„Der Fisch fängt vom Kopf an zu stinken.“ oder „Der ganze Strudel strebt nach oben; Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben.“?

 

Diese Woche sprach ich mit meinem Sohn darüber, wie sich die Sprache verändert. Ich meine das zunächst ohne Wertung: Dass es vor 40 Jahren undenkbar war, sich von einem Vorgesetzten mit „Tschüs“ zu verabschieden, dass ich noch vor wenigen Jahren auf die Begrüßung „Hallo“ allergisch reagierte – und jetzt sage ich selbst „Hallo“ und „Tschüs“ schon seit Ewigkeiten.

Ich bin eine Zeitzeugin, wie aus „trotzdem“ und „nichtsdestoweniger“ ein „nichtsdestotrotz“ wurde, ich glaube, es war zunächst als witzige Wortspielerei gemeint. Damals schäumte meine Deutschlehrerin, als sie berichtete, im Radio (man bedenke!) hätte das jemand gesagt. Heute hört man „nichtsdestotrotz“ in professoralen Vorträgen und es steht im Duden (immerhin mit der Einschränkung „umgangssprachlich“). Ich zucke immer noch ein wenig zusammen.

An die Entgegnung „Gerne“ , die einem „Dankeschön“ folgt, habe ich mich gewöhnt, nachdem ich mir klar gemacht habe, dass das auch nicht weniger logisch ist als das mir vertraute „Bitte“.

Früher war es selbstverständlich, Briefe mit der Floskel „Mit vorzüglicher Hochachtung“ zu unterzeichnen. Tatsächlich mache ich das auch heute noch, aber ganz, ganz selten, nämlich dann, wenn ich was ganz anderes ausdrücken will. Mein Sohn meinte zwar, dass diese Botschaft wohl gar nicht ankäme. Sei’s drum.

Damit bin ich bei meinem heutigen Thema angekommen: Die Regression der Sprache auf das Niveau des Kläffens. Nicht sehr originell, ich weiß, man liest davon allenthalben. Aber ein Aspekt scheint mir bei der Klage über das Fallen der Hemmungen zu kurz zu kommen:

Das Vorbild, das die Eliten geben.

Es ist eher harmlos wenn der italienische Innenminister Salvini über die Kapitänin Rackete twittert: „Ich habe keine Angst vor der Mafia, also stellt Euch eine reiche, deutsche und verwöhnte Kommunistin vor… Küsschen.“https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-07/sea-watch-kapitaenin-carola-rackete-klage-matteo-salvini-verleumdung Er hat weitaus weniger Harmloses getwittert. Aber er ist Innenminister. Ein Küsschen verteilender Innenminister. Cool? Nein! Vielmehr wird aus einem Diskurs, der es durchaus verdiente, ernsthaft geführt zu werden eine argumentsfreie Pöbelei. Dieser Stil mag zu einer Horde knapp erwachsener Kerle auf dem Bahnhofsvorplatz passen. Wir wissen wie das dort weitergeht: Der nächste fühlt sich berufen, etwas abzusondern, was das Vorausgegangene noch toppt. Und der Außenminister und gewisse Präsidenten und viele andere sagen: „Hey Kumpel, wir sind welche von euch!“

„Dem Volk aufs Maul schauen“, ich nehme an, Luther meinte damit was ziemlich anderes als sich mit diesem Volk gemein machen. Für (wenigstens ziemlich) jedermann verständlich zu sprechen, ist im Politiker-Phrasendresch-Sprech in der Tat eine Ausnahme. Aber Nieveaulosigkeit bedeutet keinen Zuwachs an Verständlichkeit. Verstanden wird vielmehr durch diese sprachliche Anpassung der Eliten, wer hier das Sagen hat. Die Rechnung: „wenn wir uns denen anpassen, werden sie uns folgen“ ist bar jeder Logik.

Kann natürlich auch sein, dass mein Glaube an „Eliten“ grenzenlos naiv ist und ich lediglich nicht bemerkt habe, dass regelhaft Außenminister und Präsidenten direkt vom Bahnhofsvorplatz in ihren Amtssitz gelangen.          

Mag sein, dass es eine altmodische (und oft missbrauchte!) Formel ist „das gehört sich nicht!“. Aber es ist eine wahre Formel und es ist eine Schranke, die den zivilisierten Umgang miteinander vor dem Absturz in ein Cath-as-catch can sichert.

Wenn dieses Wissen verloren geht, was sich gehört und was nicht… oder im heutigen Sprachgebrauch ausgedrückt: wenn es kein „No go“ mehr gibt, dann werden Verletzungen, Demütigungen, Niederträchtigkeite„normal“, es zählt nur der Effekt, der Like-Daumen, die Zahl der Follower.

Wenn ein Innenminister signalisiert: das ist schick, das ist witzig, so schreibt man heute – wenn ihm anscheinend die Fähigkeit fehlt, mit dem Florett zu kämpfen, zu argumentieren – ja bitteschön: wie und wieso sollen dann Fritz und Franz und Marie und Julia anders „kommunizieren“????

Vielleicht, so kommt mir gerade, muss ich mein Eliteverständnis neu definieren: Vielleicht liegt der Unterschied zwischen Elite und Nicht-Elite schlicht darin, dass die einen wissen, was sich gehört und sich dran halten und die andern nicht.    

Gut, es gibt noch andere Innenminister als den italienischen. Zum Beispiel den deutschen.

Horst Seehofer fand heute klare Worte: „Wir können es nicht verantworten, dass Schiffe mit geretteten Menschen an Bord wochenlang im Mittelmeer treiben, weil sie keinen Hafen finden“, schrieb Seehofer an Salvini. „Ich appelliere daher eindringlich an Sie, dass Sie Ihre Haltung, die italienischen Häfen nicht öffnen zu wollen, überdenken“….Wegen der gemeinsamen europäischen Verantwortung „und unseren gemeinsamen christlichen Werten“ dürfe es im Einzelfall keinen Unterschied machen, durch welche Organisation Migranten aus dem Mittelmeer gerettet wurden, woher die Besatzung stammt und unter welcher Flagge das Schiff fährt.“ https://www.spiegel.de/politik/deutschland/horst-seehofer-in-brief-an-matteo-salvini-oeffnen-sie-die-haefen-a-1276131.html

Das könnte vielleicht ein Anfang sein… mindestens bei Seehofer. Denn vor exakt einem Jahr tönte er anders. Zu seinem neunundsechzigsten Geburtstagtwitterte er nicht, sondern verlautbarte auf einer Pressekonferenz am 10.7.2018 “ Innenminister Seehofer freut sich in der Pressekonferenz zu seinem „Masterplan“, dass an seinem 69. Geburtstag 69 Flüchtlinge abgeschoben. Wörtlich sagte er: ‚Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 – das war von mir nicht so bestellt – Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden. Das liegt weit über dem, was bisher üblich war.‘ https://www.spiegel.de/politik/deutschland/seehofer-69-abschiebungen-zum-69-geburtstag-a-1217747.html   

Einer der  Abgeschobenen brachte sich nach seiner Rückkehr um.

 

 

Heimatlos! Gaucks Aufruf an die CDU, Asyl zu gewähren

Am 15.6. wurde vermeldet, dass Ex-Bundespräsident Gauck sich folgendermaßen geäußert hat:

„Wir müssen zwischen rechts – im Sinne von konservativ – und rechtsextremistisch oder rechtsradikal unterscheiden“, so Gauck. Er vertrat die Ansicht, die CDU müsse für einen bestimmten Typus des Konservativen wieder eine Heimat werden. Das gelte für Menschen, für die Sicherheit und gesellschaftliche Konformität wichtiger seien als Freiheit, Offenheit und Pluralität.

Früher seien diese Menschen in der CDU/CSU von Alfred Dregger und Franz Josef Strauß beheimatet gewesen. „Doch seitdem die CDU sozialdemokratischer wurde, sind die heimatlos geworden.“ ( https://www.tagesschau.de/inland/gauck-toleranz-rechts-101.html )

Ferienbedingt kann ich meinen Senf erst heute dazugeben:

Was ist vielleicht eine Logik!

Zunächst hätte ich gern eine Präzisierung, was Gauck in diesem Fall mit „wichtiger als“ meint. Sicherheit ist diesen Menschen ein bisschen wichtiger als Freiheit? Gesellschaftliche Konformität ziemlich viel wichtiger als Pluralität?  Oder meint Gauck mit dieser Beschreibung auch Menschen, denen Sicherheit (auch über diesen Begriff könnte man lange diskutieren) und gesellschaftliche Konformität grundsätzlich wichtiger sind als Freiheit, Offenheit und Pluralität – ja, die die vielleicht finden, letzteres brauche es nicht?

Dann: Was versteht Gauck unter einer „sozialdemokratischer“ gewordenen CDU?  Dass Freiheit, Offenheit und Pluralität spezifisch sozialdemokratische Werte sind? Na, liebe Genossen, diese Steilvorlage solltet Ihr Euch nicht entgehen lassen!    

So. Und jetzt kommt der emotional hochbesetzte Begriff „Heimat“ ins Spiel. „Heimatlos“ seien die Anhänger der Sicherheit und Konformität geworden. Heimatvertriebene, Flüchtlinge, die irgendwo Asyl suchen. Und Gauck appelliert an die CDU, die Grenzen zu öffnen. „Wir schaffen das!“ Diesen Satz seiner Parteifreundin würden Gaucks Heimatvertrieben allerdings eher nicht auf andere Vertriebene als sie selbst angewandt wissen wollen, nehme ich an.

Der Verweis auf Dregger und Strauß lässt fragen, ob es (mindestens in der CDU) keine Entwicklung geben darf, hinter die man nicht mehr zurück geht. Sieht Gauck es so ähnlich wie der damalige CDU-Ministerpräsidenten Filbinger es 1978 angesichts seiner als Marinerichter gefällten Todesurteile äußerte: „Was damals Rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein!“? 

Das sei jetzt arg polemisch formuliert? Aber genau um die Frage geht es. Aber meinetwegen, ich formuliere milder: Gilt etwa „Was damals Mainstream war, kann niemals obsolet werden?“ Gibt es keinen Erkenntnis- keinen Entwicklungsfortschritt, hinter den man nicht mehr zurückfallen darf? Für wen alles soll die CDU Heimat sein? Für die Gegner der Gleichberechtigung (das war wenigstens bis in die 60er Jahre eine Domäne der CDU, ich nenne stellvertretend nur CDU-Familienminister Wuermeling ), für die Anhänger der Todesstrafe (wie jener CDU-Justizminister, der von Herbert Wehner mit dem Titel „Kopf-ab-Jäger“ tituliert wurde). Zu Zeiten von Strauß und Dregger wurden die jungen Männer, die gesellschaftlich unkonform ihre Haarmähne etwas länger trugen „Gammler“ genannt und mit dem Spruch bedacht „Euch hätte man unter Hitler vergast!“ Wer den Wehrdienst verweigerte, galt als Drückeberger, wer Atombomben irgendwie für ethisch nicht vertretbar hielt, war ein verkappter Kommunist und solle doch bitte umgehend nach „drüben“ gehen…. Ach da fällt mir ein, Sie Herr Gauck, könnten als ehemaliger DDR-Bürger sicher auch noch einiges zur Frage „Sicherheit und Konformität“ beisteuern. Da gibt es vielleicht auch noch einige „heimatlos“ Gewordene. Aber lassen wir das, Beispiele aus Westdeutschland reichen aus: Wer schwul war, dem drohte Gefängnis, ein Paar, das unverheiratet zusammenleben wollte, bekam keine Wohnung, weil die Überlassung von Wohnraum den Straftatbestand der Kuppelei erfüllte. Die Pille sollte nach gängiger CDU-Meinung höchstens verheirateten Frauen verschrieben werden.

Ach, Herr Gauck, so haben Sie das nicht gemeint, und dahin soll die CDU ganz gewiss nicht zurück? Leute mit solchen Standpunkten dann lieber doch nicht? Ja, aber wie denn dann?

Vielleicht macht die CDU ihre Arme ganz weit auf und gibt auch denen ein Plätzchen, die noch glauben, dass sich die Sonne um die Erde dreht. Wobei… das wäre dann doch noch verkraftbar.    

   .        

 

Back again

Eine Woche Urlaub liegt hinter mir.

Frankreich, wie es sich für mich einmal im Jahr gehört. Diesmal hatte ich Lust auf die Alpes du Nord.

Freitag, den 14.6. fuhr ich los. Geplant war 12.05 Uhr (vorher hatte ich noch Praxis). Nun, es wurde 12.06 Uhr… Eigentlich sollte man sich wenigstens bis Bern beamen können, denn mindestens für mich ist die Strecke bis dahin Routine.  

Am Murtensee war dann genug gefahren für den ersten Tag. Ein langer Spaziergang mit Entennachwuchs, der mir Rätsel aufgab, weil manche farmbmäßig aus der Reihe geschlagen waren.

Dann Übernachtung direkt am See… und am nächsten Tag ging es weiter mit einigem Hin und Her (Payerne ohne Kirche, die wurde nämlich renoviert. Avenches und Estavayer le Lac, wie Murten zwei hübsche mittelalterliche Schweizer Städtchen. Ach ja. Seit wie vielen Jahrhunderten kein Krieg???) an den Genfer See, Frankreich und ab ins Gebirge.

Da fuhr ich dann die nächsten Tage Pässe rauf und runter, ging spazieren – wofern man im Gebirge von „Spazierengehen“ reden kann. Der Nachteil von Gebirgen ist nämlich, dass sie so bergig sind. So ausdauernd ich auf ebenen Wegen bin, Steigungen kann ich seit 60 Jahren nicht leiden, so lange komme ich dabei schon außer Atem. Ein weiterer Nachteil von Gebirgen ist, dass nur wenige Straßen obendrüber führen. Deswegen musste ich öfter als gewohnt auf die Karte gucken. Sonst fahre ich nämlich einfach drauf los, mal rechts, mal links, wie es mir gerade einkommt, lediglich so ungefähr der ungefähren Himmelsrichtung folgend.  Jetzt bin ich zwar auch häufig vom „rechten Weg“ abgewichen, aber mit dem Wissen: ich muss auf gleichem Weg zurück, was gegen meinen Grundsatz „nunquam retro – niemals zurück“ verstößt. Dabei habe ich viel Schönes gesehen, aber auch vieles, was das kalte Grausen bedeutet: Savoyen ist ein Skiparadies. Paradies??? Im Sommer sind die Riesenanlagen (manchmal wenigstens halbwegs geschmackvoll im Stil von Berghütten, oft aber Riesenklötze) ausgestorben. Die Ladenpassagen, in denen man im Winter vermutlich alles, wirklich alles kaufen kann, die unzähligen Restaurants, Cafés, Fast-Food-Buden – geschlossen. Die Lifte standen auf groteske Weise still. Ich mag mir den Rummel im Winter nicht vorstellen und weiß nicht, was schlimmer ist: die Orte bewohnt oder ausgestorben.

Wie ist das mit der Wohnungsnot, wenn wir uns diese Leerstände über die Hälfte des Jahres leisten können? Ich sage „wir“, denn immer wieder fühlte ich mich auch als Teil dieser zerstörerischen Luxus-Spezies: Fahre ich nicht CO2 ausstoßend fast 1000 km durch diese Gegend?

Nun, der Klimawandel wird es richten. So viel künstlicher Schnee kann dann doch nicht hergestellt werden. Und dann? Werden diese Kunstdörfer einfach verallen?

Ich sehe die zahlreichen Stauseen, deren Wasserstand mir bedrohlich niedrig erscheint. Auch wenn von den Bergen noch viel Wasser runterkommt, meist in fotogenen Wasserfällen: das wird nicht reichen. Denn so viel Schnee liegt oben nicht mehr.

Dann die Murmeltiere. Als ich die ersten beiden sah, die sich gerade eine Jagd lieferten (ich hatte den Fotoapparat parat, weil ich gerade eine Sumpfdotterblumenwiese mit Bächlein fotografierte), war ich noch entzückt. Aber ich sah wenigstens sechs oder sieben weitere – und zwar in der Nähe von Parkplätzen, so dass ich über die Verhausschweinung der Murmeltiere zu grübeln begann.  

Um das Fragwürdige komplett zu machen: die Fahrradfahrer. Nee, so darf man sie eigentlich nicht nennen. Sie gaben mir schon mal Anlass, eine Kolumne über die Entwicklung von der Selbstverwirklichung zur Selbstoptimierung zu schreiben („Quäl dich, du Sau“… findet sich unter „eigene Artikel“). Wobei ich anerkenne, dass sie weniger CO2 verbrauchen wie ich. Bergauf geht es ja noch. Aber den Berg runter fühlte ich mich verfolgt. Wenn die – ungelogen – die doch nicht ganz kurvenfreien Passstraßen mit 70 km/h hinter mir her brettern, dass ich wider Willen noch eine Idee mehr aufs Gas gehe, um Auffahrunfälle zu vermeiden. Es wundert mich, wie wenig passiert, es wundert mich, wie wenig Sorge um die eigene Haut und die eigenen Knochen diese Leute haben. Sie sind auf Drogen. Anders kann ich es mir nicht erklären.

 

Das war jetzt das, was mich beunruhigt, mir Angst macht, mich fragen lässt, was wir für eine (selbst-)zerstörerische Spezies wir sind.   

Aber dann die Landschaft, das Wasser der Bäche, Seen, Wasserfälle und vor allem: die Wiesen, diese Blumenwiesen, diese Vielfalt an Pflanzen, die Mauersegler, die Schwalben, die es hier reichlicher gibt als bei uns. Jener merkwürdige Vogel, der nachts anfing zu singen und ich dachte, er singe der beginnenden Dämmerung entgegen. Aber es war erst zwei Uhr nachts. Nette, kurze Begegnungen mit anderen Wanderern, mit dem Patron des einfachen Hotels, mit den Kindern, die mir erklärten, dass ihre Kreidezeichnung auf dem Asphalt „Kunst“ sei – was von mir prompt fotografiert wurde. Keine Unfreundlichkeiten von anderen Autofahrern, im Gegenteil: nette Gesten „bitte nach Ihnen“.

Karl Valentin war es, glaube ich, der sagte: „Der Mensch wär scho recht, aber die Leut sind a Gsindel.“    

(Eine Auswahl von Bildern findet sich unter „Fotos“)      

„Das verschwundene Klo“ – Vorarbeit zum Thema Macht und Unterwerfung

 

Diese Geschichte von Marcus Ertle aus dem Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 7.6.2019 (ich fürchte aber, man muss fürs Lesen 1.99 Euro löhnen) war eigentlich der Grund, weshalb ich den Artikel „Macht ist die Konsequenz, Unterwerfung ist die Ursache“ (unter „eigene Veröffentlichungen – Artikel“)  geschrieben habe.

„Das verschwundene Klo“ ist eine unglaubliche Geschichte: „Als ein Augsburger Rentner nach Hause kommt, findet er die Toilette nicht mehr vor. Sein Vermieter versichert ihm, es sei eine vorübergehende Ausnahmesituation. So vergehen Jahre. Eine haarsträubende Geschichte über Frechheit, Scham und viel zu viel Geduld.“

Über das Verhalten der „Gegenseite“, also dies Vermieters, des Hausverwalters und einer ominösen, angeblich mit der Renovierung betrauten Architektin braucht bei dieser von 2014 bis 2019 dauernden Geschichte kein Wort verloren zu werden (außer vielleicht die Schlussbemerkung  des Artikels: „Ertle bat daraufhin den Vermieter um eine Stellungnahme zu dem Fall. Als Reaktion rief ein Anwalt des Vermieters bei Ertle sowie bei dessen Eltern an und riet, jede Veröffentlichung über dieses Thema zu unterlassen“).

Was mich beschäftigt, ist das Verhalten des betroffenen Rentners. Fast macht dessen selbstverordnete Wehrlosigkeit wütend auf ihn. Aber hier werden die Mechanismen deutlich, die zu seiner extremen Unterwürfigkeit führen.

Zunächst, im Winter 2014, ist die erste Reaktion auf den Verlust der Toilette: Habe ich vielleicht was übersehen, eine Mitteilung nicht gelesen. Das heißt: Der Fehler wird bei sich selbst gesucht.

Jemanden von der Geschichte zu erzählen, schämt er sich.  Mit der Scham ist es ohnehin etwas Merkwürdiges: Wie häufig schämen sich die Verkehrten! Der Rentner, dass ihm das Klo geklaut wurde, das Opfer, dass es vergewaltigt worden ist, der Gekündigte, dass sein Betrieb von einem gewinnmaximierenden Investor übernommen wurde. Wer weiß, vielleicht ist Scham des Opfers der wichtigste Mitspieler bei der Unterwerfung. Denn Scham lässt schweigen, macht einsam. „Silence ist the enemy of justice“ steht auf einem Kugelschreiber, den mir jemand geschenkt hat, der es wissen muss.    

Der Rentner lässt er sich vom Vermieter vertrösten, schluckt widerspruchslos die Erklärung, wegen Renovierung hätte das Klo entfernt werden müssen. Lässt sich darauf ein, ein Stock höher aufs Etagenklo zu gehen. Er hat gelernt, brav zu sein, sich zu fügen.

Er hätte zum Anwalt gehen können. Aber – so seine Überzeugung – „Wenn er jetzt zum Anwalt geht, wenn er in diesen Zeiten einen Vermieter verärgert, … dann kündigt er ihm die Wohnung.“ Wenn man sich wehrt, macht man es nur schlimmer.

Er macht es tatsächlich schlimmer: Weil er sich geniert, benutzt er das Etagenklo im nächsten Stock heimlich. Als er „erwischt“ wird, kriegt er nicht fertig, zu sagen, wie es ist, sondern verstrickt sich in nicht nachvollziehbare Ausreden, das heißt, er deckt den Vermieter. Die Folge: die Benutzung  des Ersatzklos wird ihm von den andern Mietern untersagt.

Wenn er sich dann überhaupt traut, beim Vermieter, bei der Hausverwaltung, bei der Architektin anzurufen, erlebt er diese zunehmend genervt. Auch hier wieder eine ganz typischer Mechanismus: Wenn die Autorität die Stimme hebt, genervt reagiert, ist kein Drandenken mehr zu sagen: „wer hat hier eigentlich Grund genervt zu sein, das sind doch nicht Sie?“ Vielmehr reagiert man beschwichtigend. So wie das Kind es gelernt hat, wenn autoritäre Eltern die Stimme heben. Der Rentner hält sich an den „Rat“ des Hausverwalters, öffentliche Toiletten zu benutzen.

Kommt ihm schließlich nach Monaten der Gedanke (oder soll ich sagen: die Versuchung?), sich vielleicht doch an einen Anwalt, an den Mieterverein zu wenden, kann er sich das nicht vorstellen, seine Geschichte zu erzählen. Das wäre zu peinlich! Er sitzt in der Falle. In der selbstgebauten Falle. Er hat so angefangen, jetzt muss er so weitermachen.Geschlagene Frauen holen sich keine Hilfe, weil sie die Reaktion fürchten „Wie bitte, das geht schon so seit drei Jahren? Wieso kommen Sie erst jetzt?“ Wie der Arbeitnehmer, dessen Chef die Sozialabgaben nicht zahlt, weiter macht, weil er sich irgendwann mal drauf eingelassen hat: „ich hab mich ja drauf eingelassen und mitgespielt. Das versteht keiner und am Ende bin ich der Dumme.“

Die selbstgebaute Falle? Ja und nein. Hätte dieser Rentner, hätte die geschlagene Frau, hätte der Arbeitnehmer und all die andern, die aushalten, gute Freundinnen und Freunde, ein passables „soziales Netz“, dann wäre der Mund nicht verschlossen geblieben und die Opfer erlebten solidarische Empörung: „Aber das geht doch so nicht!“ . Einsamkeit macht stumm. Die Einsamkeit macht einsam. Die Opfer erfahren es, die Täter wissen es.

     

Inzwischen schreiben wir 2016. Die Architektin schiebt alles auf das Amt für Denkmalschutz: Dort läge der Antrag auf Einbau einer neuen Toilette. Für den Rentner kommt (noch) nicht in Frage, dort anzurufen. Wegen der Peinlichkeit einerseits, andererseits würde eine solche Anfrage doch Misstrauen gegenüber der Architektin und dem Vermieter ausdrücken. Und man ist schließlich ein braves Kind, unterstellt der Autorität nichts Böses.

2018 (!) befreit er sich. Ein Anruf beim Amt für Denkmalschutz ergibt, dass dort gar kein Antrag vorliegt. Darauf wendet er sich an den Mieterverein. Der Anwalt des Vermieters teilt dem Mieterverein mit, der Mietvertrag beinhalte keine eigene Toilette. (!) Aber jetzt ist die Angst überwunden. Der Rentner lässt sich mit Unterstützung des Mietervereins zunächst auf eigene Kosten eine Toilette einbauen – und erhält knapp ein Jahr später vom Vermieter eine Überweisung für die Kosten. Aber keine Antwort auf die Frage, wieso das Klo 2014 überhaupt entfernt wurde.

 

Ein Lehrstück. Sicher ein extremes. Aber bevor wir die Augen verdrehen, sollten wir uns fragen, ob uns  all diese Mechanismen nicht aus eigener, aus ureigenster Erfahrung recht vertraut sind. „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“ – das sagt sich so leicht.

In der Wendezeit 1989 gab es mal eine Karikatur. Darunter stand: „Das Kaninchen vor der Schlange“. Das Bild zeigte ein Riesenkaninchen – nämlich „das Volk“ (das damals noch nicht skandierte „wir sind ein Volk“) und eine zum Wurm geschrumpfte Schlange – die DDR-Regierung. Klappt doch mit dem Sich-Wehren! Tja. Hinterher ist man klüger. Die Studenten von Tieananmen sind es auch.

 

 

 

 

Auch im Juni geht es weiter! Neuer Artikel eingestellt: „Macht ist die Konsequenz, Unterwerfung die Ursache“

Diesen Satz von Humberto Maturana habe ich mir erlaubt etwas kritisch anzuschauen… Wen es interessiert: Unter „eigene Veröffentlichungen – Artikel“ gehen.

Neuer Artikel eingestellt. Oder so was Ähnliches

„Fritz Bauer und Michel de Montaigne oder: ich weiß immer noch nicht, was Humanismus ist“

das ist jetzt nicht so ganz ein Artikel, sondern eine Verknüpfung von Zitaten. Aber auf alle Fälle zu lang, um es hier unter „Blog“ zu bringen. Also bitte unter „Eigene Veröffentlichungen – Artikel“ nachgucken. Wofern Interesse besteht…

 

Von Luftbrücken und Luftschlägen.

En paar Gedanken zum Ende der Berliner Luftbrücke vor 70 Jahren

Dieses Gefühl den Amerikanern gegenüber – das ist mir unfassbar, dass das heute auf diese Weise so in die Brüche ging.“ (Zeitzeugin 2019 im Deutschlandfunk)

Heute vor 70 Jahren konnte die Luftbrücke nach Berlin eingestellt werden. Nach fast einem Jahr: am 24. Juni 1948 hatte sie begonnen. Eine verdammt lange Zeit.

Bewusst habe ich (Jahrgang 1946) das natürlich nicht erlebt, atmosphärisch jedoch war es präsent und prägend für mich bis hin zu Kennedys Satz bei seinem Berlin-Besuch 1963 „Ick bin ein Börliner.“ Aber als ich ein wenig nachgelesen habe, stellte ich fest, dass ich diese Luftbrücken-Zeit entschieden zu harmlos abgespeichert hatte, so ein bisschen als Indianerspiel Amis gegen Russen, das mit Hilfe von Rosinenbombern gewonnen wurde.

Zu den Fakten: Nachdem in den Westsektoren Berlins die Währungsreform durchgeführt wurde, sperrten die russischen Besatzer nicht nur sämtliche Verbindungswege, sondern auch die Stromversorgung. Eine Stadt mit 2,2 Millionen Einwohnern aus der Luft zu versorgen – da ging es nicht um Rosinen und Schokolade. Tatsächlich wurde hauptsächlich Kohle eingeflogen. Trotzdem froren die Berliner im Winter 48/49 verdammt und die tägliche Kalorienration war zum Erbarmen. Im Juli 1948 glaubten 86% der Berliner nicht, dass die Sache mit der Luftbrücke klappen könnte, sondern sie rechneten mit der Preisgabe Westberlins an die Russen.

Die logistische Leistung der Amerikaner und Briten kann man einfach nur fantastisch nennen (die Franzosen waren so gut wie nicht dabei: Ihre Flugzeuge brauchten sie im Indochinakrieg…. Dazu kommen wir gleich noch). Das ist der Stoff, aus dem Heldenlieder komponiert werden.

Und dennoch habe ich mich gefragt: Was waren die Motive hinter dieser äußerst werbewirksamen und loyalitätsaufbauende Strategie? Um was ging es eigentlich? Ich habe meine Zweifel, ob es eine solche Luftbrücke zum Beispiel nach einem Erdbeben mit gleicher Auswirkung gegeben hätte. Naturkatastrophe reicht wohl nicht. Da braucht es noch einen „Feind“. Oder?

Ich denke an Leningrad, ungefähr so groß wie Westberlin, belagert von der deutschen Wehrmacht vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944. 1,1 Millionen Tote forderte die „Vernichtung durch Hunger“. Da war keine Luftbrücke möglich. Aber in wie vielen Fällen würde eine Luftbrücke, ein Luftbrücklein helfen? Warum ist „Not“ keine ausreichende Begründung?

Von der Berliner Luftbrücke ist ein ganz kurzer Weg zu Luftschlägen. Dass die Franzosen ihre Flugzeuge brauchten, um im Indochinakrieg zu bombardieren, statt Milchpulver nach Berlin zu fliegen, erwähnte ich bereits. Derselbe Berliner John F. Kennedy ordnete 1961 an, dass die amerikanische Luftwaffe Agent Orange (Dioxin) versprüht, zur Entlaubung des Dschungels und um Reisfelder zu zerstören.  45 Millionen Liter waren es am Ende… und noch einige Millionen Liter anderer Herbizide.

1965, also sechzehn Jahre nach den Rosinenbombern setzten die Amerikaner im Vietnamkrieg Napalm ein (löst Brände bis 2000 ° C aus). Meist wurde es aus Jagdbombern abgeworfen. Insgesamt 400.000 Tonnen… Nach Berlin wurden 2,1 Millionen Tonnen Hilfsgüter geflogen.

Wie verrückt sind wir eigentlich? Wir alle! Aber wir können auch anders. Wir könnten auch anders.

Zeitzeugen der Luftbrücke (gibt nicht mehr so viele. Deshalb lohnt es sich, den Link aufzurufen):

https://www.deutschlandfunk.de/70-jahre-nach-ende-der-berliner-luftbruecke-schokolade-und.1773.de.html?dram:article_id=448388

Ausführliches über die Luftbrücke:

https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Luftbr%C3%BCcke

Surprise, surprise: Auch ich bin internetabhängig!!

Ich habe Ferien. Ich bin in Konstanz. Es gibt genug zu tun, genug zu erwandern, genug zu lesen, genug anzuschauen. Und schlafen kann ich auch so viel ich will.

Und was passiert? Unitymedia hat ein Problem und damit habe ich ein Problem bekommen: WLAN funktioniert nicht mehr, Festnetztelefon funktioniert nicht mehr, meinen Lieblingssender im Radio kann ich auch nicht mehr hören, mit dem Laptop geht’s nicht ins Internet….. Was habe ich gelästert, als ich vor zwei, drei Jahren las, dass der durchschnittliche Smartphone-Besitzer (Handy sagt man wohl nicht mehr?) pro Tag etwa achtzigmal nachschaut, ob eine Nachricht gekommen ist oder so…

Jetzt war ich selbst abgeschaltet, ausgeschaltet, abgeschnitten vom Leben, weg vom Fenster. Hektik machte sich breit: Fritzbox an- und ausschalten. Stecker ziehen, dies und das probieren. Mein Gott, denke ich parallel: was ist denn jetzt sooooo wichtig, dass Du es mitteilen müsstest oder mitgeteilt kriegen müsstest. Ich gebe mir die Antwort: Nichts. Und schalte die Fritzbox weiter an und aus und grüble: liegt der Fehler in einer kaputten Fritzbox, einem falsch eingesteckten Kabel oder am Unitymedia System? WAS KANN ICH BLOSS TUN ???

Als nach  30 Stunden (Dreißig Stunden!!!!DREISSIG!!!!),  einer Nachfrage bei meinem PC-Menschen (nein, es habe keinen Zweck, die Fritzbox zu ihm zu bringen, das rieche nach Störung im System), einem Anruf bei der Störungsstelle (ja da sei was mit irgendeinem Knoten, der sich verknotet habe oder so, und man wisse noch nicht, wann das wieder in Ordnung käme).  Erklärende Bemerkung: die Not machte mich erfinderisch und immerhin habe ich jetzt richtig kapiert, wie man ohne WLAN anruft und E-Mails schickt. (Wenn eine Menge Leute diese Internetseite zur Kenntnis nehmen würde, würden jetzt eine Menge Leute  die Nase rümpfen. Aber ich kann beruhigt sein.)

Also, als nach 30 Stunden (Dreißig Stunden!!!! DREISSIG!!!!) die natürliche Ordnung wiederhergestellt war, galt eine meiner ersten Aktivitäten der Suche nach dem Artikel „Gestörte Kommunikation…. Nutzer verzweifeln, weil Facebook und…. mehrere Stunden nicht erreichbar sind“ in der Süddeutschen Zeitung vom 15.3.2019, dessen Lektüre allen zu empfehlen ist. Darin wird (für mich ach so nachfühlbar) geschildert, wie verzweifelte Menschen die Polizei in Neuseeland anriefen, bis diese sich gezwungen sah, klarzustellen“Wir sind die Polizei. Bitte rufen Sie uns wegen dieser Sache nicht an.“ Endzeitstimmung!

Was für eine Aussicht, wenn Facebook und Co nie nie mehr wieder funktionierten? Die Süddeutsche völlig unempathisch: „Menschen würden wieder ungeschminkt auf Berggipfel steigen, weil es nicht mehr allein darum ginge, das Beweisfoto mit der ganzen Welt zu teilen.“

So. Und ich gehe in mich und schäme mich. Angefangen habe ich damit schon heute Morgen. Nachdem der Servicemensch von Unitymedia erklärt hatte, dass da ein Systemfehler vorliege, der dauern könne, erwiderte ich:  „Naja, ist ja eigentlich nicht schlimm. Viele Generationen kamen komplett ohne Internet aus.“ Ich glaube, das hat er nicht so ganz verstanden.

Neuer Berufszweig: Influenza

In der Hausarbeit einer Studentin fand sich folgender Satz:

„In ihrer Szene verkörpern sie den neuen Berufszweig Influenza. Und erklären, wie hart der Alltag eines Bloggers sein kann.“

Berufszweig Influenza???

????? Nachdenken. ???? Tiefes Nachdenken ???? Noch tieferes Nachdenken ????  Erleuchtung:  ACH SO!  Die Dame meint „Influencer“.

Falls Ihnen auch jetzt noch kein Licht aufgegangen ist (was bei Menschen, die vor 1970 geboren sind, ohne Wenn und Aber entschuldbar ist), dann informieren Sie sich über diesen neuen Berufszweig auf Wikipedia .

Und wenn Sie dann Appetit bekommen haben, beruflich umzusatteln, hier bitteschön ein Tipp:  Mit diesen 19 Strategien wirst Du zum Influencer – Neil Patel  

O tempora, o mores!

Allerdings muss dem inzwischen unter dem Label „Bildungsexperte“ firmierenden Heinz-Peter Meidinger (ich kannte ihn bisher als Präsidenten des Deutschen Philologenverbandes bzw. des Deutschen Lehrerverbandes und weiß jetzt nicht, ob der Expertenstatus ein Avancement bedeutet. ) entschieden widersprechen, wenn er die schlechten Rechtschreibkenntnisse der jungen Deutschen auf Handy und Kurznachrichten zurückführt. Erstens waren die Rechtschreibkenntnisse schon mal viel schlechter, z.B. im 16. Jahrhundert. Und zweitens: Wer „Influenza“ korrekt schreiben kann, gibt doch zu berechtigten Hoffnungen Anlass!

In diesem Sinn „don’t panic“!

Nachtrag einige Wochen später. Zitat aus einer anderen studentischen Hausarbeit: „Zwischen Nord- und Südkorea verläuft eine Dissertationsline“ Ach ja, all diese Nichtpromovierten! 

Hinweis: Neuer Artikel eingestellt!