Rezension in „Aufklärung und Kritik“

Aufklärung 260 und Kritik 2/2020
Ursula Neumann, Tätiger Humanismus – historische Beiträge zu aktuellen Debatten, Hrsg. Horst Groschopp,
Reihe „Humanismusperspektiven“ Band 6, Alibri Verlag Aschaffenburg
2019, ISBN 978-3-86569-301-3, 276
S., 22 EUR

„Tätiger Humanismus“ ist der Band Nr. 6 der von Horst Groschopp herausgegebenen Reihe „Humanismusperspektiven“ mit Beiträgen aus der Feder Ursula Neumanns.
Der Titel stellt den Bezugspunkt klar: Hier geht es um die Humanität im
Humanismus – konzipiert auch als Ergänzung zu dem in A&K 4/2019 vorgestellten
Band 5 mit Beiträgen von Johannes Neumann.
Das vorliegende Buch ist in mehrere Blöcke gegliedert, z.B. Biographisches, Religions und Kirchenkritik, weibliche Selbstbestimmung oder Umgang mit Geflüchteten. Im
ersten Artikel, Abdruck einer Dankesrede aus dem Jahr 2000 mit dem Titel: „Wie
werde ich ein guter Außenseiter?“ finden sich schon gebündelt viele der enthaltenen
Themen: Die Neumann’sche Entwicklung von katholischen Theologen, männlich
und weiblich, zu Stützen der säkularen Szene, Kommentare zu dieser Entwicklung
inmitten eines hochkatholischen Umfelds, Verwicklungen von Kirche und
Religion in die Erziehungsaufgaben des Staates, Ausrichtungen und Entwicklungen
dieses Staates im Laufe der letzten Jahrzehnte in Bezug auf Emanzipation und
Integration. Dabei legt die Autorin immer wieder den Finger in Wunden, und unterzieht
die theoretischen oder praktischen Angebote des real existierenden Humanismus
einer Prüfung hinsichtlich ihrer Wirksamkeit gegenüber Fehlentwicklungen in
Staat oder Kirche. Dazu zwei Beispiele:
„Sich über Religion und Kirche zu definieren – und sei es über ein „a-“ oder „anti-“
ist meiner Meinung nach nicht nur gefährlich, weil es einen an etwas bindet, was
man ablehnt, sondern noch viel mehr, weil es die Bindung an etwas Bedeutungsloses
darstellt. Es bedeutet die Selbstverurteilung zur Bedeutungslosigkeit.“ (S.30)
Oder: „Hüten wir uns vor der Illusion, das Schwinden der Macht der alten, institutionalisierten Religionen ginge automatisch mit Fortschritt einher.“ (S. 32)
Aus dem Jahr 2018 stammt der Text „Die Welt ist voller Gläubigen“, in dem die Autorin
mit dem immer wieder auftauchenden Hochmut der „Aufgeklärten und Rationalen“
ins Gericht geht und „für den Zweifel, vor allem für den Selbstzweifel“
(S. 47) plädiert und als Grundhaltung Kants „sapere aude“ empfiehlt, ohne Scheuklappen
und aller Schwierigkeiten zum Trotz.
Eine gute Illustration des Buchtitels findet man im Kapitel „Von der Wiege bis zur
Bahre“, indem die Besetzung der Lebenswendepunkte durch die Kirchen kritisch
beleuchtet wird, ebenso deren immer hochgehaltene Bedeutung für Erziehung und
Werte, aber auch Einflussmöglichkeiten des säkularen Humanismus auf diesen Gebieten.
Der Text ist von 1999, also kann die heutige Leserschaft daran sowohl den
Fortschritt als auch die nach wie vor aktiven Hindernisse desselben ersehen. Ähnliches
gilt für die Aufsätze zum Ethikunterricht oder zur Wertediskussion der Jahrtausendwende.
Der „Brief an den Herrn Bundesverfassungsgericht“ (ab S. 175) ist ein besonders
eindrucksvoller Text. Schon der Titel suggeriert Voreingenommenheit und
eine gewisse „Amtsanmaßung“ gegenüber Frauen, wobei es um eine Regelung geht,
die tief in weibliche Biografien eingreift, nämlich die des Schwangerschaftsabbruchs.
Ursula Neumann kritisiert in diesem Text aus dem Jahr 1993 die Fristenlösung
mit Beratungszwang unter den Gesichtspunkten Verwechslung von Recht
und Moral, „Überschweigen“ (S.177) der Erfahrungen der ehemaligen DDR-Bürgerinnen
und -Bürger, Kontrolle und Bevormundung als Hauptanliegen, mit dem Fazit:
„Sie haben die Atmosphäre vergiftet“(S.185). Da im Jahre 2019 noch oder wieder
Prozesse wegen Werbung für oder Information über Schwangerschaftsabbruch
durch Ärztinnen oder Ärzte stattfanden, sind diese Grundsatzdebatten offensichtlich
noch nicht zu Ende geführt.

Am Beispiel der Rolle der Frauen in den Kirchen werden ebenfalls viele Grundsatzfragen der Emanzipation, historisch und praktisch, angeschnitten – und mögliche Fehlentwicklungen in der säkularen Szene knallhart benannt, vor allem deren Konsequenzen:
Während den Kirchen die Frauen vielleicht davonliefen, müssten die Freidenkerverbände
sie erst einmal gewinnen – und dabei sollte man wirklich auf sein Klientel
eingehen …
Im Abschlusskapitel über den Umgang mit Geflüchteten, bezogen auf Erfahrungen
während des Balkankrieges in den 90ern und auf 2018, legt Frau Neumann verschiedene
Ambivalenzen in der Reaktion des Staates oder auch der Helfer dar –
und bietet vor allem eine gut nachvollziehbare psychologische Sichtweise auf die
Gesamtheit der Umstände.

Die in diesem Band gesammelten Beiträge zu einigen wesentlichen Debatten der
Gegenwart zeigen Ursula Neumann als streitbare, am Menschen orientierte, und
von einem hohen Anspruch an Freiheit und Selbstbestimmung getragene Autorin.
An diesem orientiert sie sich durchgehend, einerlei ob sie sich mit der säkularen Szene,
der Praxis unserer freiheitlichen Grundordnung oder dem „Fortschritt“ befasst.
So stellt sie als Humanistin dem Leser eine höchst informative und bedenkenswerte
Sicht auf Wirklichkeit und Entwicklung unserer Gesellschaft vor.
Ulrike Ackermann-Hajek (Nürnberg )

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