef (der ihn übrigens auf den Abteilungsleiterposten gehievt hat) manipuliert oder sonst etwas Unseriöses getan.

Vom Juniorchef ist derweil nichts zu hören. Wobei wir nicht ausschließen wollen, dass sich das hinter den Kulissen etwas anders darstellen könnte.

Was macht man in einer solchen Situation als Kirchenfunk-Redakteurin? Richtig! Sie befragt einen Experten. Und wer wäre dafür geeigneter als ein Theaterwissenschaftler?!

So kommt Professor Peter W. Marx am 17.1.20 Gelegenheit zu einem Interview in der Kirchen-Sendung des Deutschlandfunks „Von Tag zu Tag“.  Er äußert sich wie folgt:

„… tatsächlich glaube ich, ist es eher eine Tragödie, die an die Königsdramen Shakespeares erinnert, …Es geht, glaube ich, um die Herstellung von Inszenierungen, von Szenen, in denen etwas erlebbar und sinnlich erfahrbar wird, was sozusagen nicht unmittelbar unserer empirischen Wirklichkeit entspricht. Das ist der Sinn aller rituellen Handlungen: Transzendenz erlebbar zu machen in unserem Alltag.“

Dazu muss man wissen, dass der Herr Professor ein Shakespeare-Fachmann ist und deshalb überall Shakespeare sieht. Das gehört ein bisschen zur déformation professionelle des Spezialistentums. Aber warum muss er ausgerechnet auf die Königsdramen zurückgreifen? „Much ado about nothing – Viel Lärm um nichts“ hätte es nun auch getan!

Und damit wende ich mich den wirklichen Königsdramen zu. So wie der „Spiegel“, der im Traum nicht daran denkt, die Benedikt-Sarah-Franziskus-Schmonzette am morgigen Montag  zur Titelgeschichte zu küren, sondern „Prinz Harry, Meghan und das Drama der Queen: Die Sippe der Verfluchten“.

 

P.S. Ach ja… die jüngste Entwicklung im Vatikan: Der Abteilungsleiter war beim Seniorchef. Alles gut! Er sei „sehr glücklich, voller Frieden und Mut“ aus dem Gespräch gegangen. Es gebe „keinerlei Missverständnisse“ mehr. Schuld an allem sei „die unaufhörliche widerliche und verlogene Polemik“. Wobei ich in keiner der Meldungen den Urheber dieser Polemik genannt fand. Aber das wissen wir ja: Die bösen Massenmedien.  

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